WiWo App Jetzt gratis testen!
Anzeigen

Kasachstan Der kleine, große Rohstoffriese

Der neuntgrößte Flächenstaat der Welt will sich stärker für den Westen öffnen. Trotzdem meiden Investoren das Land – noch.

Die Firmenzentrale des staatlichen kasachischen Energiekonzerns Kazmunaigaz in der neuen Hauptstadt Astana. Quelle: handelsblatt.com

Im Zentrum von Astana hat sich der kasachische Staatschef Nursultan Nasarbajew sein Denkmal gesetzt: Linear zieht sich ein kilometerlanger Park mit Springbrunnen durch die Hauptstadt, der zum Shopping- und Freizeitzentrum „Khan Shatyr“ führt. Der britische Stararchitekt Norman Foster hat mit dem Konsumtempel die größte Zeltkonstruktion der Welt entworfen. Neben dem langgezogenen Parkweg zwischen Macht- und Einkaufszentrum reihen sich topmoderne Bürogebäude, in denen Ministerien und Firmen residieren.

Der dekadente Neubau der Hauptstadt Astana hat Kasachstan eine Menge Geld gekostet – und die schiere Masse an offenen Bauprojekten war es letztlich auch, die das Land tief in den Sog der Finanzkrise hineinzog. Etliche Banken konnten ihre Schulden nicht bedienen, von einem Tag auf den anderen trocknete der Refinanzierungsstrom aus.

Die Durststrecke ist längst vorbei – und dank der stabilen Einnahmen aus dem Rohstoffexport legte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) Kasachstans selbst auf dem Höhepunkt der Krise im Jahr 2009 um 1,3 Prozent zu, während die Wirtschaft des großen Nachbarn Russland um fast sieben Prozent schrumpfte. Bei den meisten internationalen Investoren ist das Vertrauen aber noch nicht wiederhergestellt: Lustlos dümpeln die Kurse der kasachischen Unternehmen am Handelsplatz Astana vor sich hin, bei Direktinvestitionen ist das Land weit vom Niveau vor der Finanzkrise entfernt.

Das wird sich ändern. „Fundamental betrachtet steht Kasachstan besser da als Russland“, glaubt Jewgenij Gawrilenkow, „denn das Wachstum ist nachhaltiger als in anderen GUS-Ländern wie Russland und der Ukraine.“ Der Direktor der Investmentbank Troika Dialog lobt auch, dass die Regierung in Astana mittlerweile eher konservative Wachstumsprognosen ausgebe: Während der Internationale Währungsfonds (IWF) für dieses Jahr den Zuwachs auf sieben Prozent schätzt, stelle sich die Regierung nur auch ein BIP-Plus von fünf Prozent ein.

Es scheint, dass Nursultan Nasarbajew die Lehren aus der Finanz- und Immobilienkrise gezogen hat: Opulente Bauprojekte sind im Steppenland Fehlanzeige, dagegen investiert die Regierung rund 16 Prozent der Budgeteinnahmen in den Ausbau der verarbeitenden Industrie. „Wir werden in den kommenden fünf Jahren 50 bis 60 Milliarden Dollar in die Modernisierung unserer Wirtschaft stecken“, verspricht Vize-Industrieminister Albert Rau, der im Auftrag der Regierung ausländische Direktinvestitionen anziehen soll.

Ein neues Wachstumsmärchen?

Vorigen Mittwoch erst traf Kasachstans Außenminister Jerschan Kasychanow in Berlin seinen deutschen Amtskollegen Guido Westerwelle. Mit den Deutschen will Astana eine „strategische Rohstoffpartnerschaft“ eingehen, ein entsprechendes Memorandum hatte Wirtschaftsminister Philipp Rösler bereits im Mai unterzeichnet. Es geht um die gemeinsame Ausbeutung von Seltenen Erden, die Produktion von Lithium und anderen Rohstoffen. Offenbar will Deutschland in Kasachstan wieder investieren.

Die meisten westlichen Investmentfonds machen trotzdem noch einen großen Bogen um den Wachstumstreiber Zentralasiens. Eine der wenigen Ausnahmen sind die Fondsmanager von Franklin Templeton, die ihre Positionen in Kasachstan für den „Frontier Markets Fund“ erst im Mai kräftig ausgebaut haben.

Bei Templeton glaubt man an ein neues Wachstumsmärchen in der Steppe: Kasachstan sei nicht nur reich an Öl und anderen natürlichen Ressourcen, sondern tätige auch „bedeutende Investitionen in die Infrastrukturentwicklung“, heißt es in einem aktuellen Marktbericht. Im Übrigen gelte für das Land mit 15 Millionen Einwohnern, dass neben staatlichen Anreizen eine „robuste Inlandsnachfrage und steigender Konsum“ herrsche.

Das zeigen auch die Zahlen: In der ersten Jahreshälfte stieg die Industrieproduktion um 5,8 Prozent zum Vorjahreszeitraum, im Großhandel stieg der Umsatz um 15,3, im Einzelhandel um zwölf Prozent gegenüber 2010. Die Exporte hat Kasachstan gar um fast die Hälfte auf 35 Milliarden Dollar erhöht.

Das sind ideale Bedingungen, um endlich die Privatisierung umzusetzen, die Präsident Nasarbajew eigentlich schon im Jahr 2009 anpacken wollte. Bis zum Jahresende, verspricht er nun, sollen Energieversorger Samruk Energo, Netzbetreiber Kegok und die kasachische Post an die Börse gebracht werden. Das sind die Testballons, um 2012 oder 2013 die „Cash-Cows“ des Landes zu privatisieren: den Staatskonzern Kazmunajgaz, den größten Öl- und Gasförderer des Landes.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%