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Kirchenimmobilien Wein und Würstchen unterm Kreuz

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Matthäus-Kirche, Frankfurt/Main: Vom Abriss bedroht Quelle: Laif/Langrock/Zenit

Strategisch günstig ist die Lage direkt gegenüber der Zentrale des Oetker-Konzerns – das garantiert das eine oder andere Geschäftsessen. Die evangelische Pfarrgemeinde, die Fiolka das Objekt per Erbpachtvertrag überlässt, ist zufrieden.

Bistums-Fachmann Fendrich aus Essen etwa hat sich im „Glückundseligkeit“ umgeschaut und findet die „Atmosphäre völlig okay, wunderbar balanciert“. Fiolka hat Interesse an einer zweiten Restaurant-Kirche und ein ehemaliges Gotteshaus in Dortmund im Blick. Details behält er lieber für sich, weil das Porzellan, das er mit jedem Wort zerschlagen könnte, hauchdünn ist.

Jedes Bistum, jede Pfarrei pflegt Befindlichkeiten und Tabus. Beliebt sind kirchennahe Institutionen als Nachnutzer. So wurde in Mülheim an der Ruhr aus der Kirche St. Raphael ein 2008 eingeweihtes Caritas-Zentrum mit Beratungs-, Therapie- und Gruppenräumen und der Kleiderkammer „Jacke wie Hose“. Die Heilig Kreuzkirche im Mülheimer Stadtteil Dümpten wurde zur Urnenbeisetzungsstätte.

Suche nach neuen Nutzungen für Kirchen

Solche Kolumbarien, wie sie im Fachjargon heißen, sind beliebt bei den Gläubigen, werden aber von den Kirchenoberen kritisch gesehen. Denn sie machen, sagt Bistumsfunktionär Fendrich, den Friedhöfen, die unter kirchlicher Trägerschaft stehen und sich vornehmlich über Friedhofsgebühren finanzieren, Konkurrenz. Außerdem sei die Urnenbestattung erst seit den Sechzigerjahren in der katholischen Kirche zugelassen und theologisch umstritten.

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    Ausgeschlossen ist für die Deutsche Bischofskonferenz „die kultische Nutzung durch nichtchristliche Religionsgemeinschaften“. Und ein Sprecher des Erzbistums Paderborn findet, statt einer Gaststätte in einem ehemaligen Gotteshaus sei „ein Abriss als letztes Mittel“ besser. Faktisch jedoch hat sich – wie so oft in Glaubensfragen – jenseits der reinen Lehre eine bunte Wirklichkeit etabliert.

    Die Leopoldsburger Kirche in Milow im Havelland beherbergt seit zehn Jahren eine Filiale der Mittelbrandenburgischen Sparkasse. St. Pius in Gladbeck nutzt seit zwei Jahren ein Elektrounternehmer für die Lagerung von Solarmodulen. St. Maximin in Trier – 207 Jahre alt – fungiert seit 1995 als Schulsporthalle.

    Die Kölner Kreuzkirche an der Machabäerstraße wird für zwei Millionen Euro zur Jugendherberge umgebaut. Evangelische Freikirchengemeinden in Berlin und Duisburg verkauften Kirchen an muslimische Vereine. Anwaltskanzleien, Schwimmbäder, Hotels, Kletterhallen – alles ist möglich. Nur wer shoppen möchte, muss noch ins Ausland reisen: Im schottischen Tobermory und im niederländischen Helmond gibt es in ehemaligen Kirchen Supermärkte.

    Immobilienfachfrau Bosschert findet nicht alle Neu-Funktionen vorbildlich, aber „besser, als die Kirchen abzureißen“. Es gibt viel zu tun, auch jenseits der Grenze: „Deutschland sollte seine schönen Kirchen behalten.“ Kirchenfunktionär Fendrich hat schon mit Bosschert telefoniert. Schließlich befassen sich kaum deutsche Immobilienprofis mit außer Dienst gestellten Kirchen. Ausnahmen sind der Immobilienmakler Klaus Kugele aus Baden-Württemberg und das Architekten- und Planungsbüro D:4 mit Büros in Berlin und Hamburg – dort bündeln Architekten, Theologen, Projektmanager, Immobilienexperten und Denkmalpflege ihr Know-how.

    Mit zeitlichem Abstand, so Bosscherts Erfahrung, wächst die Toleranz der Gemeinden gegenüber neuen Ideen. Das gelte auch für Haarlo. Was kurz nach der Aufgabe der Kirche noch schwierig gewesen wäre, sei jetzt kein Problem mehr. Ein Café mit Terrasse? Doch, doch, sagt Gemeindevorsteher Bennie Hulshof, das könne er sich vorstellen, nur nichts, „wo bis spät in die Nacht Alkohol getrunken wird“.

    Hulshof öffnet den Reliplan-Leuten die Tür für die Besichtigung am Burculoseweg. Der PVC-Fußboden des Kirchenschiffs ist hässlich, die Decke mit den Styropor-Platten schäbig. Aber die Uhr mit dem grünen Ziffernblatt und goldenen Zeigern draußen über dem Eingang, das rot-weiße Bodenfliesen-Karo mit Bordüre im Vorraum und die Spitzbogen-Fenster werben erfolgreich um Sympathie für das 80 Jahre alte Kirchlein. Bosschert lässt den Raum auf sich wirken und sagt: „Wenn man die Zwischendecke entfernt, hat man einen schönen hohen Raum. Das könnte ein Atelier für einen Künstler oder Architekten werden.“ Natürlich nach „einigen Investitionen“. 150 000 Euro möchte der Gemeindevorstand haben. Bosschert: „Das ist realistisch.“

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