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Rohstoffpreise Die EU, Sarkozy und die Spekulanten

Die EU-Kommission sorgt sich über die Preise für Agrar-Güter. Doch in der Frage, wie man die Märkte stärker reguliert streitet sie heftig mit Nicolas Sarkozy. Der Franzose macht Spekulanten verantwortlich, davon will die EU nichts wissen.

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Mähdrescher Quelle: ZB

Die Zahlen sprechen für sich. 2007 stiegen die Preise für Rohstoffe aller Art rapide an, um 2008 einen Höhepunkt zu erreichen. Im weiteren Jahresverlauf brachen die Preise 2008 dann ein. Seit 2009 tendieren sie wieder nach oben. Die Märkte für Rohstoffe, einschließlich Agrar-Güter, waren in den vergangenen Jahren volatiler als je zuvor. Das gilt für Europa und den Weltmarkt, für Geschäfte, die sofort stattfinden, und auch für spätere Lieferungen.  Grund genug für die EU-Kommission, sich dieses Themas anzunehmen. In der Kommunikation, die die Behörde am Mittwoch vorlegte, scheut sie sich aber vor voreiligen Schlussfolgerungen. In einem Entwurf hatte die Kommission sogar ausgeschlossen, dass Spekulanten an den Preisschwingen Schuld sein könnten. Dies erzürnte den französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy so sehr, dass das Dokument überarbeitet und mit einer Woche Verzögerung vorgestellt wurde. Sarkozy hat sich für die aktuelle G-20-Präsidentschaft Frankreichs den Kampf gegen Spekulation auf die Fahnen geschrieben und glaubt einen Schuldigen für die Preisausschläge auf den Agrarmärkten gefunden zu haben. Ist das Feindbild erst einmal aufgebaut, so könnte hinterher Regulierung folgen.

Jahreszeiten ausschlaggebend

Doch das Dokument der EU-Kommission zeigt, dass es zunächst einer nüchternen Analyse bedarf. Gleich mehrere Faktoren hatten in den vergangenen Jahren einen Einfluss auf das Angebot von Agrargütern und die Nachfrage danach. So gab es bei manchen Gütern Angebotsengpässe. Hinzu kommt, dass Land, das bisher für die Produktion von Nahrungsmitteln eingesetzt wurde, mit einmal auch für die Produktion von nachwachsenden Rohstoffen interessant wurde. Auf diesem Wege hat der Energiepreis nun eine Auswirkung auf Nahrungsmittel.

Die Beamten der EU-Kommission betonen in dem Dokument, dass jeder Markt für Rohstoffe anderes funktioniert. Bei Agrargütern kommt hinzu, dass die Produktion von der Jahreszeit abhängt und im Normalfall nicht schnell auf die Nachfrage reagieren kann, weil die Wachstumszyklen nicht beliebig verändert werden können.

Vereinigung von Rohstoff- und Finanzmärkten

Die EU hat mit der Reform ihrer Gemeinsamen Agrarpolitik Stützpreise zurückgefahren, wodurch Produzenten und Händler stärker den Preisschwingungen ausgesetzt sind. Sie greifen nun stärker auf die Kontraktmärkte zurück, um sich gegen Risiken abzusichern. Dies erklärt, warum der Handel an den europäischen Terminbörsen für Agrar stark zugenommen hat.

Hinzu kommt das wachsende Interesse von Finanzinvestoren an Anlagen in Agrar. „Rohstoffmärkte und Finanzmärkte wachsen verstärkt zusammen“, schreiben die Beamten der EU-Kommission. Trotz einer starken Korrelation zwischen dem Spot-Markt für Landwirtschaftliche Güter und den entsprechenden Derivaten, „ist es immer noch schwierig, die Interaktion und die Auswirkung von Bewegungen am Derivate-Markt auf die Volatilität des physischen Marktes zu analysieren“, heißt es in dem Bericht.

Neue Richtlinen zum Marktmissbrauch

Statt Spekulanten rundheraus zu verdammen, empfiehlt der Bericht, die Transparenz von Derivaten und Spot-Gütermärkten zu erhöhen. Je mehr Investoren über einen Markt wissen, desto besser können sie Entscheidungen treffen, so die Analyse. Grundsätzlich müsse die Möglichkeit der Warenterminkontrakte erhalten bleiben, weil sie eine Absicherung gegen Risiken bedeuten, heißt es weiter.

Die Kommission glaubt, dass sie mit ihrem Vorschlag für die Regulierung der Derivate-Märkte, die auch die Märkte für Agrargüter betrifft, auf dem richtigen Weg ist, um den Bereich transparenter zu machen. Im Frühjahr will sie eine Neufassung der Richtlinie zum Marktmissbrauch vorstellen, die klären soll, welcher Art von Handel mit Rohstoffen einen Marktmissbrauch darstellt. Ziel ist es, dass europäische Regeln einen solchen Marktmissbrauch in der gesamten Europäischen Union verhindern.   

Unter dem Strich geht die EU-Kommission, auch basierenden auf Studien der Weltnahrungsorganisation FAO und der OECD, davon aus, dass die Preise für Agrarrohstoffe auf absehbare Zeit höher bleiben werden, als im historischen Durchschnitt. Damit geht ein langer Abwärtstrend zu Ende. Die Preise dürften weiter stark schwanken, denn die Preisvolatilität wird erhalten bleiben. Auch die Preise der Produktionsmittel für Agrargüter dürften über ihrem historischen Niveau bleiben.

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