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Kapitalistisch, reich, skrupellos? Der Mythos vom gierigen Vermieter

Vermieter-Klischees: Mythen entzaubert Quelle: Fotolia

Wer privat Wohnungen vermietet, wird in der Regel nicht reich – und auch Profis sind weniger schlimm, als viele vermuten. Das Klischee vom gierigen Vermieter im Faktencheck.

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Über Vermieter gibt es viele Vorurteile. Eines der beliebtesten Klischees ist das des gierigen Kapitalisten. Festgemacht wird dieses Feindbild an Investoren, die Altbauten luxussanieren, um Mieten massiv zu erhöhen. Oder an Immobilienprofis, die Mietshäuser aufkaufen, aufteilen, und die einzelnen Wohnungen teuer weiter veräußern. Genaue Zahlen dazu, wie häufig das vorkommt, gibt es kaum.  

Tatsächlich ist über deutsche Vermieter relativ wenig bekannt. Insbesondere Privatpersonen, die Wohnungen nebenberuflich vermieten, sind statistisch eine Blackbox. Repräsentative Studien, die auf Stichproben basieren, sind bei vier Millionen privaten Vermietern aufwendig und teuer. Entsprechend selten kommen neue Analysen auf den Markt. Trends lassen sich so kaum ablesen.

Das, was es an belastbaren Zahlen gibt, zeichnet jedenfalls ein anderes Bild als die üblichen Klischees. Die wichtigsten Vorurteile gegenüber Vermietern im Fakten-Check:

Vermieter sind Großgrundbesitzer

In Berlin fordert eine Initiative Großvermieter wie die Immobilienkonzerne Deutsche Wohnen und Vonovia zu enteignen. Wer mehr als 3000 Wohnungen im Bestand habe, solle seine Immobilien an den Staat abgeben. Die börsennotierten Vermieter Vonovia oder Deutsche Wohnen kontrollieren zusammen jedoch nur 2,2 Prozent des Wohnungsmarkts. Alle professionellen, privatwirtschaftlichen Wohnungsbesitzer kommen insgesamt auf einen Marktanteil von 17 Prozent.

Zwei Drittel der 24 Millionen in Deutschland vermieteten Wohnungen gehören privaten Vermietern. Statistisch halten sie im Schnitt jedoch nur 3,75 Wohnungen pro Kopf. Rund 60 Prozent der Mietshäuser, die im Privatbesitz sind, haben maximal sechs Wohnungen. An solch kleinteiligen Immobilien haben die Großvermieter in der Regel kein Interesse, weil ihnen der Verwaltungsaufwand pro Wohnung zu groß ist.

Vermieter quetschen ihre Mieter aus

Insbesondere in den Großstädten ziehen die Mieten deutlich an. Das Statistische Bundesamt wollte es genau wissen und analysierte die Mietpreisentwicklung getrennt nach privaten, öffentlichen und gewerblichen Vermietern.

Ergebnis: Von 2015 bis 2018 erhöhten die privaten Vermieter im Schnitt um 4,6 Prozent, bei den gewerblichen Profis waren es 6,8 Prozent. Private Vermieter wirkten preisdämpfend, so das Bundesamt. Anders als Immobilienprofis nutzen sie den gesetzlichen Spielraum bei der Miete häufig nicht aus. Das Wirtschaftsinstitut DIW in Berlin fand heraus, dass 57 Prozent der privaten Vermieter weniger als zwei Prozent Mietrendite pro Jahr machen. Mit anderen Kapitalanlagen hätten sie mehr verdient.

Für das Verhalten der privaten Vermieter gibt es mehrere Ursachen. Zum einen arbeiten sie weniger professionell. Viele Besitzer verwalten ihr Mietshaus noch in Eigenregie. Im Nebenerwerb fehlt privaten Vermietern oft die Zeit, alle Mietverträge ständig im Blick zu behalten. Und sie scheuen sich, die Mieten kontinuierlich anzuheben, weil sie meist noch einen persönlichen Kontakt zu den Mietern pflegen. Starke Mieterhöhungen könnten das Verhältnis belasten, so fürchten viele Vermieter.

Stattdessen satteln private Vermieter lieber bei der Miete drauf, wenn die Wohnung neu vermietet wird. So bleibt die Miete über längeren Zeitraum stabil. Bei rund einem Viertel der Verträge sind die Mieten seit mehr als zehn Jahren stabil, sagt die Statistik des Eigentümerverbands Haus und Grund. Im Schnitt liegt die Miete rund 2,8 Prozent unter dem ortsüblichen Niveau, so Haus und Grund.

Ob private Immobilieneigentümer in erster Linie schlechtere Kaufleute oder rücksichtsvollere Vermieter sind, lässt sich aus den Zahlen nicht ablesen. Den Mietern, die weniger zahlen als bei den Immobilienprofis, wird es egal sein.

Vermieter verdienen sich eine goldene Nase

Wer im Nebenerwerb vermietet, will meist fürs Alter vorsorgen, Vermögen erhalten und es an die nächste Generation weitergeben. Immerhin 41 Prozent der privat vermieteten Wohnungen wechseln durch Erbschaft oder Schenkung den Besitzer. Die Mieteinnahmen, die Familien aus ihren Immobilien erzielen, sind überschaubar. Nach einer Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft in Köln sind es bei 53 Prozent der Privatvermieter weniger als 5000 Euro netto pro Jahr. Vermietung ist für viele Haus- und Wohnungsbesitzer bestenfalls ein Zubrot.


Vermieter setzen ihre Interessen knallhart durch

Die Zahl der Gerichtsverfahren, bei denen sich Mieter und Vermieter streiten, sind seit Jahren rückläufig. Zwischen 2015 und 2017 ging sie um 13 Prozent zurück. Wer als Mieter mindestens zwei Monatsmieten schuldig bleibt, muss mit Kündigung des Mietvertrags und schlimmstenfalls mit einer Klage auf Zwangsräumung rechnen. Der Gesetzgeber hat 2013 die Räumung von Mietwohnungen erleichtert. Dennoch wurde danach nicht automatisch mehr geklagt oder geräumt. Tatsächlich ist beispielsweise in Berlin die Zahl der Zwangsräumungen und Räumungsklagen von 2012 mit 24 pro Tag auf zehn pro Tag im Jahr 2017 zurückgegangen.

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