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Tool der Woche für Kreditnehmer Tilgen statt sparen

Die Renditen bei der Geldanlage sinken. Für alte Kredite werden hohe Zinsen fällig. Die Lösung lautet: Tilgen statt sparen. Wann Kreditnehmer vorzeitig zurückzahlen dürfen - und was sie individuell ausrechnen können.

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Geschlachtet: Wer seine Sparanlagen für die Tilgung alter Schulden einsetzt, macht aktuell ein gutes Geschäft. Quelle: dpa

Düsseldorf Vermögende haben es im Moment schwer. Wohin nur mit dem Geld? „Es wird immer schwieriger, zu einem vertretbaren Risiko ansprechende Renditen zu erzielen“, sagt Frank Ebach, der als Direktor der BHF-Bank Köln wohlhabende Kunden im Rheinland betreut. Selbst vier Prozent seien aktuell ohne Risiko nicht mehr drin.

Die Preise in fast allen Anlageklassen sind auf enorme Höhen geklettert. Das gelte nicht nur für klassische Investments in Aktien, Anleihen, Gold oder Immobilien. „Selbst bei Kunst, Oldtimern, edlen Weinen oder Schmuck sind die Preise mittlerweile vielfach abenteuerlich“, sagt Ebach.

Noch trister ist die Situation derzeit bei Zinskonten. Für Tagesgeld bieten Banken aktuell im Schnitt 0,8 Prozent, für einjähriges Festgeld 0,73 Prozent. Selbst zehnjährige Sparbriefe rentieren nur noch mit durchschnittlich 2,11 Prozent – so niedrig wie niemals zuvor.

Sparer, die etwas auf der hohen Kante haben, haben trotzdem eine Alternative. Zumindest wenn Sie verschuldet sind. „Es ist aktuell sehr lukrativ alte Kredite zu tilgen, die noch aus der Zeit höherer Zinsen stammen“, sagt Max Herbst, Inhaber der FMH-Finanzberatung. Handelsblatt Online zeigt, wie Kunden Immobilien-, Raten- und Dispokredite vorzeitig zurückzahlen können und wie viel Geld sie sparen können.

Besonders groß ist der Vorteil bei Baudarlehen, die Immobilienbesitzer vor einigen Jahren abgeschlossen haben. Viele Verträge erlauben eine Sondertilgung, ohne dass dafür eine Vorfälligkeitsentschädigung fällig wird. Üblicherweise können Kunden jedes Jahr bis zu fünf Prozent der Darlehenssumme vorzeitig zurückzahlen, flexiblere Darlehen erlauben auch höhere Sätze.


Wie viel die Tilgung bringt

Für ein Standard-Baudarlehen über 150.000 Euro lag der durchschnittliche Zins im Jahre 2008 noch im Schnitt bei 5,15 Prozent. Wenn ein Kunde aktuell 10.000 Euro für die fünf Jahre bis zum Ende der Zinsbindung anlegen würde, könnte er nach einem Marktvergleich der FMH-Finanzberatung mit risikolosen Sparbriefen bestenfalls eine Rendite in Höhe von 2,6 Prozent erzielen. Die Ersparnis der vorzeitigen Tilgung von 10.000 Euro läge bei 1630 Euro.

Das gilt aber nur für den schlechtesten Fall. Denn nicht alle Kunden dürften die Top-Offerte des besten Anbieters ergattern. Im Schnitt rentieren Sparbriefe mit einer Laufzeit von fünf Jahren nur bei 1,39 Prozent. Der Vorteil der Sondertilgung von 10.000 Euro betrüge in diesem Falle sogar 2215 Euro. Wie hoch der Vorteil in ihrem persönlichen Fall ausfällt, können Kreditnehmer bei Handelsblatt Online individuell mit dem Tilgungsrechner ermitteln (siehe unten).

Immobilienbesitzer sollten sich aktuell allerdings auf die Option zur Gratis-Tilgung beschränken. „Wenn die Bank eine Vorfälligkeitsentschädigung verlangen kann, lohnt eine vorzeitige Tilgung nicht“, sagt Herbst. Bei Darlehen mit einer Zinsbindung von zehn Jahren können Kunden ohne Sondertilgungsoption das Darlehen erst nach Ablauf der Zinsbindung kündigen. Wer eine längere Zinsbindung vereinbart hat, kann frühestens nach zehn Jahren ab Vollauszahlung des Darlehens mit sechs Monaten Kündigungsfrist kostenfrei kündigen.

Bis dahin können Kunden mit Standard-Darlehen nur auf die Kulanz der Bank hoffen. Laut Rechtsprechung des Bundesgerichtshofes muss die Bank einer vorzeitigen Tilgung nur zustimmen, wenn die Immobilie verkauft wird oder die Bank einer Nachfinanzierung nicht zustimmt, die eine andere Bank bei freiem Grundbuch durchwinken würde. Ansonsten besteht kein Rechtsanspruch auf eine vorzeitige Darlehensrückzahlung.


Bei allen Fällen, bei denen die Vorgaben des Bundesgerichtshofes nicht gelten, kann das Institut die Vorfälligkeitsentschädigung frei festlegen, auch Summen, die den Schaden weit übersteigen, sind erlaubt. Bedingung: Die Forderung darf nicht sittenwidrig hoch ausfallen. Damit liegt die Grenze beim Doppelten des tatsächlichen Verlustes der Bank.


Mondzinsen für den Dispo

Selbst wenn sich Banken in solchen Fällen kulant zeigen und die Vorfälligkeitsentschädigung nach Vorgabe der BGH-Rechtsprechung berechnen, lohnt sich das Geschäft für den Kunden nicht. Beim Beispieldarlehen über 150.000 Euro läge der Verlust bei Tilgung in diesem Falle gegenüber der Sparbrief-Variante bei knapp 600 Euro.

Wie hoch die Vorfälligkeitsentschädigung nach Vorgabe der BGH-Rechtsprechung individuell ausfällt, können Immobilienbesitzer im Internet auf der Seite www.fmh.de/VFE kostenfrei berechnen. In den Beratungsstellen der Verbraucherzentralen kostet dieser Service 70 Euro.

Wer keine Chance hat, seine Baufi günstig zu tilgen, sollte sich auf die Suche nach Alternativen machen. Besonders lukrativ ist aktuell die Rückführung von Dispokrediten. Üblich sind Kreditrahmen von bis zu drei Monatsgehältern. Im Schnitt verlangen die Banken aktuell 10,5 Prozent, der teuerste Anbieter sogar stolze 14 Prozent. „Der Dispo sollte bei der Tilgung immer die erste Wahl sein“, sagt Herbst.

Hoffnung, dass die Sätze in naher Zukunft deutlich runtergehen gibt es nicht. Die Banken koppeln ihre Dispozinsen an Referenzsätze wie den Euribor, EZB-Leitzins, EONIA oder Mittelwerte verschiedener Pfandbriefbanken. Wenn das historische Zinstief keinen Bestand hat, dürften diese Vorgaben in den nächsten Jahren eher steigen.

Voraussetzung: Die Politik greift nicht ein. Die aktuelle Regierung lehnte zuletzt eine Deckelung mit dem Verweis ab, der Wettbewerb würde für angemessene Preise sorgen. SPD und Grüne erwägen bei einem Wahlsieg aber striktere Vorgaben für die Banken.

Wenn Baufi und Dispo keine Rückzahlungs-Option sind, bleibt einigen Sparern noch die vorzeitige Tilgung der Ratenkredite. Doch Vorsicht: Einige Institute verlangen dafür ein Vorfälligkeitsentgelt. Als Obergrenze gilt laut Gesetz für Kredite mit einer Restlaufzeit von mehr als zwölf Monaten Restlaufzeit 1,0 Prozent von der Restschuld, bei kürzerer Restlaufzeit bis zu 0,5 Prozent.


Versteckte Kosten bei Ratenkrediten

Das sind nicht die einzigen Kosten, die für Kunden anfallen können. Einige Institute verlangten bis vor wenigen Monaten beim Abschluss eine Bearbeitungsgebühr von bis zu drei Prozent der Kreditsumme. Dazu zählen etwa die Deutsche Bank und die Postbank.

Diese Gebühr wird aktuell von Verbraucherschützern angefochten, acht Oberlandesgerichte wiesen sie bereits zurück, ein höchstrichterliches Urteil steht aber noch aus. Das Problem: Kunden, die ihren Kredit vorzeitig begleichen möchten, zahlen drauf, weil die Gebühr von der ersten Rate abgezogen wird und nicht anteilig erstattet wird. Zusätzlich verlangen einige Banken auch noch Gebühren für die Änderung von Ratenhöhe, Laufzeit, Überweisungstermin oder Aussetzen einer Rate.

Kunden sollten sich von den teils komplizierten Preis-Leistungs-Verzeichnissen der Banken nicht abschrecken lassen und vom Berater eine transparente Kostenrechnung verlangen. Die Chancen, dass eine Tilgung mehr bringt als die aktuell niedrigen Habenzinsen, sind groß.

Im Schnitt verlangen Banken aktuell bei durchschnittlicher Bonität für Konsumkredite mit einer Laufzeit von 60 Monaten noch 6,5 Prozent. Bei Abschluss Ende vergangenen Jahres lagen die Zinsen sogar noch einen Prozentpunkt höher.

„In Zeiten billigen Geldes und schwacher Margen auf der Anlageseite haben die Banken die Kredite als lukrative Gewinnquelle entdeckt“, sagt Herbst. „Kunden sollten das bei ihrer Finanzplanung einkalkulieren.“

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