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Joachim Nagel "Vorbeugen, nicht reparieren"

Der Bundesbank-Vorstand fordert Korrekturen beim Anlegerschutz. Den ultraschnellen Börsenhandel will er eindämmen - zunächst mit einem Kodex. Bringt der nichts, soll die Bundesregierung mit einem Gesetz einschreiten.

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Joachim Nagel Quelle: Bert Bostelmann für WirtschaftsWoche

Wiwo: Herr Nagel, nach der Finanzkrise wurde eine Reihe neuer Gesetze und Regelwerke auf den Weg gebracht. Am 11. Februar wird das Anlegerschutz-Verbesserungsgesetz vom Bundestag verabschiedet. Banken klagen über zu viel Bürokratie und warnen vor Überregulierung...

Nagel: Natürlich bricht jetzt einiges über die Banken herein. Aber die neuen Kapitalregeln sind eine notwendige und sinnvolle Konsequenz aus den Erfahrungen der Krise. Auch Bankkunden vor Fehlberatung zu schützen geht ganz klar in die richtige Richtung. Das ist keine Überregulierung.

Die Finanzaufsicht soll künftig Informationen über 300 000 Bankberater in einer großen Datenbank speichern. Das ist in Ordnung?

Nagel: Warum nicht? Es muss nur klar sein, dass Anleger nicht alle Verantwortung an ihren Bankberater delegieren können. Jeder, der ein Finanzprodukt kauft, hat hier eine Eigenverantwortung. Um die wahrzunehmen, muss die finanzielle Allgemeinbildung der Menschen verbessert werden.

Ein frommer Wunsch, den Politiker und Banker schon seit Jahrzehnten vortragen...

Nagel: Klar, das ist ein langwieriger Prozess, aber deshalb nicht weniger wichtig. Finanzielle Bildung darf nicht erst beim 30-Jährigen ansetzen, der zum Bankberater geht, weil er sein Erspartes anlegen will. Jugendliche müssen schon in der Schule lernen, wie Finanzmärkte und Finanzprodukte funktionieren.

Okay, wir Anleger müssen uns weiterbilden. Aber was müssen die Banken tun?

Nagel: Die Banken liefern heute schon Beratungsprotokolle und Produkt-Beiblätter. Generell gilt, dass sie ihre Produkte verständlicher machen müssen – viele versteht man schlichtweg nicht.

Viele könnten auch überflüssig sein. Wozu in aller Welt brauchen deutsche Anleger 600 000 Zertifikate und Optionsscheine? Welchen Nutzen hat das noch?

Nagel: Nun, die Welt ist bunt, und wir leben in einer Marktwirtschaft. Alle Finanzprodukte finden eben auch ihre Nach-frager. Es gibt auch unzählige Apps – haben die alle einen Nutzen? Die Frage ist doch eher, wie man mit den Risiken umgeht, die viele Produkte bergen, wie man diese transparent macht. Der Rest ist dann die Entscheidung des mündigen Anlegers und Sache einer vernünftigen Regulierung.

Finden Sie es denn vernünftig, dass der gesamte graue Kapitalmarkt, also zum Beispiel Finanzvertriebe, die geschlossene Fonds verkaufen, vom neuen Anlegerschutzgesetz ausgenommen wurde? Die BaFin beaufsichtigt die Bankberater. Vertriebe, die oft viel skrupelloser vorgehen, sollen von Gewerbeaufsichtsämtern kontrolliert werden, die sich normalerweise um Frittenfett kümmern.

Nagel: An diesem Punkt muss möglicherweise noch nachgearbeitet werden.

Was ist Ihnen als Bundesbanker wichtiger: Finanzmarktstabilität oder Anlegerschutz?

Nagel: Beides ist wichtig, und es gibt zwischen beiden Zielen auch einen klaren Zusammenhang. Nehmen Sie das Herdenverhalten an den Finanzmärkten, bei dem eine große Zahl Marktteilnehmer in die gleiche Richtung läuft, dadurch Kurse stark nach oben treibt und sie wieder abstürzen lässt. Das destabilisiert das Finanzsystem. Der Anleger wiederum muss verstehen, welche Risiken ein globales Finanzsystem mit sich bringen kann.

Haben die USA und Europa die richtigen Lehren aus der Finanzkrise gezogen ?

Nagel: Wir haben mit dem Regelwerk Basel III, das die Banken zwingt, ihre Geschäfte mit mehr und hochwertigerem Kapital zu unterlegen, schon vieles relativ schnell auf den Weg gebracht. Außerdem wurden auf internationaler Ebene Regeln vereinbart, die verhindern sollen, dass Banken im Krisenfall mit zu wenig Liquidität dastehen. Aber es gibt noch einige offene Flanken.

Welche?

Nagel: Wir müssen noch regeln, wie wir auf internationaler Ebene mit system-relevanten Instituten verfahren, insbesondere wie man sie geregelt abwickeln könnte. Richtungsweisend könnte das in Deutschland seit Januar geltende Restrukturierungsgesetz sein, das erstmals verbindlich festlegt, wie mit in Schieflage -geratenen, systemrelevanten Banken umzugehen ist. Was zu tun ist, wenn eine -solche Bank zahlungsunfähig wird, kann allerdings nur international vereinbart werden. Außerdem müssen wir den unregulierten Bereich der Schattenbankenwirtschaft, vor allem die Hedgefonds, auf dem Radar behalten.

Was heißt das konkret ?

Nagel: Insbesondere die Anlagestrategien von Hedgefonds müssen transparenter gemacht werden, um Risiken für das Finanzsystem zu begrenzen.

Reichen die von der EU vorgeschlagenen Regeln dazu aus?

Nagel: In der EU gibt es für Hedgefondsmanager bereits Regeln zur Zulassung, zum Risikomanagement und zur Delegation ihrer Aufgaben an Dritte. Das ist aber erst der Anfang und nicht das Ende der Geschichte. Unbedingt geschehen muss auch etwas im Hochfrequenzhandel, bei dem per Computer in Millisekunden gewaltige Volumina an den Börsen bewegt werden.

Die Finanzbranche wird wenig Interesse an einer Eindämmung dieser Geschäfte haben. Banken verdienen viel daran, und die Deutsche Börse macht auf ihrem Handelssystem Xetra rund die Hälfte der Umsätze mit solchen Transaktionen.

Nagel: Auch die Finanzindustrie kann kein Interesse an einer Destabilisierung haben. Sie weiß, welchen Schaden die jüngste Krise angerichtet hat. Es ist doch besser, man beugt Schäden vor, als immer hinterherzuhinken und nur zu reparieren. Der computergesteuerte Hochfrequenzhandel kann extreme Kursbewegungen an den Märkten auslösen oder verstärken. Denken Sie nur an den Flash Crash vom Mai 2010 an der Wall Street, als einzelne Aktien binnen Minuten 50 Prozent oder mehr ihres Werts verloren. Extreme Bewegungen von Aktienkursen bringen Unternehmen, die auf Kapitalzufuhr angewiesen sind, in Existenzschwierigkeiten. Und Anleger können massiv Geld verlieren. Das ist eine große Gefahr.

Wie sollte man dieser Gefahr begegnen?

Nagel: Die Finanzindustrie muss einen Verhaltenskodex für den Hochfrequenzhandel einführen. Alle wichtigen Akteure sollten sich daran beteiligen – Banken, Hedgefonds, Börsen und Handelsplattformen.

Und wozu sollen die sich selbst verpflichten?

Nagel: Sie sollten eine Mindesthaltedauer für Kontrakte einführen. Ein Problem ist auch, dass Hochfrequenzhändler bis zu 90 Prozent ihrer Order direkt wieder stornieren. Man kann sie also dazu verpflichten, einmal ins System gestellte Kurse, zu denen sie kaufen oder verkaufen wollen, eine bestimmte Zeit lang offen zu halten. Denkbar ist auch, die Volumina von FlashTrades zu begrenzen.

Die US-Börsenaufsicht SEC glaubt nicht, dass ein solcher Kodex funktionieren würde. SEC-Chefin Mary Schapiro ist für eine klare gesetzliche Regulierung.

Nagel: Wir sollten der Finanzindustrie -etwas Zeit geben, es mit selbstbindenden Regeln zu versuchen. Wenn das nicht fruchtet, müssen wir den Hochfrequenzhandel regulieren. Da gebe ich Frau Schapiro recht.

Wie viel Zeit würden Sie der Finanzindustrie denn geben?

Nagel: 12 bis 18 Monate sind in Ordnung. Länger sollte es nicht dauern.

Große Finanzinvestoren haben ihre Großrechner in Frankfurt direkt neben denen der deutschen Börse aufgestellt, um so ein paar letzte Millisekunden Vorsprung vor anderen Marktteilnehmern zu haben.

Nagel: Es ist absurd, wenn die Leitungslänge zum Großrechner darüber entscheidet, ob eine bestimmte Handelsstrategie Erfolg hat oder nicht.

Eine weitere Reformbaustelle ist der Handel mit Kreditausfallderivaten (CDS), mit deren Hilfe sich Investoren gegen Kreditausfälle von Unternehmen und Staaten absichern. CDS-Kurse haben eine enorme Signalwirkung und beeinflussen die Kurse von Anleihen. Der Markt ist undurchsichtig, weil CDS-Handel außerhalb von Börsen abläuft. Wollen Sie den auch über einen Kodex in den Griff bekommen?

Nagel: Nein. Ich denke, bei CDS macht es Sinn, eine Clearing-Pflicht einzuführen, das heißt, alle Geschäfte müssen über Börsen miteinander verrechnet werden. Generell brauchen wir eine Meldepflicht für sämtliche Derivate-Geschäfte, die außerhalb von Börsen ablaufen. Das würde den Handel standardisieren und damit besser kontrollierbar machen.

Haben sich die Staatsanleihemärkte mit Blick auf die Schuldenkrise im Euro-Raum nun dauerhaft beruhigt, oder ist das nur die Ruhe vor dem nächsten Sturm?

Nagel: Für eine dauerhafte Beruhigung gibt es einige Signale. Dennoch wird der Anleihemarkt sich langfristig verändern: Investoren werden in Europa künftig genauer darauf schauen, welche Staaten ihren Haushalt in Ordnung halten. Das wird sich in den Risikoprämien, die sie von Staatsschuldnern verlangen, stärker niederschlagen. Von den extrem niedrigen Renditedifferenzen zwischen Staatsanleihen im Euro-Raum, wie sie vor der Krise herrschten, werden wir uns verabschieden müssen.

Die Märkte haben sich beruhigt, die Banken machen wieder Gewinne. Befürchten Sie nicht, dass der Reformeifer von Politik und Regulierern bald wieder erlahmt?

Nagel: Mit Basel III haben wir einen Meilenstein erreicht. Aber die Gefahr besteht, dass wir an Momentum verlieren. Deshalb ist es wichtig, den Handlungsdruck so lange wie möglich aufrechtzuerhalten. Da müssen wir auch als Bundesbank dranbleiben. Es wäre eine Illusion, zu glauben, dass Finanzmärkte künftig keine Krisen mehr produzieren. Aber jetzt geht es darum, Schäden in Zukunft so gering wie möglich zu halten.

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