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Kapitalmarkt-Kommunikation Investor-Relations-Profis kämpfen mit Vertrauensverlust

Die anhaltende Finanzkrise hat das Verhältnis zwischen Unternehmen, Kapitalmarkt und Öffentlichkeit vielfach beschädigt. Manager werden oft als gierig, kurzsichtig und verantwortungslos wahrgenommen. Aktionäre und Anleihe-Inhaber müssen zahlreiche schlechte Nachrichten verdauen. Auf einem Kongress in Frankfurt sucht die Zunft der Kapitalmarkt-Kommunikation (Investor Relations, IR) derzeit nach Auswegen aus der Vertrauenskrise. Heute Abend werden die besten IR-Profis vom Branchenverband DIRK und der WirtschaftsWoche geehrt.

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Aktien-Kurschart auf einem Quelle: REUTERS

„Die verlorene Ehre des Kapitalmarkts“ lautet das Motto, unter das Kay Bommer, Geschäftsführer des Deutschen Investor Relations Verbandes (DIRK), den diesjährigen Investor-Relations-Kongress gestellt hat. Heute und morgen tagen die Kommunikations-Fachleute in Frankfurt am Main - und ein bisschen fühlen sich viele Kapitalmarkt-Profis wie die Protagonistin im literarischen Vorbild von Heinrich Böll aus dem Jahre 1974:  In „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ kommt eine Frau unschuldig in die Mühlen von Justiz und Medien. Die junge Haushälterin Katharina Blum lernt auf einer Karnevalsfeier einen mutmaßlichen Bankräuber und Mörder kennen und verliebt sich in ihn. Die Polizei beschattet dessen Kontaktpersonen, stürmt im Zuge der Ermittlungen Blums Wohnung, sie wird verhaftet und verhört.

Die Medien spielen in dem Stück eine unrühmliche Rolle, weil die „ZEITUNG“ in Bölls Roman den Verdacht gegen Blum von Anfang an wie Tatsachen darstellt. Jahrelang wird Blum danach noch von aggressiven Anrufern belästigt.

IR-Profis fühlen sich in Sippenhaft genommen

Ist der Vergleich zu dick aufgetragen?

Viele Kapitalmarktprofis finden das nicht; auch die Manager und Kapitalmarkt-Repräsentanten vieler Unternehmen von ihnen fühlen sich in derzeit Sippenhaft genommen und ärgern sich über Schuld-Vermutungen, die in den Medien als Tatsachen dargestellt würden. „Die Investor Relations (IR) Manager haben die Krise nicht verursacht, aber IR-Verantwortliche werden in den in Unternehmen nicht verschont“, erklärte Bommer in seiner Rede zur Eröffnung des IR-Kongresses vor mehr als 100 IR-Verantwortlichen. „Einzelne am Kapitalmarkt agierende Gruppen werden als Taliban in Nadelstreifen verunglimpft." 

Wolfram Schmitt, Ehrenpräsident des IR-Verbandes und langjähriger IR-Chef der Deutschen Bank, ist dagegen durchaus selbstkritisch: „In der Finanzkrise ist sicherlich einiges schief gelaufen“, sagte er in einem TV-Interview, „das muss aufgearbeitet werden.“

Auch Frank Appel, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Post, kritisierte in seiner Eröffnungsrede auf dem Kongress Manager und Kapitalmarkt-Akteure. Es könne nicht sein, so Appel, dass jemand das Haus seines Nachbarn gegen Feuer versichern könne, obwohl er das Risiko selber nicht trage. Gemeint sind so genannte Credit Default Swaps (CDS), mit denen Spekulanten sich gegen das Kreditausfallrisiko etwa griechischer Staatsanleihen versichern, obwohl sie selber gar keine besitzen. So wetten Spekulanten auch gegen den Euro, was den Kurs der Währung immer tiefer treibt.

„Verursacht haben nicht wir Industrieunternehmen die Krise, sondern die Banken, aber ausbaden müssen wir sie alle gemeinsam“, brachte der leitende IR-Manager eines Dax-Konzerns die Meinung vieler seiner Branchenkollegen auf den Punkt.

Wie das Vertrauen zurückgewinnen?

Das Bayer-Kreuz am Quelle: dpa

 „Es wird keinen einmaligen, großen Befreiungsschlag geben“, glaubt Schmitt, „das Vertrauen zurückzugewinnen, wird viel und langwierige Arbeit sein.“ Die Diskussion müsse zunächst „dringend wieder versachlicht werden“, forderte Schmitt. Den IR-Managern komme dabei eine Schlüsselrolle zu.  

Steve Kelly, Chef des Londoner Marktforschungsinstituts Thomson-Reuters-Extel, sieht viele IR-Manager dabei schon auf dem richtigen Weg. Die Krise habe die IR-Arbeit in den beiden vergangenen Jahren stark verändert, meint Kelly.

Stand früher das Verkaufen einer so genannten Equity-Story im Vordergrund, also einer Geschichte über die vermeintlich glorreiche Zukunft eines Unternehmens und weshalb Anleger deshalb unbedingt dessen Aktie kaufen sollten, so seien heute viel mehr Details, Zahlen und Hintergrundinformationen bei den Investoren gefragt, sagte Kelly.

„Wir verstehen uns heute nicht mehr als Aktienverkäufer, sondern als Aktien-Erklärer“, meint dazu DIRK-Geschäftsführer Bommer. Transparentere Zahlenwerke, bessere Hilfestellung beim Interpretieren derselben und vor allem ein offener Umgang mit negativen Nachrichten und Entwicklungen seien die Gebote der Stunde.

Die besten IR-Manager Deutschlands werden heute geehrt

 Zum sechsten Mal in Folge hat Thomson-Extel dieses Frühjahr rund 800 Investoren wie Fondsmanager und  Versicherungs-Manager sowie Analysten aus 17 europäischen Ländern nach ihren Erfahrungen im Umgang mit IR-Managern befragt. Die Analysten und Profianleger vergaben dabei Punkte an die Unternehmen, etwa für Transparenz und Genauigkeit der Geschäftsberichte, Erreichbarkeit und Fachwissen der IR-Manager.

Die Investor-Relations-Abetilungen von Henkel, Metro und der Allianz gehören nach Meinung der europäischen Kapitalmarktprofis zu den Besten im Dax.  Im MDax setzen sich Deutsche Euroshop, Lanxess und Douglas durch, bei den Technologiewerten aus dem TecDax Software AG, Aixtron und United Internet. Von den kleineren Unternehmen im SDax konnten besonders Springer, GfK und Alstria Office überzeugen.

In der Personen-Wertung ragen Martin Praum (IVG Immobilien), Oliver Luckenbach (Henkel), Marcus Bauer (United Internet) und Georg Folttmann (KWS Saat) heraus.  WirtschaftsWo-Chefredakteur Roland Tichy wird den IR-Managern dafür heute Abend in Frankfurt den Deutschen-Investor-Relations-Preis 2010 überreichen.

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