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Schutzverein SdK Aktionärsschützer unter Manipulationsverdacht

Die Affäre um mutmaßliche Kursmanipulationen bedroht die Glaubwürdigkeit des Anlegerschutzvereins SdK. Auch der Kurs der Conergy-Aktie soll gedrückt worden sein..

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Namen ad absurdum geführt: Quelle: dpa

Tobias Bosler hat ein Gespür für Geschäfte. Für 2500 Euro am Tag können Ibiza-Urlauber über „TFB Yacht Charter“ die edle 20-Meter-Motoryacht „Excalibur 1“ chartern. Bootstyp Sunseeker Predator 63, zwei Kabinen, zwei Badezimmer. Nach der Wasserski-Tour mixt der Kapitän Gästen Cocktails. Schade: Interessenten können unter der Telefonnummer der TFB Capital in München niemanden mehr erreichen.

Yachtvermieter Bosler, im Hauptberuf Geldverwalter, Börsenbriefherausgeber, Ex-Mitarbeiter des umstrittenen Ex-Hedgefondsmanagers Florian Homm und Ex-Sprecher der Schutzgemeinschaft für Kapitalanleger (SdK), sitzt in Untersuchungshaft. Auch gegen Markus Straub, früherer SdK-Vizechef, und einen weiteren Börsenbriefherausgeber hat das Amtsgericht München Haftbefehl erlassen. Bosler soll einer der Hauptakteure eines Netzwerks von 31 Beschuldigten sein, einer Allianz aus angeblichen Anlegerschützern, Spekulanten, Börsenbrief-Autoren und Finanzjournalisten, gegen die die Staatsanwaltschaft München wegen möglicher Kursmanipulation ermittelt.

"Klarer Verkaufskandidat"

Ende  September durchsuchten 160 Polizeibeamte und 12 Staatsanwälte 48 Büros und Wohnungen. Darunter die Büros der SdK, aber auch der VEM Aktienbank und der Wallstreet Online AG, die ein Börsenforum betreibt. Zu den Beschuldigten zählen neben Straub und Bosler auch SdK-Chef Klaus Schneider sowie SdK-Sprecher Christoph Öfele. Öfele war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Der Vorwurf: Die Beschuldigten sollen Aktien gekauft oder auf deren fallende Kurse spekuliert und dann gezielt Nachrichten zu den Firmen verbreitet haben, ohne auf ihre finanziellen Interessen hinzuweisen, und damit hohe private Gewinne eingestrichen haben. So äußerte SdK-Chef Schneider im Juni 2008 auf der Hauptversammlung von Wirecard Zweifel an deren Bilanz. Auch SdK-Vize Straub kritisierte Wirecard öffentlich.

Wirecard schlug zurück, sammelte Informationen zu den SdK-Funktionären und deckte schließlich auf, dass Straub seit Mai 2008 auf einen Kursrutsch der Wirecard-Aktie spekuliert hatte. Insgesamt sollen ihm diese Deals rund eine Million Euro eingebracht haben. Er musste zurücktreten. SdK-Chef Schneider, der selbst nicht mit Wirecard-Aktien spekuliert haben will, hat davon nach Aussagen seiner Anwälte vor der Veröffentlichung durch Wirecard nichts gewusst.

Die aktuellen Ermittlungen richten sich auf mögliche Manipulationen bei rund 20 Firmen. Neben Wirecard sind der Flugzeugmotorenhersteller Thielert und der TecDax-Wert Conergy betroffen. Conergy war bis 2008 der größte Solarwert Deutschlands, verfügt aktuell über einen Börsenwert von 237 Millionen Euro. Offiziell äußert sich Conergy nicht zu den Ermittlungen. Conergy selbst habe bisher keine Anzeige erstattet, aber Kontakt zur Staatsanwaltschaft München aufgenommen, um etwaige Manipulationen aufzudecken, sagt eine mit den Ermittlungen vertraute Person. Es geht vor allem um Vorgänge im Herbst 2007, als Conergy schwere Probleme hatte und in kurzer Zeit drei Gewinnwarnungen veröffentlichte. Kurz vor der Bekanntgabe der schlechten Nachrichten sollen brisante Informationen in Börsenbriefen verbreitet worden sein. Ein Brief zitierte aus einem vertraulichen Schreiben des damaligen CEO Hans-Martin Rüter, in dem dieser drakonische Sparmaßnahmen ankündigte.

Grafik: Aktie des Zahlungsdienstleisters Wirecard im Verlauf

Auch die SdK-Publikation „SdK-Aktionärs-News“ nannte damals Conergy wiederholt einen „klaren Verkaufskandidaten“, von dem Anleger tunlichst „die Finger lassen“ sollten. Die Staatsanwaltschaft Hamburg ermittelt aktuell noch gegen mehrere ehemalige Conergy-Manager wegen angeblicher Bilanzmanipulation.

Neben Conergy, Wirecard und Thielert sollen vor allem Pennystocks von den Manipulationen betroffen sein. Das sind Aktien kleiner, unbekannter Unternehmen, die im kaum regulierten Freiverkehr der Börse notieren. Dank des geringen Börsenwerts können Manipulateure ihre Kurse leicht beeinflussen. Aktuell ermittelt die Staatsanwaltschaft zu den Aktien von Petrohunter und Nascacell; Gerüchten aus Frankfurter Börsenkreisen zufolge sollen auch Geschäfte mit Aktien von Duravest und Splendid Medien untersucht werden. Die Aktie von Duravest ist heute wertlos, eine Splendid-Sprecherin sagte, das Unternehmen wisse nichts von Ermittlungen.

Ermittlungen sind für die Anlegerschützer eine Katastrophe

Ziel der jüngsten Razzia ist es, Beweismittel dafür zu finden, dass die Beschuldigten ihre Kampagnen starteten, um davon finanziell zu profitieren. Wenn bewusst falsche Informationen gestreut werden, wäre dies strafbare Kursmanipulation. Ob sich SdK-Funktionäre auch mit der Verbreitung stichhaltiger Vorwürfe strafbar gemacht haben, etwa weil sie nicht auf finanzielle Interessen hingewiesen haben, ist juristisch umstritten.

Für die Anlegerschützer sind die Ermittlungen in jedem Fall eine Katastrophe. Die SdK ist mit 12 000 Mitgliedern der zweitgrößte deutsche Anlegerschutzverein, nach der Düsseldorfer DSW. Eigentlich sollten die Anlegerschutzvereine ausschließlich die Interessen ihrer zahlenden Mitglieder vertreten, zum Beispiel auf Hauptversammlungen. Sowohl SdK als auch DSW finanzierten sich aber zu großen Teilen aus Zahlungen genau jener Unternehmen, die sie kritisch beaufsichtigen sollten, sagt Hans-Martin Buhlmann, der 20 Jahre lang SdK-Vorstand war und heute gegen Bezahlung Großanleger wie Pensionskassen oder Hedgefonds vertritt.

DSW und SdK haben beispielsweise Verlage, die gegen hohe Gebühren die auf den Hauptversammlungen gehaltenen Reden der Unternehmen veröffentlichen. Eine wichtige Geldquelle der Vereine sind auch Spenden, die sie von den zu überwachenden Unternehmen bekommen.

Die SdK-Funktionäre Öfele, Schneider oder der SdK-Vorstand Harald Petersen sitzen zudem in vielen Aufsichtsräten, ebenso ihre Kollegen von der DSW. „Es wäre doch spaßig“, frotzelt Buhlmann, „wenn der Abgesandte der DSW oder SdK dem Aufsichtsrat und damit seinem Chef, auf der Hauptversammlung die Entlastung verweigerte“. Das gab es noch nie. SdK-Vize Petersen bestritt den Interessenkonflikt nicht: „Wir hätten auch gerne ein Geschäftsmodell wie der ADAC, das sich über Mitgliedsbeiträge alleine trägt“, sagte er der WirtschaftsWoche schon 2005.

Conergy AG Geschäftsbericht: Quelle: dpa

Noch problematischer ist, dass sich SdK-Funktionäre direkt oder über Vermögensverwaltungs-Gesellschaften an einer Vielzahl von Unternehmen beteiligt haben. 2008 verschärfte die SdK deshalb ihre Regeln. So dürfen SdK-Sprecher nicht auf Hauptversammlungen auftreten, wenn sie die betreffende Aktie leerverkauft haben. Haben sie die Aktie gekauft, müssen sie dies offenlegen.

Als Verein mag die SdK mit Pennystocks nichts zu tun haben, privat spekulierten einige ihrer Funktionäre aber mit solchen Papieren. Straub und Öfele beteiligten sich im Jahr 2000 vorbörslich am Biotech-Startup Nascacell. Auch der angebliche Öl- und Gasförderer Petrohunter tauchte in Funktionärsdepots auf. So stieg Ex-SdK-Sprecher Bosler 2006 in großem Stil dort ein, auch die früher von Öfele geführte Vermögensverwaltung Max8 kaufte.

"Goldrichtig"

Flankiert wurden die Käufe von euphorischen Empfehlungen des immer gleichen Kolumnisten des Münchner Anlegermagazins. Auch die Wohnung des Journalisten in Schwabing hat die Staatsanwaltschaft durchsucht. Im Januar 2006 bescheinigte der Mann Petrohunter ein Kurspotenzial von exakt 163 Prozent. Kurz darauf schrieb er: „Volltreffer. Der Rat erwies sich als goldrichtig.“ Ein anderer Artikel desselben Mitarbeiters zu CellCyte Genetic fiel so unkritisch aus, dass Kurstreiber aus der Schweiz ihn verkürzt massenhaft als Werbefax verschicken.

Eine zentrale Figur in der Münchner Anlegerszene ist Bosler. Er organisierte in Kitzbühel eine jährliche Kapitalmarkt-Konferenz, auf der sich Unternehmen vorstellen. Über seinen Brief „Der Börsendienst“ verschickte er per E-Mail und SMS Empfehlungen. Sein Slogan: „Börsengewinne sind kein Zufall.“

Bosler war bis 2002 Sprecher der SdK, bis 2001 arbeitete er als Manager der VEM Aktienbank. In früheren Jahren saß auch SdK-Chef Schneider im VEM-Aufsichtsrat. Diesen Posten legte er jedoch nieder, da „die Kombination SdK und VEM nicht unbedingt ideal“ gewesen sei, gab Schneider 2003 in der „Süddeutschen Zeitung“ zu.

Dass die SdK in alter Besetzung als Anlegerschützer weitermachen kann, ist ungewiss. In den Sternen steht auch, wann Ex-SdK-Sprecher Bosler das nächste Mal auf der „Excalibur 1“ in See sticht. Im Internet präsentierte er sich bis vor Kurzem noch mit nacktem Oberkörper am Strand und seinem bayrischen Motto „Mei Ruah wui i ham“. Den Wunsch nach Ruhe wird ihm die Staatsanwaltschaft aber auch zum 40. Geburtstag am kommenden Donnerstag nicht erfüllen.

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