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Investmentbanken "Banken haben ihre Risikopositionen stark erhöht"

Christoph Hock und Henning von Issendorff, Gründer und Hedgefondsmanager von Tungsten Capital Management, über riskante Geschäfte und neue Ertragsquellen der Banken am Finanzmarkt.

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Hock (links), 39, und von Issendorf, 43, gründeten 2006 die Hedgefondsgesellschaft Tungsten Capital Management in Frankfurt. Beide arbeiteten zuvor in Handelsabteilungen von Investmentbanken

WirtschaftsWoche: Herr Hock, Herr von Issendorff, die Banken verdienen am Finanzmarkt so gut wie selten zuvor. Herrscht wieder „Business as usual“ wie vor der Finanzkrise?

Hock: Die Finanzwelt ist auf dem Weg zur Normalisierung. Natürlich haben die Banken etwas gelernt. Aber die Risikobereitschaft kommt zurück. Im Eigenhandel...

...also den Finanzmarktgeschäften auf eigene Rechnung, mit eigenem Kapital...

...haben die Banken ihre Risikopositionen im laufenden Jahr wieder stark erhöht. Das zeigen auch die Risikokennziffern, die stark gestiegen sind.

Woher kommt der Mut? Noch Ende 2008 wollten Banken jedes Risiko vermeiden.

Hock: Gerade die US-Banken haben heute wieder eine extrem positive Einschätzung für die Wirtschaft. Sämtliche Anlageklassen sind wieder gefragt: Aktien, Schwellenländer-Papiere, Rohstoffe, exotische Derivate.

Wird es einen Rückschlag geben, wenn die Konjunkturprogramme auslaufen?

Von Issendorff: Die Gefahr ist groß. Deshalb investieren die meisten vor allem dort, wo sie bei Problemen schnell wieder verkaufen können, also am Aktienmarkt. Die Zentralbanken fluten die Märkte mit billigem Geld, es gibt eine Liquiditätsschwemme. Die kann aber nicht ewig weitergehen, sondern wird irgendwann enden. Das ist schon wieder ein heißer Tanz auf dem Vulkan. Es ist schwer, nicht mitzutanzen.

Aber Bankmanager behaupten doch, dass sie bei ihren Geschäften jetzt viel weniger Fremdkapital, also geliehenes Geld, einsetzen.

Hock: In der zweiten Jahreshälfte 2008 haben Banken den Fremdkapitaleinsatz im Eigenhandel gesenkt. Für 2009 kann ich das nicht feststellen.

Von Issendorff: Bei den Banken wurde seit Anfang des Jahres viel Kapital frei, das sie Kunden zugesagt hatten, damit sie dies bei Bedarf abrufen können, zum Beispiel zur Finanzierung von Übernahmen. Platzt die geplante Übernahme, kann die Bank das Geld für andere Geschäfte nutzen.

Für welche Geschäfte denn? Woran verdienen die Handelsabteilungen so gut?

Von Issendorff: Das Beratungsgeschäft mit Unternehmen und Staaten, die Anleihen herausgeben wollen, hat gebrummt wie nie zuvor. Als der Markt für neue Anleihen Anfang des Jahres wieder offen war, haben viele Unternehmen Kapital aufgenommen — weil sie nicht wussten, wie lange das möglich sein würde.

Aber die Gebühren für Neuemissionen bringen doch vergleichsweise wenig ein – die Handelsgeschäfte mit Wertpapieren steuern ein Vielfaches zum Gewinn bei.

Von Issendorff: Das Gros bei neuen Anleihen verdienen die Banken nicht mit der Emissionsmarge — also der Gebühr, die wenige Prozent des Anleihenennwerts beträgt —, sondern mit anderen Geschäften, die daran gekoppelt sind. Für Swap-Geschäfte zum Beispiel, mit denen Unternehmen Laufzeiten oder Währungen tauschen und absichern, lassen sich die Banken gut bezahlen. Wie hoch ihre Marge ist, weiß meist nicht einmal der Kunde.

Bankmanager behaupten, dass sie viele Handelsgeschäfte heute nicht mehr machen. Aber wie wichtig ist der riskante Handel auf eigene Rechnung wirklich?

Hock: Der Eigenhandel trägt einen wichtigen Anteil zum Gewinn bei.

Von Issendorff: Banken profitieren dort von den niedrigen Leitzinsen. Kurzfristig Geld bei der Europäischen Zentralbank zu leihen kostet ein Prozent Zinsen. Wenn die Bank das Geld längerfristig in sichere Bundesanleihen investiert, bekommt sie dafür drei Prozent. Das geht, weil wegen der Krise nicht zu erwarten ist, dass die Refinanzierungskosten bald steigen. Wegen der niedrigen Refinanzierungskosten machen viele Bank-Händler plötzlich hohe Gewinne bei langlaufenden Positionen. Außerdem verbuchten viele Gewinne bei Papieren, deren Wert sie 2008 zu stark abgeschrieben hatten.

Können die Banken die Gewinne auch in den kommenden Quartalen nahe dem Rekordniveau halten?

Hock: Beim Eigenhandel wird es schwer, das Niveau der Vormonate zu halten. Im ersten Halbjahr passte alles: Aktien liefen wie am Schnürchen, Unternehmensanleihen auch. Das werden wir nicht noch einmal sehen. Die Märkte werden eher seitwärts laufen, was den Eigenhändlern das Geschäft erschwert. Die Ertragsquellen werden sich verschieben. Nach den Anleihen werden Unternehmen nun verstärkt neue Aktien an den Markt bringen, um Kapital aufzunehmen. Auch das Beratungsgeschäft bei Fusionen wird zunehmen.

Und wenn der Aktienmarkt in den kommenden Monaten erneut einbricht?

Von Issendorff: Dann wären Kapitalerhöhungen und Fusionen kaum möglich. Die Bankgewinne würden sinken.

Immobilienkreditpakete und Kreditderivate trieben den vergangenen Boom an und führten in die Finanzkrise. Was kommt als Nächstes?

Von Issendorff: Der neue Trend ist noch nicht klar. Aber wenn der Markt sich erholt, kommen neue Produkte aus den Investmentbanken. Die Innovationskraft der Branche ist einfach sehr, sehr groß.

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