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Rohstoffmärkte Wie Spekulanten mit Lebensmitteln zocken

Achterbahn beim Preis für Weizen: Längst haben finanzstarke Investoren den Markt für sich entdeckt. Ernteprognosen und Exportverbote machen unser täglich Brot zum Spielball für Spekulanten.

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Ein Mähdrescher bei der Quelle: AP

Partystimmung an der Warenterminbörse in Chicago: Nach drei Tagen mit rückläufiger Tendenz legten die Weizenpreise erstmals wieder zu. Termingeschäfte auf Weizen mit Liefertermin Dezember verteuerten sich um knapp zwei Prozent, ein Scheffel, was einem Volumen von 32,5 Litern entspricht, notierte bei 7,40 Dollar. Die Angst vor einer Weizenknappheit trieb wieder den Preis, denn Gerüchte machten die Runde, dass nach dem Exportverbot Russlands bis zum Jahresende auch andere Weizenproduzenten wie Kasachstan und die Ukraine einen Ausfuhrstopp verhängen könnten.

Dabei hatte sich die Lagen am Weizenmarkt in den Tagen zuvor deutlich entspannt. Gestern hatte sich der in den USA gehandelte Terminkontrakt auf bis zu 7,03 Dollar je Scheffel verbilligt und lag damit rund 17 Prozent unter seinem Zwei-Jahres-Hoch vom Freitag vergangener Woche. „Die wegen der Dürre zu erwartenden Ernteausfälle in der Schwarzmeer-Region sind geringer als zunächst gedacht“, sagte Rohstoff-Experte Jonathan Barratt von Commodity Broking Services. Die drastischen Preisaufschläge waren seiner Auffassung nach überzogen. Dennoch war die Abkühlung der Weizenpreise nur ein Zwischenspiel. Allein in den sechs Wochen zuvor hatte sich der Weizenpreis wegen der Dürre in Russland und prognostizierten Ernteausfällen nahezu verdoppelt.

Aufgeblähter Markt

Starke Kursschwankungen rufen die Spekulanten auf den Plan: Die Weizenpreisrally hat Privatanleger an der Börse Stuttgart vergangene Woche verstärkt in börsennotierte Rohstoff-Indexfonds (ETFs) getrieben. Besonders gefragt war unter anderem der Market Access RICI Agriculture Index von Rohstoff-Guru Jim Rogers, der in den vergangenen zwölf Monaten ein Kursplus von knapp 20 Prozent vorweisen konnte. Wer will sich da schon mit zwei Prozent auf Tagesgeld zufrieden geben?

„Die Anleger wollten an dem Kursanstieg bei Weizen teilhaben und haben sich deshalb einen Fonds mit einem Anteil von mehr als 20 Prozent an Weizen angeschafft“, kommentiert Michael Görgens, Leiter des ETF-Handels in Stuttgart, das Interesse der Anleger. Dabei wies der Fond auf Sicht der vergangenen drei Jahre immer noch ein Minus von mehr als zehn Prozent aus.

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    An den Börsen und eben auch bei den Privatanlegern nimmt offenbar die Risikobereitschaft nach den schmerzhaften Erfahrungen der Finanzkrise wieder zu.

    Der Handel mit Rohstoffen und verwandten Wertpapieren umfasst heute ein Volumen von Hunderten von Milliarden. Längst sind nicht mehr die Rohstoffproduzenten und ihre Abnehmer die Hauptakteure, sondern Banken, Hedgefonds und Investmentgesellschaften. Sie schließen einerseits Wetten auf steigenden oder fallende Rohstoffpreise ab. Andererseits verdienen die Banken auch noch an Absicherungsgeschäften gegen stark schwankende Preise.

    Nach Informationen des "Handelsblatt" haben allein die US-Großbanken Goldman Sachs, Morgan Stanley, JP Morgan und die Bank of America rund vier Billionen Dollar an den Rohstoffmärkten bewegt – und damit selbst zu deutlichen Preisschwankungen im Rohstoffsektor beigetragen.

    Absicherung sinnvoll

    Dabei haben die Absicherungsgeschäfte schon ihren Sinn. Beispiel Lufthansa: Die Fluggesellschaft ist einer der größten deutschen Akteure bei solchen Geschäften. Sie kauft meist für bis zu zwei Jahre im Voraus über Optionen auf Rohöl im Wert von Milliarden Euro, um nicht von plötzlichen Preissteigerungen überrascht zu werden. Auf der Gegenseite stehen im Idealfall zum Beispiel Erdölfirmen, die sich vor einem plötzlichen Preisverfall schützen wollen. Mit dem frühzeitigen Verkauf zum festgelegten Preis kann sich hier der Erdölproduzent gegen einen Preisrutsch absichern.

    Feuerwehrmänner vor Quelle: dpa

    Eigentlich, so die Einschätzung vieler Experten, wirken sich diese Wetten und Versicherungen kaum auf die Endpreise für die Verbraucher aus, es sei denn, Produktionsmenge und Nachfrage nach Rohstoffen geben den Geschäften mit der zukünftigen Preisentwicklung recht. Selbst Wirtschafts-Nobelpreisträger Paul Krugman betont, Termingeschäfte hätten keinerlei direkte Auswirkungen auf die Preise von Gütern. Aber die Entwicklung der vergangenen zwei Jahre nährt Zweifel an der reinen Lehre. Der Grund: Den Akteuren an den Rohstoffbörsen genügen Terminkontrakte und Absicherungsgeschäfte längst nicht mehr. Hedgefonds parken inzwischen volle Öltanker vor den Küsten, Banken wie Goldman Sachs , Barclays und JP Morgan kontrollieren laut Handelsblatt-Recherchen physische Rohstoffe im Wert von 16 Milliarden Pfund. Ein britischer Hedgefonds kaufte ganze sieben Prozent der weltweiten Kakao-Ernte, der Kakaopreis stieg dadurch auf das höchste Niveau seit 33 Jahren. Und selbst so mancher Bauer lässt sein Korn in Hoffnung auf steigende Preise länger im Speicher. Kommen diese Vorräte dann irgendwann doch an den Markt, drückt dies den Preis.

    Strittig sind die Folgen, wenn die Spekulation auf steigende oder sinkende Preise Dimensionen annimmt, die ein Vielfaches des realen Volumens der Waren übersteigen. Dann spielt die Psychologie bei der kurzfristigen Preisbildung eine weitaus größere Rolle als das physische Angebot und die tatsächliche Nachfrage. So klagte der US-Finanztheoretiker William J. Bernstein schon 2006, dass am Rohstoffmarkt in New York inzwischen vor allem große Investmentfonds agierten - und nicht die Produzenten oder die Abnehmer.

    Psychologie im Spiel

    Jede Meldung, die Auswirkungen auf die Entwicklung des Rohstoffangebots hat, wirkt sich sofort auf die Preise aus, auch wenn die Ernten normal und die Lager noch gut gefüllt sind. Bricht in Russland eine Dürre aus, lässt dies wie jüngst geschehen die Preise für bereits produzierten Weizen steigen. Und leiden die Orangenbäume in Florida unter Pilzbefall, wird auch in Europa der Orangensaft teurer. Die Unsummen spekulativen Geldes im Rohstoffsektor werden unmittelbar umgeschichtet und verursachen so die Achterbahnfahrt bei den Preisen.

    Weltbankpräsident Robert Zoellick warnte gestern die Weizen produzierenden Staaten daher, Ausfuhrverbote zu verhängen. Dies würde die "Unsicherheit an den Märkten" verstärken. Das Welternährungsprogramm (WFP) spricht bereits von einer gefährlichen Preisspirale. Die Erinnerung an die Lebensmittelkrise 2008 sind noch lebhaft: Damals erreichte der UN-Preisindex für Nahrungsmittel ein Rekordniveau. Noch liegt der Index 15 Prozentpunkte und dem alten Höchststand. Damals hatte es in Ländern wie Haiti und Ägypten wegen der steigenden Lebensmittelpreis Unruhen gegeben. Gerade Ägypten ist von russischen Weizenexporten abhängig, weil es damit fast zwei Drittel seines Importbedarfs deckt. Inzwischen will Russland eine Rücknahme des Exportverbots prüfen, sobald die Schäden aus den verheerenden Bränden quantifizierbar sind.

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      Reserven reichen

      Für den Fall einer wachsenden Weizenknappheit kündigte die Weltbank an, einen Nahrungsmittelfonds wieder aufleben zu lassen, wie er 2008 geschaffen wurde. Derzeit stehen dafür 615 Millionen Euro zu Verfügung. Gemessen an den Summen, die an den Rohstoffmärkten umgesetzt werden, klingt das nach wenig.

      Aber der Hysterie um den Weizenpreis fehlt die fundamentale Basis: Laut Rohstoff-Experte Eugen Weinberg von der Commerzbank könnte Russland sogar zehn Jahre lang als Exporteur ausfallen, ohne dass das Weizenangebot knapp wird – so viel liegt noch in den Weizenspeichern. Einiges davon müsste nur nach Ägypten.

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