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Überhöhte Rechnungen und Mängel So wehren Sie sich gegen Tricks der Handwerker

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Wie einigt man sich bei Mängeln?

Was sich später hinter der Mauer verbirgt, bleibt oft im Dunkeln. Wer befürchtet, dass Handwerker da, wo man es nicht sehen kann, gepfuscht haben, sollte einen Gutachter beauftragen und gegebenenfalls Nachbesserung oder eine Minderung des Rechnungsbetrags verlangen. Für den Streitfall gibt es Schlichtungsstellen der Handwerkskammern. Quelle: dpa

Es gilt also, vor Erteilung der Abnahme die durchgeführten Arbeiten genau zu überprüfen und den Handwerker zur Nachbesserung jedes entdeckten Mangels aufzufordern. Entspricht die Arbeit nicht der Vereinbarung, sollten Kunden die Abnahme verweigern und dementsprechend auch nichts zahlen. Damit bleibt der Handwerker für das Werk verantwortlich und steht weiter in der vertraglichen Pflicht.

Mit der Abnahme bestätigt der Kunde, das vertragsmäßig vereinbarte Werk wie gewünscht erhalten zu haben und übernimmt damit auch die Verantwortung für die erstellte Arbeit, der Handwerker wird aus der Pflicht entlassen. Und hier liegt der Hase im Pfeffer, wie Karin Goldbeck von der Verbraucherzentrale Niedersachsen weiß: "Das Hauptproblem für den Verbraucher liegt darin, dass die Beweislast für das Vorhandensein von Mängeln beim fachunkundigen Kunden liegt." Eine schief angebrachte Tapete oder eine Waschmaschine, die trotz Reparatur nicht schleudert, sind leicht festzustellen. Aber wie sieht es bei Mängeln beim Bau aus? "Oft sagt einem an sich schon der gesunde Menschenverstand, dass da ein Mangel vorliegen dürfte. Zur Not muss ein Gutachter eingeschaltet werden", so Goldbeck. Vor dem schrecken allerdings viele zurück, schließlich kostet auch der Gutachter Geld.

Mängelbeseitigung, Minderung oder gar Rücktritt

Werden nun aber Mängel festgestellt - vom Verbraucher selbst oder einem Gutachter - beträgt die Gewährleistung im Normalfall zwei Jahre, für Bauwerke (Gebäudeumbau oder -neubau) gelten fünf Jahre ab dem Tag der Abnahme. Kunden haben ihrerseits im Zuge der allgemeinen Verjährungsfrist drei Jahre Zeit, erst später entdeckte Mängel zu reklamieren. "Wir klären mit den Verbrauchern zunächst den Sachverhalt und die Rechtslage ab und raten ihm dann zunächst zu schreiben. Also schriftlich per Einschreiben mit Rückschein den Handwerker zu kontaktieren, die Mangel genau zu beschreiben und eine Frist zu setzen, bis wann der Mangel behoben sein muss", sagt Goldbeck. In der Regel hat der Handwerker ein bis zwei Mal die Chance, den Mangel durch Nachbesserung oder Neuerstellung zu beseitigen.

Schafft es der Handwerker nicht, den Mangel innerhalb der gesetzten Frist zu beheben, haben Kunden das Recht auf Rücktritt oder Minderung. Rücktritt bedeutet, dass beide Vertragspartner ihre Leistungen zurückerhalten und der Vertrag damit aufgehoben wird. Der Kunde erhält also bereits bezahltes Geld zurück und der Handwerker sein Material oder die gesamte Arbeit, sofern das technisch geht. Bei einer Minderung kann der Kunde den Rechnungsbetrag in einem angemessenen Verhältnis senken, so dass er nur den Preis zahlt, der dem Wert der Arbeit inklusive des Mangels entspricht. Rücktritt oder Minderung sollten immer schriftlich erfolgen, am besten per Einschreiben mit Rückschein, um Zugang und Zugangsdatum im Streitfall belegen zu können, denn Rücktritt und Minderung sind ab dem Zeitpunkt des Zugangs rechtswirksam – das Einverständnis des Handwerkers ist grundsätzlich nicht erforderlich. Das Schreiben sollte eine Begründung sowie die Bankverbindung des Kunden enthalten, damit der Handwerker die Rückzahlung überweisen kann, rät Hollweck.

In Arbeit
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Vielversprechende außergerichtliche Einigung

Kommt es zum Streit über Qualität und Bezahlung einer Handwerkerarbeit, bleiben verschiedene Möglichkeiten, doch noch eine außergerichtliche Einigung zu erzielen. Zum einen wirken die Handwerkskammern oftmals vermittelnd. Sie betreiben Schlichtungsstellen, die sich um eine Einigung zwischen den Vertragspartner bemühen. Nach Aussage der Schlichtungsstelle der Handwerkskammer Köln, liegt die Erfolgsquote für Schlichtungsverfahren bei 40 Prozent.

Hilft das nicht, bleibt dem Kunden auch noch die Möglichkeit, einen Gutachter zu beauftragen. Die Handwerkskammern führen Listen mit öffentlich bestellten und vereidigten Gutachtern. Laut Anwalt Hollweck liegen die Stundensätze für derlei Sachverständige zwischen 45 und 100 Euro.

Alternativ können sich Betroffene auch an die Verbraucherzentralen wenden. Die kennen die Tricks und Fallen der Branche und ihrer schwarzen Schafe nur allzu gut und bieten entsprechende Beratungen für Einzelfälle an. Helfen Eigeninitiative, Schlichtungsstellen und Verbraucherschützer auch nicht weiter, sollten Kunden einen Anwalt einschalten, der entsprechende Forderungen und Fristen formuliert. Wegen der oftmals vergleichsweise geringen Summen ist der Gang vor ein Gericht aber oft nur Ultima Ratio. Das Rentnerehepaar mit dem rußenden Kamin hätte jedoch gute Chancen gehabt, sich ohne Prozess gegen die mangelhafte Arbeit zu wehren, hätten sie ihre Rechte und Möglichkeiten gekannt.

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