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Kirchenimmobilien Wein und Würstchen unterm Kreuz

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Bernadette-Kirche in den Niederlanden: Innen ein Supermarkt Quelle: Laif/Keulen

Unfrohe Botschaften verkünden auch die Entscheidungsgremien der Protestanten. Deren Frankfurter Regionalversammlung etwa beschloss Ende 2008, 13 von 67 Kirchen und Gottesdiensträumen in der Bankenmetropole die Kirchensteuermittel ab 2011 zu streichen, weil dafür rund acht Millionen Euro fehlen. Auch andere Kirchenimmobilien sind betroffen: So will die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau, zu der Frankfurt gehört, bis 2025 rund 230 ihrer über 900 Pfarrhäuser loswerden.

Den Wert des Inventars finden Sachverständige vergleichsweise leicht heraus. Eine funktionstüchtige Orgel – sechs Meter hoch, zweieinhalb Meter tief – bringt schon mal 50 000 Euro. Fragt sich nur, wer solche Orgeln noch kaufen will, wenn immer mehr Kirchen dichtmachen. Der Wert der Immobilien aber hängt nicht nur von Lage, Bausubstanz, Betriebskosten, Sanierungsbedarf ab, sondern vor allem vom neuen Nutzer. Ziehen Sozialeinrichtungen der Kirchen ein, bringt das den Gemeinden kaum Geld. Kommerzielle Nutzer zahlen bessere Preise oder Pachten. Aber damit tun sich viele Gemeinden schwer.

Investorensuche für Frankfurter Matthäuskirche dauert schon Jahre

Das zeigt sich an einem der wertvollsten Kirchengrundstücke in Deutschland um die Matthäuskirche in Frankfurt. Es liegt direkt zwischen Messeturm und Hauptbahnhof. Im Hochhausrahmenplan der Stadt ist an dieser Stelle ein 130-Meter-Büroturm vorgesehen. Der kirchliche Beschluss sieht vor, das Pfarrhaus abzureißen. Die 1905 gebaute Kirche aber soll stehen bleiben und weiter genutzt werden – eine Herausforderung nicht nur für den Architekten. Die Einschränkungen mindern den Wert des 3,3-Hektar-Areals um Millionen. Pfarrer Ralf Bräuer weiß: „Bei einem Abriss der Kirche wäre das Grundstück mehr wert.“ Die Investorensuche dauert schon Jahre.

Nur wenige Ex-Kirchen bergen solch ein Entwicklungspotenzial. „Einen kalkulierbaren Markt für Kirchenimmobilien gibt es nicht“, sagt Thomas Beyerle, Chefanalyst der zur Dresdner Bank gehörenden Immobilienfondsgesellschaft Degi in Frankfurt. „Sakralbauten im Spannungsverhältnis zwischen Urbanität, Spiritualität und Ökonomie“ hat Beyerle eine Studie zu dem Thema überschrieben und zitiert eingangs das Matthäusevangelium: „Mein Haus soll ein Bethaus heißen, ihr aber macht eine Räuberhöhle daraus.“

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    Genau diese Sorge geht um. Was tun mit den Gebäuden? Bistums-Experte Fendrich gibt zu: „Vor so einer gewaltigen Kirche wie St. Georg in Gelsenkirchen, die für 3000 Menschen gebaut wurde, steh’ ich wie vor der Eigernordwand.“ Der neuromanische Bau von 1908 ist eine seiner 96 Kirchen, für die es keine Zukunft als Gotteshaus gibt.

    Vielen Gläubigen sind Kirchen auch nach der Profanierung noch heilig. Ihre Architektur ist für sie Ausdruck religiöser Inhalte. Menschen erlebten dort Kommunion oder Konfirmation, Hochzeiten, Taufen, Trauerfeiern. An fast allen Orten kämpfen daher Initiativen dagegen, ausgerechnet ihre Kirche dem Sparzwang zu opfern.

    In Berlin-Mariendorf verhinderten etwa engagierte Protestanten den Abriss der Martin-Luther-Gedächtniskirche, die 1933 bis 1935 gebaut wurde – aufgrund ihrer Nazi-Ästhetik gilt sie als Denk- und Mahnmal. In Bielefeld besetzten 2007 renitente Protestanten die Paul-Gerhardt-Kirche, um deren Verkauf zu verhindern. Andere Neunutzungen verhindern Denkmalschutz oder Bebauungsplan.

    Dass jedoch etwa ein Restaurantkonzept in einem Sakralbau funktionieren kann, zeigt etwa das Restaurant „Hopper“ im Belgischen Viertel in Köln, das in einer früheren Kapelle untergebracht ist. Oder das „Glückundseligkeit“ in der Bielefelder Martinikirche, mit dem Lifestyle-Gastronom Achim Fiolka und Architekt Heinrich Martin Bruns ein Vorzeigeprojekt für Kirchenneunutzung geschaffen haben.

    Den 112 Jahre alten neogotischen Bau haben sie innen komplett saniert. Aus dem ehemaligen Altarraum wurde eine Lounge mit modernen Sesseln und Stehlampen. Insgesamt 3,3 Millionen Euro hat Fiolkas Firma Living Event in den Umbau der Kirche investiert, zum Beispiel für den Abriss nachträglicher Einbauten, Wärmedämmung, Schutz von Fresken, Akustikdecke sowie Küche und Toiletten. „Geplant war die Hälfte“, sagt der Unternehmer, der vier weitere Lokale betreibt.

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