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Kleinstkredite Mikrofinanzierung entwickelt sich zum Schneeballsystem

Sie sollten Armen helfen und Investoren Rendite bringen. Jetzt kippt das Erfolgsmodell der Mikrokredite. Was Anleger wissen müssen.

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Mikrokredite Nicaragua

Darla Rani konnte ihr Glück kaum fassen: Gleich vier Mikrofinanzierer gaben der Frau aus dem südindischen Kankipadu Kleinstkredite, mit denen sie Stoffe und Garn kaufen und sich so eine Existenz als Näherin aufbauen sollte. Groß geprüft wurden weder Geschäftsmodell noch Personalien, manch einen Kredit bekam sie mit falschem Namen durch.

Mikrokredite, heftig propagiert von dem Ökonomen Muhammad Yunus aus Bangladesh, der 2006 dafür den Friedensnobelpreis bekam, galten als die Erfolgsgeschichte der Entwicklungspolitik. Die Idee: Menschen in Schwellenländern bekommen Kredite, um damit kleine Unternehmen zu gründen. Schon mit niedrigen, dreistelligen Dollar-Beträgen können sich viele eine Existenz aufbauen: Sie besorgen einen Ofen und backen Tortillas, oder sie kaufen eine Kuh und verkaufen die Milch.

Investoren versprach das Modell neben einem reinen Gewissen respektable und von den Schwankungen der Finanzmärkte weitgehend unbeeinträchtigte Renditen. Indiens börsennotierter Mikrofinanzierer SKS beispielsweise kassierte 31,6 Prozent Zinsen – das ist meist immer noch weniger, als lokale Geldverleiher nehmen, die auch schon mal 50 Prozent verlangen.

Schneeballsystem

Das Geschäftsmodell lockte so mehr und mehr Kapital an. Morgan Stanley ist mit 500 Millionen Dollar im Geschäft. Die Bill & Melinda Gates Stiftung spendete sechs Millionen Dollar an CGAP, eine Mikrofinanzgruppe unter dem Dach der Weltbank. Die deutsche Staatsbank KfW ist mit 2,15 Milliarden Euro in 130 Ländern der weltgrößte Investor. Seit 2001 wuchs ihr Portfolio jährlich im Schnitt um 36 Prozent. Insgesamt investierten Anleger und Staaten schon mehr als 65 Milliarden Dollar in den Mikrofinanzmarkt.

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    Je mehr Geld aus den reichen Staaten floss, umso leichtfertiger wurden in manch armem Land Kredite vergeben – am Ende gab es selbst Geld für Konsum. Für Einheimische war es schnelles und einfaches Geld. Analphabeten besiegelten Verträge per Daumenabdruck, viele verstanden die Verträge nicht. Den Finanziers vor Ort fehlte die Zeit, Kreditnehmer ordentlich zu prüfen. Das Geld musste einfach raus. Ergebnis: Im südindischen Bundesstaat Andhra Pradesh etwa hat jeder arme Haushalt im Schnitt rund zehn Mikrokredite. In ganz Indien haben Geldgeber über fünf Milliarden Dollar verliehen.

    Darla Ranis Verdienst reichte nicht, um Kredit und Zinsen zu bedienen. Sie löste einen Kredit mit einem neuen ab – so wie Hunderttausende in Andhra Pradesh, wo etwa 80 Millionen Menschen wohnen. Das Schneeballsystem funktionierte zunächst. Aber mit jedem Kredit wurden die Summen größer, irgendwann waren mehr und mehr Inder überschuldet, die Kreditgeber wurden nervös und wollten Geld zurück.

    Druck zu stark

    Schuldner wurden zunehmend unter Druck gesetzt, durch Besuche, Ermahnungen, Drohungen. „Mitarbeiter der Mikrofinanzierer haben Frauen zum Verkauf ihres Haushalts, zum Stehlen, selbst zur Prostitution geraten, um Geld für die Tilgung hereinzuholen“, sagt Chandra Sekhar Reddy, Chef der indischen Nichtregierungsorganisation Apmas.

    Hinzu kam der Gruppendruck: Mikrofinanzinstitute verleihen Geld häufig an Gruppen, in denen einer für den anderen einspringen muss. Säumige Schuldner, so das Kalkül, sollen durch den Druck der Gruppe, die gemeinsam haftet, zur Zahlung gebracht werden.

    Am Ende wurde der Druck für viele zu stark. In Andhra Pradesh eskalierte die Situation: Völlig überschuldete Inder sollen sich, zur Tilgung gedrängt, das Leben genommen haben.

    Grafik Mikrokredite

    60 bis 70 der rund 260 Mikrofinanzierer in Indien stehen vor dem Kollaps, weil ihre Geldgeber frisches Kapital zurückhalten, schätzt Weltbankberater Narasimhan Srinivasan. Die indischen Mikrofinanzierer fordern einen zehn Milliarden Rupien (164 Millionen Euro) schweren Rettungsfonds von Banken.

    Lokalpolitiker haben Schuldner mittlerweile sogar aufgerufen, ihre Kredite nicht zu bedienen. Mikrofinanzierer sollen ab sofort nur noch 24 Prozent Zinsen kassieren, sich registrieren und Rückzahlungen nur noch monatlich statt wöchentlich einsammeln. Vielerorts haben die Schuldner vorerst die Oberhand gewonnen: „Sie verprügeln die Geldeintreiber und brechen ihre Büros auf“, erzählt Reddy. „Wie aber“, fragt er, „kann auch ein Anleger von den Ärmsten der Armen so eine hohe Rendite erwarten?“

    Börsengang überzeichnet

    Vorbei ist es im Bundesstaat Andhra Pradesh mit den hohen Rückzahlungsraten nahe 100 Prozent, mit denen Mikrofinanzierer gerne warben. Insider berichten, dass Schuldner dort aktuell nur noch jede zehnte Rupie tilgen. „Die Nachricht, dass man nicht zurückzahlen muss, verbreitet sich auch über die Grenzen von Andhra Pradesh hinaus recht schnell“, sagt Malcolm Harper, Aufsichtsratschef der Mikrofinanz-Ratingagentur M-Cril in Delhi.

    Indische Mikrofinanzierer waren seit 2006 je nach Region mit bis zu 90 Prozent im Jahr gewachsen. Star unter den Mikrofinanzierern war SKS, mit knapp acht Millionen Kunden und 1,2 Milliarden Dollar verliehenem Geld größter Financier am Platz. Der SKS-Börsengang im Juli war 20-Fach überzeichnet und erlöste umgerechnet 49 Millionen Euro. Zu den Geldgebern zählen die japanische Investmentbank Nomura, die französische Bank BNP Paribas und der Quantum-Fonds von Hedgefonds-Legende George Soros. Sie zahlten beim Einstieg 985 Rupien pro Aktie, zwischenzeitlich sank das Papier auf 639 Rupien. Die nächstgrößeren Finanzierer Spandana Sphoorty und Share Microfin verschoben deshalb ihre geplanten Börsengänge.

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      Eine Blaupause für die Sanierung des indischen Sektors könnte Bosnien liefern. Auch dorthin floss zu viel Geld, buhlten zu viele Anbieter um Kunden – auf einem zu kleinen Markt. Die Lage beruhigte sich erst, als eine zentrale Stelle, die Kredite registriert, eingerichtet und eine Schuldnerberatung etabliert wurden. Mikrofinanzierer dürfen Schuldnern seither nicht mehr als drei Kredite geben.

      Fonds geschlossen

      Dass zu viele Kredite an einzelne Schuldner vergeben werden, ist für Anleger nicht die einzige Unwägbarkeit. Die bisher von der Branche ausgewiesenen Rückzahlungsquoten nahe 100 Prozent könnten schlicht auf Bilanzkosmetik beruhen: „Viele Mikrofinanzierer lassen ausfallgefährdete Kredite einfach in den Büchern stehen, statt sie abzuschreiben oder Rückstellungen zu bilden“, sagt Professor Reinhard Schmidt, Mikrofinanzexperte an der Goethe Universität in Frankfurt. „In einigen Ländern sind Abschreibungen sogar verboten“, sagt Monika Beck, die bei der KfW weltweit für Mikrokredite zuständig ist und jahrelang in Lateinamerika mit Kreditsachbearbeitern arbeitete.

      Schummeln wird den Anbietern leicht gemacht: Viele Mikrofinanzierer sind keine Banken und unterliegen damit nicht der Regulierung.

      Die Geldgeber in den reichen Ländern, die Anlegern Mikrofinanzinvestments anbieten, sind alarmiert. Zum Beispiel Klaus Tischhauser, verantwortlicher Geschäftsführer für den im Jahr 2003 aufgelegten Responsability Global Microfinance Fund. Er hat den Fonds für neue Anleger vorerst geschlossen. „Wir wollen keinen weiteren Druck im Markt ausüben“, sagt er.

      Konstante Geldzuflüsse in den Fonds seien auf eine rückläufige Kreditnachfrage bei den Mikrofinanzinstituten getroffen. 23 Prozent der Gelder, die derzeit im Fonds stecken, parken jetzt auf einem Tagesgeldkonto. Altanleger können Fondsanteile verkaufen.

      In Nicaragua musste Tischhauser ein Investment fast vollständig abschreiben – nach Problemen, die stark an die jetzt in Indien aufgetretenen erinnern. In dem zentralamerikanischen Staat drohte die „Movimiento No Pago“ („Ich-zahl-nicht-Bewegung“) im vergangenen Jahr, Mikrofinanz-Personal zu entführen und deren Gebäude anzuzünden. Präsident Daniel Ortega forderte Schuldner auf, Kredite nicht zu bedienen, und beschimpfte Mikrofinanzierer als Wucherer. Investoren zogen Geld vom Mikrofinanzanbieter Banex (Banco del Éxito, Bank des Erfolgs) ab. Inzwischen ist die Bank aufgelöst. Sie schuldete 28 Gläubigern zuletzt 85 Millionen Dollar.

      Ausländische Kreditgeber erneuerten 2009 Kreditlinien für Mikrofinanzierer in Nicaragua über 60 bis 90 Millionen Dollar nicht, dieses Jahr blieben erneut 70 Millionen aus. „Die Investoren fragen, was als Nächstes aus der Politik kommt“, sagt Rene Medrano, Direktor für Zentralamerika bei der Ratingagentur Fitch.

      Zukunftsmarkt des Sektors

      Jetzt schon das Ende der Mikrokredit-Idee auszurufen wäre allerdings verfrüht. Kleinstkredite funktionieren, solange verantwortliche Geldgeber örtlich zahlbare Zinsen verlangen, sie die Schuldner gut prüfen und sie Kunden beim Schritt in die Selbstständigkeit unterstützen. Das braucht Zeit: Gigantische Wachstumsraten von 90 Prozent, so wie in Indien, sollten für Anleger eher ein Alarmsignal denn eine Investmentgelegenheit sein.

      Ein Positivbeispiel ist Brasilien, das als einer der Zukunftsmärkte des Sektors gilt. Dort werden erst drei Prozent der potenziellen Kunden versorgt. Derzeit bekommen 780 000 von 190 Millionen Einwohner einen Mikrokredit. Viel mehr aber brauchen einen: Rund die Hälfte der Bevölkerung verfügt weder über Konto, Scheck oder Kreditkarte. Diese Menschen können ohne Einkommen kein Konto eröffnen, geschweige denn auf einen Kredit hoffen.

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        Psychologisches Pfand

        Die Banco do Nordeste do Brasil (BNB), hält in Südamerika das größte Mikro-kredit-Portfolio. 570 000 Klienten beziehen Kredite in Höhe von umgerechnet 225 Millionen Euro. BNB kassiert im Monat zwei Prozent Zinsen. Je nach Region bleiben 0,5 bis 2,0 Prozent der Rückzahlung aus.

        Bei säumigen Schuldnern brauchen Krediteintreiber das richtige Gespür: So wie Monika Beck, die in Bolivien Kredite eintrieb, nachdem sie zuvor eine Art „psychologisches Pfand“ genommen hatte. Das sind Gegenstände, die eigentlich wertlos sind, um Kredite zu besichern – die der Kunde aber trotzdem braucht. So auch der nur noch mit einem Gummiband zusammengehaltene, verbeulte Kühlschrank eines Ehepaares.

        Beck hatte den Eindruck, dass das Paar zurückzahlen konnte – aber nicht wollte. Drei Monate hielten die beiden sie hin. Also fuhr ein Team mit einem Pickup am Haus der Schuldner vor. Der Mann sei auf dem Weg, das Geld zu holen, gab die Frau vor. Zwei Stunden lang diskutierten die Mitarbeiter mit ihr, bis sie den Kühlschrank durch die Wohnung schleiften. Tränen flossen. „In dem Moment rappelt es unter dem Bett, und der Mann kriecht hervor“, sagt Beck.

        Kümmern sich Mikrofinanzierer um die Schützlinge, kann die Idee von Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus funktionieren. Wenn nicht, drohen weitere Kreditblasen.

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