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Kleinstkredite Mikrofinanzierung entwickelt sich zum Schneeballsystem

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Grafik Mikrokredite

60 bis 70 der rund 260 Mikrofinanzierer in Indien stehen vor dem Kollaps, weil ihre Geldgeber frisches Kapital zurückhalten, schätzt Weltbankberater Narasimhan Srinivasan. Die indischen Mikrofinanzierer fordern einen zehn Milliarden Rupien (164 Millionen Euro) schweren Rettungsfonds von Banken.

Lokalpolitiker haben Schuldner mittlerweile sogar aufgerufen, ihre Kredite nicht zu bedienen. Mikrofinanzierer sollen ab sofort nur noch 24 Prozent Zinsen kassieren, sich registrieren und Rückzahlungen nur noch monatlich statt wöchentlich einsammeln. Vielerorts haben die Schuldner vorerst die Oberhand gewonnen: „Sie verprügeln die Geldeintreiber und brechen ihre Büros auf“, erzählt Reddy. „Wie aber“, fragt er, „kann auch ein Anleger von den Ärmsten der Armen so eine hohe Rendite erwarten?“

Börsengang überzeichnet

Vorbei ist es im Bundesstaat Andhra Pradesh mit den hohen Rückzahlungsraten nahe 100 Prozent, mit denen Mikrofinanzierer gerne warben. Insider berichten, dass Schuldner dort aktuell nur noch jede zehnte Rupie tilgen. „Die Nachricht, dass man nicht zurückzahlen muss, verbreitet sich auch über die Grenzen von Andhra Pradesh hinaus recht schnell“, sagt Malcolm Harper, Aufsichtsratschef der Mikrofinanz-Ratingagentur M-Cril in Delhi.

Indische Mikrofinanzierer waren seit 2006 je nach Region mit bis zu 90 Prozent im Jahr gewachsen. Star unter den Mikrofinanzierern war SKS, mit knapp acht Millionen Kunden und 1,2 Milliarden Dollar verliehenem Geld größter Financier am Platz. Der SKS-Börsengang im Juli war 20-Fach überzeichnet und erlöste umgerechnet 49 Millionen Euro. Zu den Geldgebern zählen die japanische Investmentbank Nomura, die französische Bank BNP Paribas und der Quantum-Fonds von Hedgefonds-Legende George Soros. Sie zahlten beim Einstieg 985 Rupien pro Aktie, zwischenzeitlich sank das Papier auf 639 Rupien. Die nächstgrößeren Finanzierer Spandana Sphoorty und Share Microfin verschoben deshalb ihre geplanten Börsengänge.

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    Eine Blaupause für die Sanierung des indischen Sektors könnte Bosnien liefern. Auch dorthin floss zu viel Geld, buhlten zu viele Anbieter um Kunden – auf einem zu kleinen Markt. Die Lage beruhigte sich erst, als eine zentrale Stelle, die Kredite registriert, eingerichtet und eine Schuldnerberatung etabliert wurden. Mikrofinanzierer dürfen Schuldnern seither nicht mehr als drei Kredite geben.

    Fonds geschlossen

    Dass zu viele Kredite an einzelne Schuldner vergeben werden, ist für Anleger nicht die einzige Unwägbarkeit. Die bisher von der Branche ausgewiesenen Rückzahlungsquoten nahe 100 Prozent könnten schlicht auf Bilanzkosmetik beruhen: „Viele Mikrofinanzierer lassen ausfallgefährdete Kredite einfach in den Büchern stehen, statt sie abzuschreiben oder Rückstellungen zu bilden“, sagt Professor Reinhard Schmidt, Mikrofinanzexperte an der Goethe Universität in Frankfurt. „In einigen Ländern sind Abschreibungen sogar verboten“, sagt Monika Beck, die bei der KfW weltweit für Mikrokredite zuständig ist und jahrelang in Lateinamerika mit Kreditsachbearbeitern arbeitete.

    Schummeln wird den Anbietern leicht gemacht: Viele Mikrofinanzierer sind keine Banken und unterliegen damit nicht der Regulierung.

    Die Geldgeber in den reichen Ländern, die Anlegern Mikrofinanzinvestments anbieten, sind alarmiert. Zum Beispiel Klaus Tischhauser, verantwortlicher Geschäftsführer für den im Jahr 2003 aufgelegten Responsability Global Microfinance Fund. Er hat den Fonds für neue Anleger vorerst geschlossen. „Wir wollen keinen weiteren Druck im Markt ausüben“, sagt er.

    Konstante Geldzuflüsse in den Fonds seien auf eine rückläufige Kreditnachfrage bei den Mikrofinanzinstituten getroffen. 23 Prozent der Gelder, die derzeit im Fonds stecken, parken jetzt auf einem Tagesgeldkonto. Altanleger können Fondsanteile verkaufen.

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