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Kapitalvernichter Anlegerschützer brandmarken deutsche Banken

Die DSW prangert die größten Wertvernichter auf dem deutschen Aktienmarkt an. Auf der "Schwarzen Liste" findet sich neben alten Bekannten und einstigen Überfliegern auch Deutschlands größte Bank.

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Die Türme der Deutschen Bank in Frankfurt: Anlegerschützer kritisieren die schwache Kursentwicklung. Quelle: handelsblatt.com

Selten war es so leicht, an der Börse Geld zu verdienen wie im vergangenen Jahr. Die meisten deutschen Aktien verzeichneten ordentliche Gewinne. Umso mehr fallen Unternehmen auf, die ihre Aktionäre enttäuscht haben. „Selbst in diesem wirklich sehr positiven Gesamtumfeld gibt es Unternehmen, die negativ herausragen“, sagt Ulrich Hocker, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Dazu zählen für ihn auch die Deutsche Bank und die Commerzbank.

Die DSW stellt einmal im Jahr ihre „Watchlist“ vor, eine Liste mit den 50 größten Kapitalvernichtern auf dem deutschen Aktienmarkt vor. Analysiert wurden 285 Unternehmen, die seit mindestens fünf Jahren im Prime Standard der Deutschen Börse notiert sind. Dabei orientieren sich die Anlegerschützer allein an der Entwicklung des Aktienkurses. Um kurzfristigen Schwankungen nicht zu viel Gewicht zu geben, gehen die vergangenen fünf Jahre in die Betrachtung ein.

Für die DSW ist klar: Wer es auf die Liste schafft, steht dort nicht wegen eines einmaligen Ausrutschers. „Diese schwarzen Schafe haben nicht nur unter den Belastungen von außen zu leiden. Vielmehr treffen die Manager dieser Firmen offensichtlich häufiger die falschen Entscheidungen“, erklärt Hocker. Das Ergebnis dieser Misswirtschaft sei für die Aktionäre „schlicht und ergreifend ein Desaster“

Den ersten Platz der „Watchlist 2011“ belegt das Solarunternehmen Solon. Die Firma aus Berlin zählt zu den Pionieren der Solarindustrie. Für Anleger fällt die Bilanz allerdings enttäuschend aus: Wer vor fünf Jahren 1000 Euro in die Aktie steckte, dem bleiben heute nur noch 90 Euro. „Solon hat es geschafft, das Kapital seiner Aktionäre fast vollständig zu pulverisieren“, kritisiert Hocker.

Deutsche Bank als Kapitalvernichter

Solon ist nicht das einzige Solarunternehmen auf der Liste. Unter den 50  Kapitalvernichtern finden sich auch Q-Cells, Conergy und Solarworld. Die Aktien galten einst als Überflieger an der Börse. Inzwischen kämpfen deutsche Solarfirmen jedoch mit heftiger Konkurrenz aus China und den USA,  in Deutschland werden die Solarsubventionen zusammengestrichen, die den Boom der Branche überhaupt erst möglich gemacht hatten. Die Tatsache, dass sich unter den schlechtesten Unternehmen mehrere Solaraktien befinden, deute darauf hin, dass sich hier in den vergangenen Jahren eine Blase entwickelt habe, so Hocker. Aus dieser Blase entweiche nun die Luft.

Auch zwei Unternehmen aus dem Dax sind auf der „Schwarzen Liste“ vertreten. Die Commerzbank landet auf Platz 15. Das Institut war in der Finanzkrise unter Druck geraten und wurde teilweise verstaatlicht. In den vergangenen fünf Jahren haben Anleger mit der Aktie rund 80 Prozent verloren. Schon auf der letzten Watchlist war die Commerzbank dabei.

Eine Überraschung ist, dass sich nun auch die Deutsche Bank unter den Kapitalvernichtern wiederfindet. Deutschlands größte Bank hat es auf Platz 48 und somit gerade noch unter die 50 schlechtesten Unternehmen „geschafft“. Sie steht damit auf derselben Liste mit Firmen wie Corporate Equity Partners, dem Klinikbetreiber Marseille Kliniken oder dem Erotikkonzern Beate Uhse. Betrachtet man allein die Kursentwicklung, dann hat die Deutsche Bank in der Tat enttäuscht. In den vergangenen fünf Jahren verloren die Anleger fast 50 Prozent. Auch Konzernchef Josef Ackermann dürfte damit nicht zufrieden sein. „Im Aktienkurs der Bank sehen wir deutliches Steigerungspotenzial“, hatte er auf der Bilanzpressekonferenz im Februar gesagt.Gestern Kapitalvernichter, morgen Kursrakete

Den Anlegerschützern geht es darum, die Aktionäre zu warnen. „Man kann nur hoffen, dass das Alarmsignal, das wir mit unserer Watchlist  aussenden, bei den Anlegern auch aufgenommen wird und sie rechtzeitig die Notbremse gezogen haben“, sagt Hocker. Viele der Unternehmen, die in der Vergangenheit weit oben auf der Watchlist waren, seien inzwischen insolvent und existierten nur noch auf dem Papier.

Die Liste der Anlegerschützer hat allerdings einen entscheidenden Nachteil: Die Daten beziehen sich allein auf das, was gewesen ist. „Die Vergangenheit hat gezeigt, dass viele AGs durchaus im nächsten Jahr die Chance nutzen konnten, den Turnaround zu schaffen“, räumt auch Anlegerschützer Hocker ein.

Das zeigt das Beispiel Infineon: Erstmals tauchte der Name des Chipherstellers im Jahr 2006 und dann erneut 2009 auf der Watchlist der DSW auf. Das Unternehmen galt als Pleitekandidat, der Aktienkurs stürzte ab. Wer mutig genug war, die Papiere auf dem Tiefpunkt zu kaufen, der ist heute reich. Das Unternehmen schaffte die Wende und steht heute wieder stabil da. Das lässt sich auch am Aktienkurs ablesen. In den letzten zwei Jahren hat die Aktie mehr als 200 Prozent gewonnen. „Heute beeindruckt das Unternehmen wieder durch positive Nachrichten“, sagt auch Hocker. Infineon gehöre aktuell zu den besten Unternehmen im gesamten Segment des Prime Standard.

Eine Aktie, die gestern noch zu den Kapitalvernichtern zählte, kann schon morgen kräftige Gewinne einbringen - wenn das Unternehmen nicht vorher pleite ist.

DSW-Watchlist 2011

Kursentwicklung in Prozent: 1 Jahr, 3 Jahre, 5 Jahre

1 Solon-67,6-96,8-912 Corporate Equity Partners-49,7-97,7-99,73 Q-Cells-72,9-96,6-87,54 Colexon Energy-55-85,6-86,15 Pfleiderer-60,2-82,8-84,76 Conergy-24,7-94,2-94,67 Marseille Klininken-46,9-84,7-80,68 MPC-11,6-93,6-94,19 Teles-35,2-76,3-91,510 Beate Uhse-29,2-71,8-91,611 Sky Deutschland-25-80,7-82,812 Lloyd Fonds2,9-87,9-88,313 HCI Capital41,2-87,6-8914 Medigene-44,4-62,8-76,215 Commerzbank-5,6-78,9-78,7

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