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Krisen- und Konjunkturprognosen Das Volk ohne guten "Wirt"

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Folker Hellmeyer, Chefanalyst der Bremer Landesbank

Die moderne Volkswirtschaftslehre fokussiert sich stark auf mathematische Ansätze. Es gibt zwei wesentliche Grundvoraussetzungen für diese Lehre.

So basiert diese „moderne“ Lehre auf der Annahme, dass es den „Homo oeconomicus“ gibt. Dieser „Homo oeconomicus“ bezeichnet ein Wirtschaftssubjekt, das seine Entscheidungen basierend auf rationaler Handlungsweise und vollständiger Information, eigeninteressiert und Nutzen maximierend trifft. Dieser Anspruch ist bezüglich zweier Aspekte ambitioniert. Vollständige Information zu erlangen, ist heute trotz der Informationsgesellschaft illusorisch. Rational agierende Wirtschaftssubjekte sind mir in meinem Berufsleben nur selten begegnet. Im Gegenteil waren sie in entscheidenden Momenten entweder zu euphorisch oder zu depressiv. Ergo ist diese Grundvoraussetzung der modernen Lehre grundsätzlich eine Fehlannahme.

Die zweite Annahme unterstellt, dass Märkte effizient seien. Märkte liefern immer einen Gleichgewichtspreis unter den gegebenen Bedingungen. Sie sind deswegen noch lange nicht effizient in der Allokation der Produktionsfaktoren. Im Gegenteil. Allein die Krisen in diesem neuen Jahrtausend zeigen, dass es Märkten offensichtlich an Effizienz mangelt. Wie hätte es ansonsten zu einer Krise des Neuen Marktes oder des US-Immobilienmarktes kommen können? Wenn zwei Grundvoraussetzungen der modernen Lehre Fehlannahmen sind, darf es nicht verwundern, dass die Resultate in Extremsituationen nicht belastbar sind.

In einer durchschnittlichen konjunkturellen Entwicklung, die nicht von Exzessen geprägt ist, kann dieser Ansatz belastbare Ergebnisse produzieren, da dann überwiegend rationales Verhalten der Wirtschaftssubjekte dominiert und Märkte zumindest zu wesentlichen Teilen effizient sind. Prognosen sind in Normalsituationen fraglos hilfreich, in Extremsituationen sind sie deutlich unentbehrlicher. Die Rolle der Elite der Volkswirtschaft ist vergleichbar mit der eines Lotsen, der nur gute Leistungen bei Sonnenschein produziert. „Food for thought!“

Neben der „modernen“ Lehre gibt es Alternativen. Wenden wir uns der „alten“ Lehre der „Österreichischen Schule“ zu. Diese Lehre geht zurück auf Carl Menger (1840–1921). Die „Österreichische Schule“ stellt das Wirtschaftssubjekt und die Befriedigung seiner Bedürfnisse in den Vordergrund. Die Mathematik spielt eine untergeordnete Rolle. Verbale Logik oder, vereinfacht ausgedrückt, gesunder Menschenverstand ist ein wesentlicher Baustein. Dieser Lehransatz fand in den vergangenen 50 Jahren kaum noch ein Echo, weder an den Universitäten noch in den Medien.

Fehlannahmen als Grundvorraussetztung

Nach den Erfahrungen im neuen Jahrtausend und der damit einhergehenden faktischen Entzauberung der Mathematik in der Volkswirtschaftslehre sind neue Wege zwingend erforderlich. Dabei ist die mathematische Ausformung der Volkswirtschaftslehre nicht grundsätzlich zu negieren. Sie ist aber in jedem Fall zu ergänzen. Der gesunde Menschenverstand, der sich hier via der „Österreichischen Schule“ anbietet, ist eine zu nutzende Steilvorlage.

Schematisiert lässt sich die „Österreichische Schule“ als These definieren. Die „moderne“ Lehre darf die Rolle der Antithese spielen. Die Synthese ist die Kombination der beiden Ansätze. Ohne die „Österreicher“ geht es aber definitiv nicht, wenn belastbare Resultate auch in Extremsituationen geliefert werden sollen, da Menschen, die wirtschaftliche Entscheidungen treffen, nicht solitär „mathematisch“ funktionieren.

Das Volk war in den letzten drei Jahren ohne guten „Wirt“ aus der Elite schlecht versorgt. Die notwendigen Lernkurven aus den profunden Fehlleistungen sind zu beherzigen, um diesen Zustand abzustellen.

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