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Immobilienblase Schulden sind Schwedens gefährlicher Volkssport

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Schulden erst in 100 Jahren getilgt

Nur 60 Prozent der verschuldeten Haushalte zahlen ihre Kredit überhaupt zurück – allerdings langsam. Die meisten werden eine Tilgung zu Lebzeiten nicht schaffen. Die durchschnittliche Rückzahlungsdauer liegt bei 100 Jahren.

Die Zentralbank hat sich die Verschuldung von rund vier Millionen erwachsenen Schweden genauer angesehen. 15 Prozent dieser Haushalte reduzieren ihre Schulden überhaupt nicht. Noch schlimmer: 25 Prozent erhöhen ihre Schulden von Jahr zu Jahr.

Immobilienpreise in Europa

Weil die Immobilienbanken gern auch 120 Prozent der Kaufpreise für Wohnungen und Häuser finanziert haben, war oft auch noch der Urlaub, das Ferienhaus oder das neue Auto mit der Hypothekenfinanzierung drin. Steigt die Immobilie im Wert, kann der Kredit erweitert werden. Was die private Verschuldung angeht, sitzt Schweden auf einem Pulverfass.

„An die Form der Immobilienfinanzierung musste ich mich erst gewöhnen“, erinnert sich Lind. In Schweden sind Hypothekenkredite mit variabler Verzinsung vollkommen normal. Mehr als zwei Drittel der Schweden nutzen diese Kreditform. Dass Lind damals für das Darlehen eine Zinsfestschreibung für fünf Jahre vereinbarte, sorgte bei seinen Kollegen für Schmunzeln. So etwas mache niemand, erklärten sie ihm.

Verführerische Niedrigzinsen

Als Lind seine Wohnung finanzierte, kletterte der Zinssatz noch von Woche zu Woche. Die Zinsanpassungen zieren regelmäßig die Titelseiten der Tageszeitungen, Stammtischgespräche drehen sich um die aktuelle Zinshöhe. 2008 lag er noch bei mehr als sechs Prozent. Aber die lange Phase fallender Zinsen nach Ausbruch der weltweiten Finanzkrise und eine schwelende Deflation haben ihn inzwischen unter die Marke von zwei Prozent gedrückt.

Die Immobilienblase birgt erhebliche Gefahren. Steigt der variable Zins irgendwann wieder, dürften insbesondere junge Familien schnell mit den Monatsraten überfordert sein. Wenn diese Haushalte dann ihr Wohneigentum verkaufen müssen, fallen die Häuserpreise. Die Sicherheiten der Banken verlieren dann dramatisch an Wert, viele Haushalte auf einen Schlag technisch gesehen Insolvent – und auch den Banken droht eine Pleitewelle.

Die Schweden haben dabei offenbar ähnlich wie Dänen und Niederländer eine vollkommen andere Einstellung zum Schuldenmachen. "Es gibt einen deutlichen Mentalitätsunterschied", hat Lind beobachtet. "Die Schweden wollen gar nicht tilgen, selbst dann nicht, wenn sie hohe Ersparnisse haben. Wenn Sie eine Anschaffung planen, fragen sie die Bank nur nach den Raten. Sie sehen nur die monatlichen Kosten."

Staatlicher Mietmarkt funktioniert nicht

Wohnungsknappheit und Zinstief haben in Schweden merkwürdige Blüten getrieben. Der Mietmarkt etwa ist seit der Nachkriegszeit fest in kommunaler Hand, ein freier Markt existiert nicht. Die Städte und Gemeinden legen zudem einheitliche Mietpreise fest. Lediglich die Wartezeit bis zur Zuteilung einer Mietwohnung signalisiert, ob es sich um eine gute Wohngegend oder eine begehrte Wohnung handelt oder nicht. Allein in Stockholm sollen rund 400.000 Personen in den Warteschlangen gelistet sein, die auf eine Mietwohnung warten.

Aufgrund der massiven Landflucht sind insbesondere in den Großstädten Mietwohnungen Mangelware. In den begehrtesten Lagen Stockholms warten Mietinteressenten bis zu 30 Jahre auf eine freie Wohnung. Wer einmal die gewünschte Mietwohnung ergattert hat, gibt sie daher so schnell nicht auf. Mieter können ihr Mietrecht auch an die Kinder vererben oder über staatliche Tauschbörsen gegen andere Mietwohnungen eintauschen.

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