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Insiderhandel Organisierte Kriminalität an der Wall Street

Der bisher größte Insiderskandal der Wall Street zieht immer weitere Kreise. Gestern abend führte das FBI Razzien bei Investementgesellschaften durch.

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Justizbeamte tragen Quelle: REUTERS

Es wird eng für einige Hedgefonds-Manager, Banker,  Investmentfondsmanager, Analysten und Investmentberater. Gestern durchsuchten Mitarbeiter des Federal Bureau of Investigation (FBI) die Büroräume von gleich drei Hedge Fonds in Boston und in Greenwich und Stamford, nur wenige Kilometer außerhalb New Yorks. Die Aktion der Ermittler ist der richterlich angeordnete Versuch, weiteres Beweismaterial gegen einen der mutmaßlich größten Insiderhandelsringe aller Zeiten sicher zu stellen.

Damit weiten sich wie erwartet die Ermittlungen gegen Raj Rajaratnam, den wegen Insider-Handels seit knapp einem Jahr angeklagten Gründer der Galleon Group, weiter aus. Denn es bestehen offenbar Verbindungen zwischen den jetzt durchsuchten Hedgefonds und Personen, die bereits bei den Ermittlungen gegen Galleon ins Visier der Strafverfolger geraten waren. 14 Personen aus dem Galleon-Umfeld haben sich bereits für schuldig erklärt und arbeiten mit den Ermittlungsbehörden zusammen. Darunter befinden sich hochrangige Manager bekannter Unternehmen, etwa von IBM und McKinsey, die Rajaratnam nach eigenen Angaben mit Insiderinformationen versorgt hatten. Rajaratnam bestreitet dagegen immer noch hartnäckig seine Schuld. Er sieht im kommenden Jahr seinem Prozess entgegen.

Spitzel eingeschleust

Das FBI stützt sich bei seiner Anklage vor allem auf Informationen, die zum Teil durch das Abhören von Telefonaten und von Gesprächen gewonnen werden konnten, bei denen eine kooperierende Person bei Treffen mit anderen Verdächtigen mit Mikrofon und Sender ausgestattet worden war. 

Rajaratnam und seine Anwälte halten die Abhöraktionen für illegal und versuchen derzeit zu verhindern, dass die Bänder vor Gericht als Beweismittel zugelassen werden.

Doch der verantwortliche und die Ermittlungen leitende US-Staatsanwalt Preet Bharara lässt keinen Zweifel daran aufkommen, dass er „jedes zur Verfügung stehende legale Mittel zur Verfolgung von Verstößen gegen Insiderregeln nutzen wird“, wie er vor wenigen Wochen bei einer Veranstaltung vor der New Yorker Anwaltskammer betonte. Wer aufgrund von Insiderinformationen handele oder den Markt manipuliere, so Bharara, „betrügt jeden anderen Marktteilnehmer und verletzt die Prinzipien, auf die sich ehrliche Spieler verlassen“. 

Erst am vergangenen Samstag hatte das „Wall Street Journal“ in einer Seite-Eins-Story darüber berichtet, dass sich die bereits drei Jahre laufende und vor knapp einem Jahr bekannt gewordene Untersuchung gegen Galleon-Gründer Rajaratnam erheblich ausgedehnt habe und dass mittlerweile zweistellige Millionenbeträge illegaler Profite identifiziert seien. Bereits bald könnten weitere Klagen gegen beteiligte Personen erhoben werden.

Ins Visier der Ermittler sind offenbar auch so genannte Expertennetzwerke geraten, die bei der Weitergabe insider-relevanter Informationen von den Unternehmen an bestimmte bevorzugte institutionelle Investoren und Hedgefonds eine entscheidende Rolle gespielt haben könnten. Einer dieser Experten wurde nach eigener Auskunft von zwei FBI-Agenten besucht und bedroht. Man werde ihn verhaften, aber er habe die Chance zu kooperieren und könne dabei helfen jemanden zu überführen, wenn er zustimme, Gespräche mit dieser Person aufnehmen zu lassen.

Aber auch Goldman Sachs soll Gegenstand der Untersuchungen sein. Der Kurs der Goldman-Aktie gab darauf hin am Montag deutlich nach. Die Investmentbank hatte erst im vergangenen Frühjahr einem 550-Millionen-Dollar Vergleich mit der US-Börsenaufsicht zugestimmt, weil sie bei einem zweifelhaften Geschäft, von dem ein Hedgefonds profitierte, gegenüber anderen Investoren wesentliche Fakten verschwiegen hatte. Jetzt fragen sich die Ermittler, ob Mitarbeiter der Bank unberechtigt Informationen über Transaktionen wie Zusammenschlüsse und Übernahmen weitergegeben haben könnten. Laut Informationen des „Wall Street Journal“ soll die Börsenaufsichtsbehörde Securities and Exchange Commission (SEC) zudem per Gerichtsbeschluss Unterlagen zu Kommunikationsvorgängen von weiteren Hedgefonds und von den Banken UBS und Deutsche Bank eingefordert haben. Ob es sich dabei um einen großen Rollgriff mit der vagen Hoffung auf weiteres Belastungsmaterial handelt, oder ob die Börsenaufseher konkreten Verdachtsmomenten nachgehen, ist unklar.

Mehr Insider-Trading als angenommen

In der Vergangenheit gingen US-Börsenaufseher in der Regel nur auffällig gewordenen Einzelfällen von Insidertrading nach. Doch mit der Galleon-Untersuchung und bei allen daraus folgenden Hinweisen auf mögliche weitere Vergehen geht es jetzt auch um die Frage, ob dahinter ein ausgeklügeltes geheimes – und illegales – Geschäftsmodell gestanden hat. Hedgefonds könnten sich im Zusammenspiel mit Investmentbanken und Insidern bei Unternehmen systematisch und regelmäßig geldwerte Informationen besorgt und diese dann an den Finanzmärkten ausgenutzt haben. Scott Friestatt, einer der mit den Fällen betrauten Direktoren bei der SEC, sagte dazu gestern auf einer Konferenz: „Was wir durch diese und andere Untersuchungen erkannt haben ist, dass es sehr viel mehr Muster und Serien-Insider-Trading gibt, als wir bisher angenommen haben.“ Organisierter Insiderhandel sozusagen – klingt fast schon wie organisierte Kriminalität.

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