WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Jochen Felsenheimer im Interview "Die Kreditmärkte haben sich deutlich entspannt"

Der Kreditexperte Jochen Felsenheimer über die Folgen der Schuldenkrise für Unternehmen und Investoren – und Hoffnungen auf ein mögliches Ende des Finanzdesasters.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Bulle oder Bär? Jochen Felsenheimer gibt eine Einschätzung, wie es jetzt an der Börse weitergeht. Quelle: AP

WirtschaftsWoche: Herr Felsenheimer, die Finanzkrise wütet schon seit knapp zwei Jahren, aber erst jetzt spüren die meisten Menschen die Auswirkungen. Wie lange wird uns die Krise noch beschäftigen?

Felsenheimer: Nach allem, was wir aus der Historie wissen, laufen Finanz- und Wirtschaftskrisen dieses Ausmaßes in drei Phasen ab: Sie beginnen mit dem Platzen einer Liquiditätsblase; dann folgen massive Verluste und Abschreibungen bei den Banken – das ist der Höhepunkt der Fieberkurve, mit Bankenpleiten und Ängsten vor einem totalen Zusammenbruch des Finanzsystems. Dieser Prozess ist zwar noch nicht abgeschlossen, weil sich die drei Phasen teilweise überlappen. Aber vieles spricht dafür, dass wir schon mitten in der dritten und letzten Phase stecken, dem ökonomischen Wachstumseinbruch.

Das klingt ja beinahe tröstlich.Nun, es kommt darauf an, für wen. Die Investoren haben wohl das Gröbste hinter sich – auch, wenn etwa der Aktienmarkt die Tiefs noch mal testen kann. Aber die dritte Phase ist die längste – und der Krisenabschnitt, der für die meisten Menschen die einschneidendsten Folgen hat. Hier finden viele Grausamkeiten statt, etwa ein massiver Jobabbau in der Industrie. Bisher stand die Krise in der Zeitung, jetzt steht sie im Büro. Und die dritte Phase wird leider nicht schon dieses Jahr enden.

Wie lange kann die Rezession dauern?Das weiß niemand, aber allein der enorme Rückgang der Aufträge in vielen Branchen dürfte eine schnelle Erholung verhindern.

Ist wenigstens die Gefahr eines kollabierenden Finanzsystems gebannt?Sie ist jedenfalls weit kleiner als im vergangenen Herbst. Die Kreditmärkte haben sich deutlich entspannt. Ich behaupte nicht, dass sich die Banken schon wieder uneingeschränkt vertrauen und munter gegenseitig Geld leihen. Die Märkte sind sicher noch nicht wieder dort, wo sie 2007 waren, die Notenbanken werden sie noch eine Weile stützen müssen. Aber das Risiko weiterer Bankpleiten ist erheblich gesunken. Vieles deutet darauf hin, dass die Lehman-Pleite der Höhepunkt war.

Der Markt sieht das anders: Die Gebühren für die Versicherung gegen Kreditausfälle etwa sind vielfach noch historisch hoch, ebenso die Renditeaufschläge, die Unternehmen gegenüber sicheren Staatsanleihen bezahlen müssen.Sie sind teilweise stark übertrieben. Die Ausfallrisiken werden heute in Summe als höher eingestuft als in der Großen Depression. Damals fielen binnen fünf Jahren 45 Prozent der Unternehmenskredite aus, von einer solchen Größenordnung gehen in dieser Krise nicht einmal Pessimisten aus. Allerdings ist ein solches Überschießen der Risikoangst nichts Ungewöhnliches.

Ängste mögen übertrieben sein, aber Fakt ist auch: Die Realwirtschaft leidet unter den angespannten Kreditmärkten. Die Unternehmen bekommen von den Banken kaum noch Kredit.Auch das stimmt so nicht ganz. Man muss unterscheiden zwischen einem Credit Crunch wie in den Dreißigerjahren, wo die Banken aus schierer Not sogar gesunden Unternehmen Kreditlinien kündigen, und einem Credit Squeeze, in dem Kre-dite teurer werden und nicht mehr so bereitwillig vergeben werden. Letzteres ist in einer tiefen Rezession, in der wir uns zweifellos befinden, vollkommen normal. Von einem verheerenden Credit Crunch aber kann keine Rede sein. Die meisten Unternehmen haben keine Probleme, Anleihen am Markt unterzubringen. Die Refinanzierung wird zwar teurer, ist aber in den meisten Unternehmen noch möglich.

Wie erklären Sie sich diese Entspannung?Die Notenbanken und Regierungen haben offenbar kurz vor dem Kollaps die richtigen Maßnahmen getroffen; sie haben die Zinsen massiv gesenkt und beginnen nun, den Banken ihre faulen Papiere abzukaufen. Diese Maßnahmen werden wirken, weil sie die Banken von einer enormen Last befreien. Das ist zwar noch keine hinreichende Bedingung für eine Rückkehr zur Normalität, aber eine nötige: Ein erster Schritt ist gemacht.

Was macht Sie so optimistisch? Ein Problem ist doch, dass die Banken das Geld, mit dem die Notenbanken sie fluten, nicht an Unternehmen weitergeben, weil sie mit der Sanierung der eigenen Bilanzen beschäftigt sind.Aber dabei haben sie schon ein gutes Stück des Weges zurückgelegt, das wird in der aktuellen Diskussion oft vergessen. Das Volumen der Kreditderivate etwa – sogenannte CDS – in den Bankbilanzen hat sich seit Ende 2007 bereits nahezu gedrittelt. Niemand kann heute sagen, ob die aktuelle Politik der Notenbanken, die Märkte mit billigem Geld zu fluten, und der Rettungsplan von US-Finanzminister Timothy Geithner, den Banken mithilfe von Steuergeldern die Bilanzen zu sanieren, der Weisheit letzter Schluss sind. Das können wir vielleicht in zehn Jahren sagen. Aber nach allem, was wir aus der Historie wissen, könnten die jetzt beschlossenen Pakete wirken – wenn überhaupt etwas wirkt. Eine Alternative kennen wir nicht.

Viele Anleger befürchten, dass wir die Interventionen mit neuer Hochinflation büßen werden.Diese Befürchtung halte ich für ein wenig schizophren: Die gleichen Leute, die sich grämen, weil die Liquidität nicht im Wirtschaftskreislauf ankommt – was ja auch stimmt – befürchten Hochinflation. Die aber kann nur entstehen, wenn die Liquidität der Notenbanken nach draußen weitergegeben wird. Solange ein großer Teil der Gelder im Bankensystem versickert, kann keine Inflation der Güterpreise entstehen.

Was raten Sie Anlegern?Viele Unternehmensanleihen bieten gute Chancen. Für die Aktienmärkte bin ich weniger optimistisch, denn die Rettungsprogramme zielen fast ausschließlich auf die Stabilisierung der Kreditmärkte. Die Gewinnrezession der Unternehmen werden sie nicht bremsen können. Eine Börsenerholung um 30 oder 40 Prozent gegenüber den Februartiefs mag drin sein, aber für eine echte Trendwende gibt es noch keine Anzeichen.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%