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Immobilien Londons Wohnungsmarkt ist ein Albtraum für Mieter

Londons Wohnungsmarkt ist ein Albtraum für Mieter Quelle: imago images

Die Mieten in London zählen zu den höchsten in der Welt. Zugleich haben Mieter kaum Rechte. Wie konnte es dazu kommen – und was kann Deutschland davon lernen?

Bei der Debatte um steigende Mieten in Berlin und anderen deutschen Städten fällt immer wieder der Name einer bestimmten Stadt. Sie wird als Negativbeispiel dafür genannt, was Berlin im schlimmsten Fall drohen könnte: London. Bundesfinanzminister Olaf Scholz etwa mahnte kürzlich: „Wenn wir nicht Verhältnisse wie in London wollen, wo selbst Anwälte und Ärzte in Wohngemeinschaften leben, weil sie sich keine eigene Wohnung leisten können, müssen wir dagegen etwas unternehmen.“

Klar, könnte man sagen, da versucht mal wieder ein SPD-Politiker, seine Partei mit einer betont linken Position aus dem Umfragetief zu holen. Bis man hört, wie sich auch Rolf Buch, Chef des größten privaten Vermieters in Deutschland, Vonovia, kürzlich zu dem Thema geäußert hat: „Wir möchten keine Städte wie London, in denen es sich nur Superreiche leisten können, in der Innenstadt zu wohnen“, sagte Buch der Finanznachrichtenagentur Bloomberg. Der nun für fünf Jahre beschlossene Mietendeckel werde Berlin die Zeit geben, grundlegende Probleme anzugehen, glaubt Buch. Dazu zählten der Mangel an günstigem Wohnraum und notwendige Sanierungen.

Die Lage in London ist tatsächlich für viele Menschen problematisch. Die ohnehin schon hohen Mieten sind in den fünf Jahren bis 2017 noch einmal um 20 Prozent gestiegen. Eine Dreizimmerwohnung für eine Kaltmiete von unter 1200 Pfund (circa 1340 Euro) bekommt man laut Daten der Stadt London nur am äußersten östlichen Rand der Hauptstadt – weit abseits von den gut bezahlten Jobs in der Innenstadt und in keinen attraktiven Gegenden. Im zentralen Viertel Islington ist eine solche Wohnung für unter 2000 Pfund kaum zu bekommen. Hinzu kommen noch Strom- und Heizungskosten sowie die „council tax“, die von den lokalen Verwaltungen erhoben wird und die sich nach dem Hauspreis richtet. In vielen Londoner Vierteln beträgt diese für eine Wohnung dieser Größe noch einmal etwa 100 Pfund im Monat.

Die Brexit-Unsicherheit hat zwar in den vergangenen zwei Jahren dazu geführt, dass die Hauspreise derzeit langsamer steigen. Auf die Mieten wirkt sich das allerdings nicht aus. Denn viele Londoner haben aufgrund der drohenden Unsicherheit geplante Umzüge verschoben. Das hat zu einer Verknappung des Angebots geführt, die sich in vielen Vierteln in steigenden Mieten ausdrückt. Laut der Immobilien-Webseite Rightmove lag der durchschnittliche Mietpreis in London im vierten Quartal 2018 bei 2034 Pfund im Monat, also rund 2260 Euro. Das ist ein neuer Rekord. Für 2019 wird ein Anstieg um weitere vier Prozent vorhergesagt.

Doch nicht nur die immens hohen Wohnkosten machen den Mietern in der britischen Hauptstadt das Leben schwer. Sie haben auch im Vergleich mit den europäischen Nachbarn kaum Rechte. Einen Mieterschutz wie in Deutschland gibt es in Großbritannien praktisch nicht. Mietverträge werden in aller Regel nur für einen Zeitraum von sechs bis zwölf Monaten ausgestellt. Danach kann der Vermieter machen, was er möchte: Er kann den Preis beliebig erhöhen oder seine Mieter (wenn er sie zuvor fristgerecht informiert hat) hinauswerfen. In manchen Londoner Vierteln, die hip geworden sind, ist es in den vergangenen Jahren vorgekommen, dass Vermieter die Miete über Nacht verdoppelt haben.

Rechnet man aus, was den Menschen nach dem Abzug der Wohnungskosten zum Leben bleibt, fällt ein erschreckend großer Teil der Londoner unter die Armutsgrenze. Laut Zahlen des Trusts For London betrifft das im Moment 2,3 Millionen Menschen, das sind 27 Prozent der Einwohner der Hauptstadt. Der Großteil dieser Menschen lebt in Familien, in denen mindestens ein Familienmitglied berufstätig ist. Es handelt sich bei ihnen um die „working poor“, also um Menschen, die trotz Arbeit in Armut leben.

Dabei sah die Lage auf dem britischen Wohnungsmarkt vor einigen Jahren noch vollkommen anders aus. Anfang der Siebzigerjahre lebte etwa die Hälfte der Briten in gemieteten Wohnungen; je zur Hälfte in privat vermieteten oder in Sozialwohnungen. Die Mieten waren erschwinglich, es gab einen umfassenden Mieterschutz, den die damalige Labour-Regierung 1977 weiter ausbaute. Mieter privat vermieteter Wohnungen konnten danach bei den Behörden die Deckelung ihrer Miete auf einen fairen Satz beantragen.

Eine folgenschwere Entscheidung. Viele Vermieter verkauften daraufhin so schnell sie konnten ihre Immobilien, weil sie um deren Rentabilität fürchteten. Es kam zu absurden Praktiken: So versuchten einige Vermieter damals, über enorm hohe Garagenmieten oder viel zu hohe Abstandszahlungen auf Einbauküchen ihre Einnahmen zu erhöhen. Der Anteil der privat vermieteten Wohnungen ging rasant zurück. Ende der Achtzigerjahre lag er nur noch bei neun Prozent. Es wurde zunehmend schwierig, auf dem freien Markt eine Mietwohnung zu finden. Stattdessen brummte der Schwarzmarkt. Die Reformen waren gründlich nach hinten losgegangen.

Margaret Thatcher, die 1979 an die Macht kam, leitete bald eine 180-Grad-Wende ein – und fiel von einem Extrem ins andere. Thatcher wollte die Rolle des Staates im Immobiliensektor so weit es ging zurückdrängen und Großbritannien in ein Land von Immobilieneigentümern verwandeln. Sie weitete die seit den frühen Siebzigerjahren gängige Praxis aus, wonach Bewohner von Sozialwohnungen ihre Wohnungen zu einem Vorzugspreis erwerben konnten. Bis 1987 wurden eine Million Sozialwohnungen auf diese Weise verkauft. Die lokalen Behörden, von denen viele diese Verkäufe begrüßten, bauten die verkauften Sozialwohnungen jedoch in aller Regel nicht nach – und legten damit eine der Grundlagen für die problematische Situation der Gegenwart.

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