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Verrenten statt verkaufen? Vorsicht vor der Leibrenten-Falle

Am Ende: Ehepaar W. wollte seine schmale Rente aufbessern. Nun ist sein Haus weg Quelle: Jann Höfer für WirtschaftsWoche

Sein Haus zu bewohnen und trotzdem damit eine Rente zu finanzieren klingt attraktiv. Die Modelle haben aber Tücken. Im schlimmsten Fall verlieren Rentner Haus und Hof – so wie dieses Ehepaar aus dem Rheinland.

Der Aktenstapel auf dem mit Deckchen dekorierten Esstisch ist über einen halben Meter hoch: Schreiben von Gerichten, von Anwälten, von der Polizei. Für Hermann W., 84, und seine zwei Jahre jüngere Frau Hildegard ist er die Dokumentation ihrer Verzweiflung. Hermann W. deutet auf eine schmale Annonce, ganz oben. Mit ihr hat alles begonnen. Gerade einmal zwei Sätze umfasst sie. Genug, um den Lebensabend des Ehepaars zu zerstören.

Hermann W. beugt sich über die Annonce und liest vor: „Verrenten statt verkaufen! Leben Sie weiterhin in Ihrem geliebten Zuhause und erhalten Sie dennoch mehr finanzielle Freiheit und Lebensqualität.“

Für die W.s aus dem rheinischen Leichlingen schien das Inserat der „Deutschen Immobilienkasse“ (DIK) aus Düsseldorf die Lösung all ihrer finanziellen Probleme.

Tatsächlich sollten die Probleme mit der Anzeige erst richtig beginnen. Wenn Hermann W. berichtet, wie das Paar innerhalb weniger Jahre sein Haus und alle Ersparnisse verloren hat, vergräbt er sein Gesicht in den Händen. Seine Frau soll die Tränen nicht sehen.

Beworben wurde in dem Inserat ein Konzept, wie gemacht für die Rentnerrepublik Deutschland. Statt ihr Haus zu verkaufen, können ältere Menschen weiter darin wohnen und sich trotzdem eine monatliche Rente finanzieren. Dafür gibt es zwei Optionen:

  • Umkehrhypothek: Während normale Kredite meist monatlich abgezahlt werden, sodass die Kreditschuld sinkt, bekommen Rentner bei einer Umkehrhypothek monatlich eine Rente ausgezahlt, die Kreditschuld steigt. Um die Schuld nach ihrem Ableben zu tilgen, geht entweder das Haus an die Bank, oder Angehörige zahlen den Kredit ab.
  • Leibrente: Hier geht das Immobilieneigentum schon zu Lebzeiten auf den Vertragspartner über. Der garantiert dem Verkäufer im Gegenzug ein lebenslanges Wohnrecht und zahlt ihm eine monatliche Rente.

Steigende Nachfrage nach Leibrenten

So verlockend diese Modelle klingen mögen, so gefährlich können sie sein. Anders als in den USA, wo Umkehrhypotheken auch wegen staatlicher Absicherung seit Anfang der Neunzigerjahre über eine Million Mal abgeschlossen wurden, haben sie sich in Deutschland nie richtig durchgesetzt.

Die Verbraucherzentrale Hessen warnte zuletzt eindringlich: Es gebe kaum seriöse Anbieter. Der Bundesverband öffentlicher Banken kann unter seinen Mitgliedern keinen einzigen nennen. Laut Deutschem Sparkassen- und Giroverband sind Umkehrhypotheken „aufgrund der rechtlichen Rahmenbedingungen für Banken und Sparkassen in Deutschland nicht attraktiv“. Nur „einzelne Institute“ böten sie an. Die Banken haben die Umkehrhypothek auch selbst unattraktiv gemacht: Weil sie den Wert der Immobilien sehr niedrig ansetzten und geringe Monatsrenten anboten, um sich gegen ein langes Leben der Rentner abzusichern.

Häufiger werden Immobilien in Deutschland gegen Zahlung einer Leibrente verkauft. Doch auch dieses Modell kann gefährlich sein, wie der Fall aus Leichlingen zeigt. Die Annonce, auf die das Paar gestoßen war, entpuppte sich als eine Falle von mutmaßlichen Betrügern. So hat das Ehepaar nicht nur sein Einfamilienhaus verloren, sondern muss sogar fürchten, dass dessen neuer Eigentümer sie im schlimmsten Fall einfach auf die Straße setzt.

Christiane Kienitz, Finanzexpertin der Verbraucherzentrale Hessen, beobachtet seit eineinhalb Jahren steigende Nachfrage nach Leibrenten. Sie warnt Interessenten vor „finanziell unkalkulierbaren Risiken“. „Die anbietenden Gesellschaften und Stiftungen können mit ihren Verpflichtungen in Verzug geraten oder in Insolvenz gehen.“ Auch Hartmut Schwarz von der Verbraucherzentrale Bremen rät zu einer peniblen Prüfung. So würden selbst in den Verträgen seriöser Anbieter wichtige Fragen oft nicht eindeutig geklärt. Etwa die Frage, ob Verkäufern die gleichen Rechte erhalten bleiben, wenn ein Ehepartner stirbt. Zudem sei oft unklar, wer für Reparaturen bei der Immobilie aufkommen muss. Um auf die wachsende Nachfrage nach Leibrenten zu reagieren, bastelt die Verbraucherzentrale Bremen gerade an Beratungskonzepten. Künftig will sie Interessenten zum Beispiel Checklisten geben.

Trotz der anziehenden Nachfrage handelt es sich noch um einen Nischenmarkt mit wenigen Anbietern. Unumstrittener Marktführer ist die Leibrenten AG aus Frankfurt – aber die gibt es erst seit drei Jahren. Ihr Chef Friedrich Thiele spricht von einem „starken Expansionskurs“. Bereits seit 15 Jahren bietet die Stiftung Liebenau Leibrenten an. Besonders in den vergangenen beiden Jahren ist die Nachfrage laut Stiftung „stark gestiegen“. Allein 2017 zählte sie 2000 Anfragen. Neben Leibrenten AG und Stiftung Liebenau gibt es vor allem regionale Anbieter.

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