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Policen-Verzinsung Haben Lebensversicherer die Erträge der Kunden verzockt?

Lebensversicherer sind stärker bei Schrott-Papieren engagiert, als sie bisher eingeräumt haben. Die Gutschriften für die Kunden stehen deshalb auf dem Spiel.

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Auch bei Lebensversicherern ist die Krise angekommen Quelle: Martin Haake

Auf der Investoren-Konferenz im Frankfurter Hilton ist ihm nichts anzumerken: Heiko Seeger, beim Versicherer Provinzial Rheinland verantwortlich für festverzinsliche Geldanlagen von zehn Milliarden Euro, begrüßt Teilnehmer einer Diskussion zu Renten-Investments mit Handschlag, plaudert und lächelt. Dabei müssten den Manager mit dem schulterlangen blonden Haar Sorgen plagen: Knapp 600 Millionen Euro hatte er in sogenannte Asset-Backed Securities (ABS) angelegt – in die Art von Papieren, in denen sich verschachtelt Kredite befinden und von denen viele als toxische Wertpapiere Finanzgeschichte schrieben.

Bei der Provinzial Rheinland waren Anfang 2008 rund fünf Prozent des Versicherten-Kapitals von insgesamt 11,9 Milliarden Euro solcher Giftmüll. Um 122 Millionen Euro musste sie den Wert der ABS korrigieren – weitere Verluste nicht ausgeschlossen.

Beunruhigend: Insgesamt hatten Lebensversicherer laut Finanzaufsicht BaFin Ende 2008 elf Milliarden Euro in ABS angelegt. Nicht nur die Provinzial Rheinland hält knapp das Doppelte des Branchenschnitts von 1,6 Prozent: Bei fast jedem achten Lebensversicherer stecken über drei Prozent der Kapitalanlagen in ABS, bei drei Versicherern sogar über fünf Prozent.

Finanzkrise trifft Lebensversicherer

Zu ABS möchte Seeger auf dem Podium lieber nichts sagen. Als er den „schlimmstmöglichen Fall“ für die Branche skizzieren soll, beklagt er die niedrigen Staatsanleihe-Renditen. „Wir müssen einen Garantiezins von 3,5 Prozent erwirtschaften, jedes Jahr“, sagt er. „Wir hoffen natürlich, mehr ausschütten zu können.“ Ein frommer Wunsch: Wegen 340 Millionen Euro Abschreibungen brach bei Seegers Arbeitgeber die Nettoverzinsung um mehr als die Hälfte ein, auf 2,1 Prozent.

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    Die Provinzial Rheinland – der viertgrößte öffentliche Lebensversicherer – galt als langweilig, aber solide. Dass ausgerechnet die Düsseldorfer lax mit Versichertengeld umgegangen sind, wirft ein Schlaglicht auf eine Branche, die Stabilität für die Altersvorsorge verspricht, detaillierte Angaben, in welchen Wertpapieren und Fonds sie ihre derzeit 680 Milliarden Euro anlegt, aber noch nie auf den Tisch gelegt hat. Dabei ist seit Langem absehbar, dass die Finanzkrise Lebensversicherer ähnlich hart trifft wie viele Banken. Nur langsam lüftet sich der Schleier.

    Sicher ist, dass bei vielen Versicherten künftig weniger ankommen wird. Die Kapitalanlagerendite erreicht schon jetzt oft nicht die den Kunden versprochene Mindestverzinsung – je nach Vertrag 2,25 bis 4,0 Prozent. „Wegen der Verwerfungen am Finanzmarkt haben auch Lebensversicherer viel Geld verbrannt“, sagt Tim Ockenga, Analyst bei der Ratingagentur Fitch. „Einige Versicherer werden unter den Lasten leiden und wahrscheinlich auch 2009 eine Nettoverzinsung deutlich unter dem langjährigen Durchschnitt ausweisen.“ Die Nettoverzinsung der Lebensversicherer lag 2008 bei 3,6 und 2007 bei 4,6 Prozent.

    Immer mehr Problemfälle tauchen auf: Die Provinzial Nordwest schrieb für das Vorjahr 606 Millionen Euro ab, davon 84 Millionen Euro bei ABS. „Ich höre mit Überraschung, dass manche Versicherer angeblich kaum betroffen sind“, sagte Provinzial-Nordwest-Chef Ulrich Rüther.

    Bei der Nürnberger Versicherungsgesellschaft warnte die Ratingagentur Fitch Mitte Juni vor einem überdurchschnittlichen Anteil an strukturierten Produkten im Depot und stufte ein Rating der Nürnberger-Holding von „A“ auf das mittelmäßige Niveau „BBB+“ herab. Die Agentur begründete das mit „erheblichen Verlusten und Wertminderungen in den Kapitalanlagen“.

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