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Vermögen Die Normalo-Familie wohnt zur Miete

Millionen für Wenige - der Immobilienboom geht am Durchschnittshaushalt vorbei Quelle: dpa

Ein tiefer Blick in die Finanzen der Deutschen zeigt: Zu Wohlstand und Reichtum gehören fast immer Immobilien und Aktien. Das zeigt eine Auswertung der Bundesbank nach Tausenden von Interviews.

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Wohl wissend, dass Geldfragen gern besonders emotional diskutiert werden, präsentiert die Bundesbank die Daten ihrer jüngsten Erhebung zur Finanzlage der Deutschen äußerst nüchtern und interpretiert diese kaum. Dass sich der Löwenanteil des Reichtums in den Händen und in den Depots ganz weniger befindet, wird durch die Umfrage eindrucksvoll belegt, ist aber nichts Neues.

Interessanter für die Mittelschicht dürfte folgende Botschaft sein, die sich aus den Daten ableiten lässt: Der typische Haushalt wohnt zur Miete, während Wohlstand und Reichtum fast immer mit dem Besitz eines Eigenheims und der Geldanlage in Aktien einhergehen.

Die Deutsche Bundesbank hat im Jahr 2017 5000 Haushalte zu ihrem Vermögen und ihren Finanzen befragt und ausgewählte Ergebnisse daraus in ihrem Monatsbericht für April 2019 veröffentlicht. Von der Bundesbank quer durch die Republik geschickte Interviewer haben bei Hausbesuchen abgefragt, wie hoch das Vermögen und die Schulden jedes Haushalts sind. Zum Vermögen zählen Sachwerte wie das Eigenheim, das Auto oder der Familienschmuck plus Finanzwerte wie Bankguthaben, Aktien und private Lebensversicherungen. Unternehmer haben auch den Wert ihrer Betriebe angegeben.

Vom Vermögen zieht die Bundesbank die Verbindlichkeiten ab, etwa Immobilien- und Konsumkredite, offene Rechnungen oder Restschulden aus der Finanzierung des Studiums. Unterm Strich bleibt der ansehnliche Mittelwert von 232.800 Euro Nettovermögen – eine Art Eigenkapital der privaten Haushalte.

Doch der Mittelwert verzerrt das Bild, weil ihn wenige besonders Reiche stark in die Höhe treiben. Deshalb hat die Bundesbank auch den deutlich aussagekräftigeren Median berechnet. Der liegt nur noch bei überschaubaren 70.800 Euro netto. Die Hälfte der Haushalte besitzt mehr, die andere Hälfte weniger als das Medianvermögen. Ist in diesem Text von Durchschnitten die Rede, handelt es sich um den Median, der die reichere Hälfte von der ärmeren Hälfte der Bevölkerung trennt und die Situation eines typischen Haushalts besser trifft als der Mittelwert.

Sind die Deutschen nun reich oder arm? Und sind sie reicher oder ärmer als Bürger in vergleichbaren Ländern? Befragt wurden Arme und Normalos genauso wie Millionäre und Multimillionäre. Nicht erreichbar für die Umfrage dagegen war die seltene Spezies der Superreichen mit mehr als 100 Millionen Euro Vermögen, die es in die populären Rankings der reichsten Deutschen schaffen.

Ungleiche Verteilung

Der im Vergleich zum Mittelwert von 232.800 Euro dreimal niedrigere Durchschnitt von 70.800 Euro deutet auf eine stark ungleiche Verteilung des Vermögens hin. Sehr wenige besitzen also sehr viel. Laut Bundesbank gehörten 2017 den reichsten zehn Prozent mehr als die Hälfte, genauer gesagt 55 Prozent, des gesamtdeutschen Nettovermögens. Das dürfte sogar noch untertrieben sein, da Superreiche nicht befragt wurden, was sich nicht durch die Gewichtung der Daten ausgleichen ließ.

Im Euroraum sind die Vermögen ähnlich verteilt wie in Deutschland, wobei in Italien eine etwas gleichmäßigere Verteilung herrscht – die zehn Prozent der reichsten Italiener halten „nur“ 44 Prozent des Gesamtvermögens. Deutlich extremer ist die Ungleichheit dagegen in den USA, wo die oberen zehn Prozent 77 Prozent des gesamten Vermögens besitzen.

Haushalte, die in ihren eigenen vier Wänden wohnen, sind deutlich vermögender als Mieter. Immobilieneigentümer besitzen im Schnitt 277.000 Euro, Mieterhaushalte nur 10.400 Euro. Das bedeutet: Der Durchschnittshaushalt mit seinem bescheidenen Vermögen von 70.800 Euro wohnt zur Miete und besitzt meist keine Immobilie. Nur 44 Prozent der befragten Haushalte gehört ein Eigenheim. In Spanien und Italien liegt die Quote mit 70 und 80 Prozent deutlich höher.

Die großen Vermögensunterschiede zwischen Eigentümern und Mietern sind allerdings kein rein deutsches Phänomen. Vergleichbare Strukturen finden sich laut Bundesbank auch in anderen Ländern – europaweit und weltweit. Hierzulande macht sich der Effekt aber besonders bemerkbar für die Verteilung des Wohlstands, weil relativ wenige Haushalte ein Eigenheim besitzen. Kein Wunder, dass der Abstand zwischen Armen und Reichen durch den Anstieg der Immobilienpreise stark gestiegen ist.

Auch die bis 2017 währende Dauerhausse am Aktienmarkt hat sich ähnlich „vermögenswirksam“ bemerkbar gemacht wie der Immobilienboom. Profitieren davon konnten natürlich nur Haushalte, die Wertpapiere besitzen. Für die elf Prozent der Haushalte mit Aktienbesitz stieg der Depotwert um etwa 5000 Euro oder 13 Prozent. Dabei sind Aktien nicht nur Reichen vorbehalten. Wertpapiere eignen sich besonders für die Anlage kleiner Beträge, weil sich die Investments fast beliebig stückeln lassen – von der Einmalanlage in fast beliebiger Höhe bis zum Sparplan mit monatlichen Miniraten von 25 Euro.

Auch die Kosten von Geldanlagen an der Börse fallen deutlich geringer aus als etwa beim Kauf einer Immobilie, bei dem allein die Grundsteuer, Maklerprovision und Notarkosten schnell einen großen Teil des Eigenkapitals aufzehren. Der Rat an Normalverdiener, wenigstens einen kleinen Teil ihres überschaubaren Vermögens in Wertpapiere zu stecken, ist also weniger zynisch als er zunächst klingt.

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