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Russland Der Putin-Faktor: Russlands Börsenrisiko

Anleger haben die russische Börse weitgehend abgeschrieben. Das könnte ein Fehler sein, denn die fundamentalen Daten des Landes sind gut. Was die Aussichten trübt: Der Premier greift Unternehmen gern ins Steuer.

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Russlands Premierminister Quelle: AP

Börsengewitter lassen sich in Russland gut voraussagen. Man muss sich nur am westlichen Stadtrand des zurzeit qualmverhangenen Moskaus auf die Lauer legen. Genauer: an der Rubljowo-Uspenskoje-Chaussee, an der die Datscha von Premierminister Wladimir Putin liegt. Dort fahren regelmäßig Nobelkarossen vor, mit Blaulicht und getönten Scheiben. Im Fond sitzen Russlands Konzernlenker, die Putin zum Rapport bestellt. Die Resultate laufen in den Abendnachrichten – und welche Folgen Putins Direktiven haben, spiegeln am nächsten Tag die Aktienkurse wider.

Putin greift Unternehmenschefs gern ins Steuer. Mal verhängt er Entlassungsstopps, mal geht es um Gehaltserhöhungen, ein andermal baut er Zollschranken auf. Zuletzt war Wladimir Jewtuschenkow zu Gast auf der klassizistisch angehauchten Datscha. Dem Eigentümer des Technologiekonzerns Sistema versprach Putin neue Hürden beim Import von Handys. Russlands Telekomtitel legten daraufhin kräftig zu. Ein paar Wochen zuvor hatte der Premier Stahlmagnaten wegen Preissteigerungen zusammengestaucht, worauf einige Titel rasch um sechs Prozent nachgaben und die russischen Indizes mit nach unten nahmen.

Spielraum nach oben

Keine Frage: Putin ist Russlands Börsenrisiko. Das Wort des Regierungschefs führt bisweilen zu stärkeren Kursausschlägen als Sprünge des Ölpreises. Doch so plötzlich, wie die Kurse absacken, steigen sie auch wieder: „Shareholder Value ist in Russland leider kein großes Thema“, weiß Matthias Siller, der den Barings Russia Fund managt. Dabei denkt er nicht nur an Putins Attacken, sondern auch an die Dividendenschwäche börsennotierter Unternehmen. Aber diese Nachteile und Risiken sind in den Kursen drin, beschwichtigt Siller: „Russland ist derzeit einer der billigsten Märkte weltweit. Der globale Portfolioinvestor wird kaum an Russland vorbeikommen, die Fundamentaldaten sind einfach überzeugend.“

Ein Rettungshafen liegt ostwärts: Geschockt von der Euro-Krise, stürzten sich Anleger schon Ende April auf russische Staatsanleihen, die derzeit mit knapp fünf Prozent verzinst werden – Rekordtief für eine Volkswirtschaft, die in den Neunzigerjahren mehrfach vor dem Staatsbankrott stand. Für deutsche Privatanleger sind die Staatspapiere in Rubel und US-Dollar wegen des Währungsrisikos allerdings riskant.

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    Zurück auf Wachstumskurs

    Bei Aktien stören Anleger vor allem politische Risiken, seit Ex-Yukos-Chef Michail Chodorkowski Konzern und Freiheit verlor und Top-Fondsmanager William Browder des Landes verwiesen wurde. Sergei Arsen-yev, Analyst bei Goldman Sachs, erwartet dagegen angesichts der guten Wirtschaftsdaten „hohe Renditechancen“ bei Handel, Konsum- und Rohstoffaktien. Im letzten Jahr war das Bruttoinlandsprodukt noch um 7,9 Prozent eingebrochen; beim Wachstum trug Finanzminister Alexej Kudrin die rote Laterne der BRIC-Staaten Brasilien, Russland, Indien und China. Doch für 2010 erwartet der Internationale Währungsfonds (IWF) 4,25 Prozent Wachstum. Die Industrieproduktion steigt, Verbrauchervertrauen und Investitionen nehmen zu.

    Abgehängt. Der Russischen RTS-Index im Vergleich zur Weltmarktentwicklung

    Eingetrübt wird der positive Ausblick allerdings von den Folgen der Brandkatastrophe: Die Tageszeitung „Kommersant“ schätzt unter Berufung auf russische Experten, dass sich die Schäden auf bis zu 15 Milliarden Dollar belaufen könnten. Wochenlange Dürre und großflächige Brände zerstörten mindestens ein Drittel der Getreideernte, was nun auf die Lebensmittelpreise durchschlägt. US-Ökonom Nouriel Roubini etwa schätzt, dass die Inflation statt auf die bisher prognostizierten fünf Prozent auf bis zu acht Prozent steigen könnte. Die Aktienkurse bewegten diese Prognosen bisher kaum.

    Einige Analysten fürchten, die Preissteigerungen könnten den Nachfrage-schub verzögern. Aber niemand rechnet damit, dass die Feuerkatastrophe in den Wäldern Zentralrusslands das Wachstum ausbremst.

    Getragen wird der Aufschwung auch vom stabilen Ölpreis. Seit Jahresbeginn pendelt er bei knapp 80 Dollar pro Fass. „Damit können russische Förderer ihre Kosten decken, ohne dass eine neue Blase entsteht“, sagt Peter Bodis von Pioneer Investments. Außerdem zögen Investitionen in die Realwirtschaft merklich an, auch dank Putins Wirtschaftspolitik. Die Abwrackprämie, die in Russland „Geld für Autoschrott“ genannt wird, zieht die Autoindustrie sichtbar in die schwarzen Zahlen. Nicht zuletzt, so Bodis, sei ausreichend Liquidität im Markt, damit das Wachstum anhält.

    Konsumwerte kommen

    Bis Jahresende könnte die Wirtschaft gar weiter an Schub gewinnen: Der Binnenkonsum – bis zur Finanzkrise neben den Gewinnen aus Rohstoffexporten die Triebfeder des Booms – gewinnt an Fahrt. Die Zinsen sinken, die Inflationsrate ist, selbst wenn Ernteausfälle die Preise um zwei bis drei Prozent zusätzlich steigen lassen, auf einem für russische Verhältnisse niedrigen Niveau.

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      Stabile Beschäftigung und steigende Löhne „dürften die Binnennachfrage stark antreiben“, heißt es in einer Marktstudie von Pioneer Investments. Konsumgüter-Unternehmen haben schon einen Satz nach oben gemacht: Im RTS-Index stiegen deren Aktien seit Januar um mehr als 30 Prozent. Auf den Listen der Broker stehen unter anderem die Fluggesellschaft Aeroflot, die dieses Jahr wohl einen Passagier- und Umsatzrekord einfliegen wird, und Telekomriese MTS, der auch in Indien expandiert. Ein spannender Nebenwert ist Pharmstandard, ein junger Player im russischen Pharmamarkt, der von Putins Protektionismus profitiert.

      Verglichen mit denen der Rohstoffriesen, sind diese Papiere aber Außenseiter. Weil Anleger gerade bei Rohstoffunternehmen staatliche Einflussnahme fürchten, sind die meisten Aktien extrem billig. Das zeigt sich etwa am Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) – das von Gazprom etwa liegt bei nur vier und damit etwa bei der Hälfte westlicher Papiere.

      Kreml-Chef Medwedew und sein Quelle: dpa

      Riskantere Wetten bietet der Finanzsektor. Die Kurse der Aktien von Sberbank und VTB haben sich 2009 fast verdoppelt, dieses Jahr kam es zu deutlichen Kurskorrekturen. Jetzt stellen die meisten Analysten den Ausblick wieder auf „Buy“. Die Sberbank etwa, bei der der frühere Wirtschaftsminister Germann Gref am Ruder sitzt, steuert dieses Jahr auf ein Rekordergebnis zu. Gerade sein Bankhaus ist gestählt aus der Krise gegangen, denn in Zeiten von Bankenpleiten und Verunsicherung vertrauen die Russen jener Sparkasse, bei der sie schon zu Sowjetzeiten ihr Geld parkten. Zwar behaupten Öl- und Gasaktien im russischen Handel seit Jahren ihre Position als meistgefragte Wertpapiere. Doch der Anteil dieser Branche am Gesamthandel fiel im vorigen Jahr erstmals unter 50 Prozent, wie die russische Finanzaufsicht ausgerechnet hat. Nach Börsenwert stellen Banken derzeit fast 25 Prozent des RTS-Index.

      Am Parkett stellt sich langsam ein, wovon Russlands Präsident Dmitri Medwedew träumt: die Diversifizierung der Wirtschaft. Der Kremlchef möchte das Land aus dem Würgegriff der Öl- und Gasindustrie befreien, von deren Exporten nicht nur der Staatshaushalt abhängt, sondern auch das Wirtschaftswachstum. Darum beschwört er seit Monaten das angeblich positive Investitionsklima seines Landes, schiebt den Bau von IT-Zentren an, verspricht die Bekämpfung der Korruption und den Abbau von Bürokratie.

      Gute Fundamentaldaten

      Börsianer schenken dem aber wenig Glauben: „Die Modernisierungspläne des Präsidenten sollten nicht der Grund für den Einstieg in Russland sein, sondern die überzogenen Risikoabschläge bei guten Fundamentaldaten“, sagt Peter Bodis von Pioneer Investments.

      Langfristig hängt das Potenzial russischer Aktien davon ab, ob dem Land der Sprung in die Zukunft gelingt: Weg von Putins autoritärem Staatskapitalismus – hin zur Marktwirtschaft, in der Unternehmen transparent agieren. Bis dahin steckt in jedem Kurs das Risiko, dass sich Premier Putin einmischt. Das erahnt nur, wer vor Ort aufmerksam das Staatsfernsehen schaut – oder sich im Gebüsch vor Putins Datscha auf die Lauer legt.

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