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Mietenwahnsinn „Die Berliner haben eine historische Chance verpasst“

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„Wenn es mehr Eigentümer gäbe, hätten mehr Berliner von der Aufwertung in der Stadt profitiert“

Sie haben auf die Bedeutung des Neubaus hingewiesen. Wenn in den vergangenen Jahren Wohnungen neugebaut worden sind, dann waren das oft teure Wohnungen. Wie soll das helfen, um bezahlbaren Wohnraum zu sichern?
Prinzipiell hilft jede Wohnung, die das Angebot erhöht. Am Immobilienmarkt gibt es sogenannte Sickereffekte. Letztlich ist es ja die reale Nachfrage nach Wohnraum, die entscheidend ist. Wenn jemand eine teure Wohnung bezieht, zieht er aus einer anderen, günstigeren Wohnung aus. Die wird dann frei. Diese Kette lässt sich fortsetzen, sodass am Ende selbst Luxuswohnungen zur Entspannung auf dem Markt beitragen. Außerdem sind bei vielen Projekten fixe Sozialquoten vorgegeben, sodass zum Beispiel 30 Prozent des Wohnraums günstig angeboten werden müssen. Klar ist aber, dass solche Sozialquoten tendenziell die Preise des übrigen Wohnraums in den Projekten erhöhen. Der Investor wird hier schließlich eine Mischkalkulation machen, um unter dem Strich auf seine Kosten zu kommen.

Berlin ist eine Mieterstadt. Inwiefern haben die Berliner die jetzigen Probleme daher selbst verschuldet?
Mit 85 Prozent Mieteranteil nimmt Berlin tatsächlich eine Sonderstellung ein. Wenn es mehr Eigentümer gäbe, hätten mehr Berliner von der Aufwertung in der Stadt profitiert. Die Berliner haben eine historische Chance bislang verpasst, aber sie können sie noch immer ergreifen. Vielleicht wäre auch mehr gebaut worden, wenn mehr Berliner sich für Eigentum entschieden hätten. So wurde die Verantwortung stark auf Investoren abgewälzt. Die städtischen Wohnungsgesellschaften haben sich in den vergangenen Jahren ebenfalls eher zurückgezogen, Bestände wurden privatisiert. Auch die Zahl der Sozialwohnungen ist deutlich gesunken.

Eine Initiative will nun ein Volksbegehren für die Enteignung von Wohnungen großer Immobilienkonzerne anstoßen. Wie bewerten Sie diesen Vorstoß?
Er ist vor allem populistisch. Wie sinnvoll es ist, frühere städtische Wohnungsbestände nun teuer zurückzukaufen, sei dahingestellt. Klar ist, dass auch so keine zusätzliche Wohnung entsteht. Zudem sehe ich verfassungsrechtlich große Fragezeichen, ob eine solche Enteignung trotz der dann fälligen Entschädigung zulässig ist. Diese rechtlichen Fragen werden aber in langwierigen Verfahren zu klären sein. Die nächste Wahl ist dann vielleicht schon gelaufen. Aus politisch-strategischer Sicht können solche populistischen Vorhaben daher nachvollziehbar sein, denn Politiker können so ein bestimmtes Klientel bedienen. Bitter ist es nur, weil es letztlich allen auf der Suche nach bezahlbarem Wohnraum schadet.

Entlädt sich der Druck auf dem Berliner Immobilienmarkt bereits ins Umland?
Teilweise findet das bereits statt. Es geht aber nur begrenzt. Die Preise direkt an der Stadtgrenze, im brandenburgischen Kleinmachnow zum Beispiel, sind schon ähnlich teuer wie in den benachbarten Berliner Lagen. Die Entwicklung reicht mittlerweile deutlich weiter, im Westen der Stadt etwa bis nach Nauen, rund 20 Kilometer von der Stadtgrenze entfernt. Oder bis nach Beelitz-Heilstätten, noch etwas weiter im Südwesten, wo 1300 Wohnungen entstehen. Da beobachten wir einen massiven Anstieg. Es fehlt aber vor allem ein großer Masterplan für die Entwicklung dieser Stadt selbst. In Berlin gibt es zum Beispiel durchaus noch Ackerflächen, etwa in Französisch-Buchholz. Warum braucht man die? Warum baut man da nicht noch viel stärker? Oder nehmen wir das Beispiel Tempelhofer Feld. Auf dem Gelände dieses ehemaligen Stadtflughafens sollten Wohnungen entstehen, sehr viel sozialer Wohnungsbau. Ein Volksbegehren hat das abgeschmettert. Nun kann man da Drachen steigen lassen.

Mehr zum Thema: Der Immobilienboom heizt Emotionen an: Mieter fürchten die Willkür der Eigentümer – und Eigentümer die Willkür der Politik. In Berlin wollen sie jetzt die Mieten kürzen. Unser Redakteur hat früher dort sehr günstig gewohnt. Was ist aus seiner Studentenbude geworden? Und was lässt sich aus dem Beispiel lernen? Eine Spurensuche.

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