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James Tobin Wie man Spekulanten bändigt

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Tobin wurde 1918 in Champaign im US-Bundesstaat Illinois geboren. Er erlebte die Weltwirtschaftskrise und Depression der Dreißigerjahre als Schüler und Student unmittelbar. Von der Mutter, die in Champaign einen Sozialdienst leitete, erfuhr er, was Armut und Arbeitslosigkeit im Alltag der Menschen bedeutet. 1936 stieß Tobin als junger Student auf John Maynard Keynes. Der englische Ökonom hatte gerade sein Werk „The General Theory of Employment, Interest and Money“ veröffentlicht. Er las das Buch und war „Feuer und Flamme“, wie er später sagte.

Im Zweiten Weltkrieg diente er vier Jahre lang auf einem Zerstörer der US-Marine. Nach seiner Entlassung Anfang 1946 schloss er in Harvard seine Promotion ab und ging 1950 als junger Professor an die Yale-Universität, wo er einen Großteil seiner akademischen Karriere verbrachte. In dieser Zeit veröffentliche er 16 Bücher und mehr als 400 Forschungsartikel. In den folgenden Jahrzehnten vertiefte und erweiterte er Keynes’ Theorie in vielfältiger Weise – aber nicht ohne sein Vorbild bisweilen zu ergänzen oder zu korrigieren.

Geld hat direkten Einfluss auf die reale Wirtschaft

Eines seiner zentralen Themen ist das Geld und seine Funktion in der Wirtschaft. Im Gegensatz zu den Monetaristen vertritt Tobin die Position, dass Geld einen direkten Einfluss auf die reale Wirtschaft hat. Tobin zeigte, dass die Bargeldhaltung der Menschen für ihren direkten Konsum durch den Zinssatz beeinflusst wird. In den Fünfzigerjahren entwickelte er die Portfoliotheorie, die untersucht, wie Anleger ihr Vermögen aufteilen und so die Investitionen in einer Volkswirtschaft beeinflussen. Die Anleger wählen zwischen verschiedenen Anlageklassen wie Bargeld, Wertpapieren, Immobilien oder Sachkapital und richten sich dabei nach Ertrag und Risiko der Assetklassen. Der Portfoliomix steuert Konsum und Investitionen in einer Volkswirtschaft.

Als er 1981 für seine Arbeiten insbesondere zur Portfoliotheorie den Nobelpreis erhielt, war die Zeit der Keynesianer vorbei, die Monetaristen hatten das Feld erobert. In den USA und vielen Teilen Europas brachen sich die „Reaganomics“ Bahn – eine klassische Angebotspolitik. Tobin fand, das sei „Nonsens und bringt uns nirgendwohin“. Das Einzige, was die Angebotspolitik geschafft habe, sei, dass sie die Einkommensunterschiede vergrößert habe. Auch gehe sie von falschen Annahmen natürlicher Gleichgewichte auf Güter- und Arbeitsmärkten aus.

Erz-Monetarist Milton Friedman bedachte er bisweilen mit spöttischen Kommentaren, etwa als jener Alan Greenspan für seine Geldpolitik lobte. Tobin: „Was die US-Notenbank praktiziert, ist meistens klassischer Mainstream-Keynesianismus.“ Dem krisengeplagten US-Notenbankchef Ben Bernanke dürfte dies heute wie eine spöttische Prophezeihung in den Ohren klingen.

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