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Uni-Städte Die Politik jagt Studenten in die Wohnungsfalle

Gerade in Universitätsstädten herrscht Wohnungsnot, doch die Politik tut zu wenig dagegen Quelle: dpa

Jahr für Jahr strömen mehr Studenten in die Uni-Städte. Der Zuwachs ist politisch geplant, doch mit den Folgen werden die Studenten allein gelassen.

Wer in München ein WG-Zimmer inseriert, sollte sich in den folgenden Tagen nichts vornehmen. „In München bekommt eine WG in guter Lage für ein freies Zimmer schon mal über 150 Nachrichten”, erzählt Carsten Wagner vom Online-Portal wg-suche.de. Bei der Nachfrage lassen entsprechende Preise nicht lange auf sich warten. Ein WG-Zimmer für 550 Euro? In München völlig normal. Das ist für Bafög-Empfänger, die ein Wohngeld in Höhe von 280 Euro bekommen, unbezahlbar.

Die hohen Mietpreise auf dem freien Markt wären ein geringeres Problem, wenn es genügend Apartments in den günstigeren Studentenwohnheimen gäbe. Doch Wohnheimzimmer sind Mangelware. Nur für 9,62 Prozent der Studenten in Deutschland gab es 2017 ein Zimmer in einem geförderten Studentenwohnheim. Das hat eine Erhebung des Deutschen Studentenwerks ergeben. 2011 lag die Unterbringungsquote noch bei 11,24 Prozent. Besonders dramatisch ist die Situation in Berlin. Bis zu zwei Jahre lang müssen Studenten hier auf den Wartelisten des Studierendenwerks verharren, bis sie einen Platz angeboten bekommen.

Schuld an der Wohnungsmisere sind Bund und Länder. Sie haben sich auf die Fahne geschrieben, zwischen 2005 und 2020 bis zu 760.033 zusätzliche Studienplätze zu schaffen. Dabei scheinen sie jedoch nicht bedacht zu haben, dass all diese zusätzlichen Studenten irgendwo wohnen müssen.
Während die Zahl der öffentlich geförderten Studienplätze in Deutschland seit 2008 um 43 Prozent gestiegen ist, ist die Zahl der geförderten Wohnheimplätze nur um knapp sieben Prozent gestiegen. Der Grund ist simpel: Die Bundesländer stellen zu wenig Geld bereit.

Da sich Studentenapartments an Bafög-Empfänger und andere wenig betuchte Studenten richten, dürfen ihre Mieten das Bafög-Wohngeld von 280 Euro möglichst nicht überschreiten. Zimmer zu solch niedrigen Mieten anzubieten, lohnt sich jedoch für keine Wohnungsbaugesellschaft – zumindest auf dem freien Markt. Zu hoch sind die Bau-und Grundstückskosten. “Wir brauchen Förderungen vom Land, um das anbieten zu können”, sagt Markus Beugel, Vorstand der GBI AG. Ist die Förderung hoch genug, garantiere er auch gerne die günstigen Mietpreise. Sein Lieblingsbeispiel für gute Förderbedingungen ist Bayern. Das Land ist einer der Spitzenreiter in Sachen Förderung. 32.000 Euro pro Apartment winken demjenigen, der ein Studentenwohnheim baut und Kaltmieten von 200 Euro pro Wohnheimplatz garantiert. Zu den 200 Euro kommen in der Regel noch Kosten für Möblierung, Strom, Heizung und Internet hinzu. Die Wohnungsbaugesellschaft GBI kommt so auf eine Warmmiete von 300 Euro. Das ist etwa halb so viel wie ein WG-Zimmer in München kostet.

Bundesländer wie Rheinland-Pfalz, das Saarland oder Bremen sind mit Fördermitteln deutlich weniger spendabel als Bayern. So gibt es im Saarland bisher überhaupt keine Förderung für den studentischen Wohnungsbau. Auch beim Verkauf von Grundstücken werden die Studierendenwerke – die Hauptanbieter von Studentenwohnheimen – nicht bevorzugt. “Private Wohnungsbaugesellschaften können oft einen höheren Betrag zahlen und wir haben das Nachsehen”, klagt Petra Nau, Leiterin des Referates Studentisches Wohnen beim Deutschen Studentenwerk. In solchen Bundesländern sei es für das Studentenwerk schlicht "unmöglich zu bauen“.

Einen Mittelweg hat Baden-Württemberg gefunden. Das Land bezuschusst den Wohnheimbau nur in moderatem Maße, überlässt den Studierendenwerken aber dafür landeseigene Grundstücke für eine geringe Erbpacht. Das zahlt sich aus: In Baden-Württemberg gibt es für 12,58 Prozent der Studenten ein Zimmer in einem öffentlich geförderten Studentenwohnheim. Im spendablen Bayern wohnen immerhin 10,45 Prozent der Studenten im Wohnheim.

Zum Vergleich: Im Saarland liegt die Quote bei 7,56 Prozent und in Bremen bei 6,49. Die wenigsten geförderten Wohnheimplätze gemessen an der Zahl der Studenten hat Berlin. Für nur knapp fünf Prozent der Studenten gibt es hier geförderten Wohnraum.

Wer sich in Berlin um einen Studienplatz bewirbt, sollte sich das also vielleicht nochmal überlegen. Ändern dürfte sich die Situation nämlich vorerst nicht: Lediglich 136 neue Wohnheimplätze sind aktuell geplant, während rund 4000 Studenten auf der Warteliste des Studierendenwerkes stehen .

Nur anderthalb Stunden von der Hauptstadt entfernt läge eine attraktive Alternative. In Cottbus gibt es für fast ein Viertel der Studenten geförderte Zimmer. Die anderen können in eine WG ziehen. Die kostet in Cottbus genauso viel wie ein Wohnheimzimmer, im Mittel rund 250 Euro inklusive Nebenkosten. Und bei den Mietpreisen ist sicher auch mal ein Wochenendausflug nach Berlin drin .

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