Solar Millennium Ex-Chef Claassen teilt aus

Die Finanzlage von Solar Millennium ist angespannt, jetzt gewinnt auch noch der Streit mit Ex-Chef Utz Claassen an Fahrt. Er fordert eine Entschuldigung - Solar Millennium will neun Millionen Euro zurück.

Utz Claassen Quelle: dpa

Es klingt nach Happy End: Bis in die Tagesschau hat es Solar Millennium im Juni mit der Grundsteinlegung für das „weltgrößte Solarkraftwerk“ geschafft. Auf 27,5 Quadratkilometern wollen die Erlanger im kalifornischen Blythe bis 2014 ein Solarthermiekraftwerk mit einem Gigawatt Leistung bauen und mehr als 300 000 Haushalte mit Strom versorgen. Sogar US-Innenminister Ken Salazar tritt zum symbolischen Spatenstich an.

Ein großer Erfolg für das Skandalunternehmen, dessen ehemaliger Chef Utz Claassen im März 2010 schon nach 74 Tagen das Weite gesucht hatte. Blythe ist als Vorzeigeprojekt besonders wichtig, weil Solar Millennium auch für das Desertec-Projekt in der nordafrikanischen Wüste solche Solarthermiekraftwerke bauen will. Ein Konsortium will dort 400 Milliarden Euro investieren, um Wüstenstrom nach Europa zu holen. Solar Millennium wollte hier ganz vorne mitspielen, in einer Liga mit Siemens und ABB.

Und nun das: Mitte August meldete Solar Millennium, das gigantische US-Solarthermieprojekt sei gekippt. Das größte Solarkraftwerk aller Zeiten rechne sich nicht mehr. Die Aktie stürzt um 70 Prozent ab.

Millionenzuschüsse gingen verloren

Solar Millennium muss von vorne anfangen, will nun in den USA auf herkömmliche Fotovoltaik setzen. Damit hat das Unternehmen aber keine Erfahrung. Bislang hatte es immer die großen Vorteile der Solarthermie gerühmt, in Spanien auch bereits mehrere Solarthermie-Kraftwerke gebaut. In Solarthermiekraftwerken wird mit Parabolspiegeln Sonnenenergie verdichtet. Das Sonnenlicht erhitzt Spezialöl in feinen Rohren. Letztlich wird Wasser verdampft, das eine riesige Turbine antreibt und so Strom erzeugt.

Mit dem Technikschwenk in Blythe – von Solarthermie auf profane Fotovoltaik – verliert Solar Millennium sicher geglaubte Millionenzuschüsse und 2,1 Milliarden Dollar staatliche Kreditgarantien. Abseits der Finanzen drohen weitere Probleme: „Der Genehmigungsprozess muss in Teilen neu durchlaufen werden“, bestätigte Solar-Millennium-Chef Christoph Wolff.

Gerke nur noch im Aufsichtsrat

In der Spitze war Solar Millennium mal 615 Millionen Euro wert. Knapp 60 Millionen Euro sind davon übrig. Weitere 170 Millionen Euro haben Anleger in Anleihen des Unternehmens gesteckt. Eine eigene Finanztochter, Solar Millennium Invest, soll weitere Anleger werben. Als ihr Aushängeschild dient der TV-bekannte Bankenprofessor und bekennende Fliegenträger Wolfgang Gerke. „Ich werde weiter an Bord bleiben, trotz aller Probleme“, sagte Gerke der WirtschaftsWoche. Eine Unternehmensmeldung vom Montag relativiert diese Aussage dann jedoch: Solar Millennium übernehme den bislang von Gerke indirekt gehaltenen 45-Prozent-Anteil an der Finanztochter, Gerke werde sich künftig nur noch im Aufsichtsrat engagieren. 

Auch vom Kursverfall der Aktie blieb der Professor verschont. Vor seinem Einstieg bei der Finanztochter im März 2010 habe er all seine Solar-Millennium-Aktien für etwa 12.000 Euro verkauft, berichtete Gerke – „um Interessenkonflikte auszuschließen“. Anders als er müssen die leidgeprüften Aktionäre und Anleihesparer weiter um ihr Geld zittern.

Solar Millennium

Hoffnungsträger Claassen verließ das Unternehmen 2010 mit neun Millionen Euro Antritts- und Erfolgsprämie im Gepäck. Wenige Tage vor Amtsantritt war er auf einen Artikel der WirtschaftsWoche über die Vergangenheit des Solar-Millennium-Gründers und Aufsichtsrats Hannes Kuhn gestoßen. Noch heute sollen Anweisungen des Pferdenarren Kuhn, intern Stallorder genannt, Gesetz sein. Kuhn soll noch zehn Prozent der Aktien kontrollieren, äußert sich dazu aber nicht. Früher – und ohne direkten Bezug zu Solar Millennium – soll Kuhn als Steuerberater eine maßgebliche Rolle im 2006 zusammengebrochenen Schneeballsystem der Düsseldorfer DM Beteiligungen gespielt haben. Über 8000 Anleger verloren rund 90 Millionen Euro. Kuhn streitet die Vorwürfe ab.

Claassen, vom WirtschaftsWoche-Artikel alarmiert, ließ sich zusichern, dass ein Businessplan Teil seines Vertrags wird, und verlangte Einsicht in alle Verträge mit Kuhn. Nach seiner Darstellung wurde er dann grob getäuscht. So sei der Plan viel zu optimistisch gewesen und extra für ihn angefertigt. Investoren seien andere Zahlen präsentiert worden. Auch habe er nicht alle Kuhn-Verträge zu sehen bekommen.

Chancen auf gütliche Einigung stehen schlecht

Davon gibt es einige: Im Geschäftsjahr 2009 hatte Kuhn zum Beispiel Beraterhonorare über 300 000 Euro kassiert, die er später wegen rechtlicher Bedenken vorläufig zurückgezahlt haben will. Zwischen 2004 und 2007 hatte Solar Millennium über 800 000 Euro für Beratung und Buchhaltung an die von Kuhn geführte Balance AG und deren Tochterunternehmen gezahlt.

Claassen fordert eine Entschuldigung

In mehreren Mitteilungen von Claassens Anwälten werden weitere Vorwürfe laut: Der Aufsichtsrat solle endlich  aufhören, "Aktionäre und Öffentlichkeit bezüglich der Gründe des Ausscheidens von Herrn Claassen in die Irre zu führen, und sich stattdessen für sein Fehlverhalten schämen und bei Herrn Claassen und bei den Aktionären tunlichst entschuldigen“. Sie führen als Begründung ein Rechtsgutachten des  Aktienrechtlers Andreas Cahn von der Uni Frankfurt an. Dieser habe festgestellt, dass es  bei Claassens Abgang „diverse Pflichtverletzungen des Aufsichtsrates der Gesellschaft sowohl gegenüber Herrn Claassen als auch gegenüber dem Unternehmen selbst“ gegeben habe.

Wurde Claassen getäuscht?

Laut einer Mitteilung der Anwälte vom Dienstag ging es dabei auch um die Besetzung des Chefpostens „einer für die Unternehmensentwicklung zentralen Konzerngesellschaft“. Bei „Vertragsgestaltung“ und „Besetzung der Führungsposition“ habe sich der Aufsichtsrat pflichtwidrig verhalten. Claassen sei außerdem „bewusst in Unkenntnis über entscheidende Umstände betreffend die wichtigste Tochtergesellschaft“ gehalten worden.  Die wichtigste Konzerngesellschaft der Solar Millennium AG ist ihr US-Ableger Solar Trust of America, der auch das kalifornische Blythe-Kraftwerk plant. Aufsichtsrat und Gründer Kuhn soll die Vertragsverhandlungen mit dessen Chef Uwe T. Schmidt geführt haben.  Ob es tatsächlich um diese Personalie geht, bleibt in der Mitteilung jedoch offen.

Aufgrund der Pflichtverletzungen habe Claassen nicht nur Anspruch auf die bereits erhaltene Millionenprämie, sondern auch auf zusätzliche 7,12 Millionen Euro Abfindung, die er in eine „Stiftung zur Förderung der Solarenergie“ investieren will.

Der Aufsichtsrat von Solar Millennium verneint jegliche Täuschung und weist die Vorwürfe zurück. Claassen solle „umgehend neun Millionen Euro zurückerstatten, die ihm zu Beginn seiner kurzen Amtszeit ausbezahlt worden waren“, teilt ein Sprecher mit.  Claassen wolle sich mit dem Gutachten wohl bessere Chancen vor Gericht verschaffen. „Wer sich am Ende schämen muss, wird das Gericht entscheiden.“ Am 9. September treffen sich beide Seiten vor dem Landgericht Nürnberg-Fürth. „Die Chancen auf eine gütliche Einigung stehen schlecht“, sagt Claassen-Anwalt Frank Silinger.

Solar Millennium läuft die Zeit davon

Zum Rechtsstreit mit Claassen kommen nun die Probleme in den USA. Solar Millennium hat viele Baustellen, aber kaum Zeit, denn die Finanzlage ist angespannt. Im ersten Geschäftshalbjahr machte das Unternehmen 45 Millionen Euro Verlust – bei 11 Millionen Euro Umsatz. Solar Millennium hatte nur noch 85,5 Millionen Euro „flüssige Mittel und Wertpapiere“, sechs Monate zuvor waren es noch 115,9 Millionen Euro.

Zudem sind 39,4 Millionen Euro als Sicherheiten für Kredite hinterlegt. Frei verfügbar wären demnach nur 46,1 Millionen Euro. Schon für die Rückzahlung einer Anleihe im August musste das Unternehmen 20 Millionen Euro aufbringen. Bei einer Telefonkonferenz fragte ein Analyst jüngst nach: „Bekommt Ihr Unternehmen eigentlich noch Kredite bei den Banken? Wie viel?“ Wolff schwieg lange, dann rang er sich ein paar Floskeln ab.

Eigenkapital deutlich geschrumpft

Das „momentane Chancen-Risiko-Profil“ stuft selbst das Management als „herausfordernd“ ein. Solar Millennium befinde sich „in Gesprächen mit namhaften Investoren für eine mittel- bis langfristige Finanzierungslösung“. Bis diese gefunden ist, müsse „von einer Erhöhung des Liquiditätsrisikos ausgegangen werden“.

 In einem Interview mit der Nachrichtenagentur Bloomberg gab Solar-Millennium-Chef Wolff am Dienstag an, dass das Unternehmen einen Aktienanteil von 10 bis 25 Prozent an ein oder zwei Ankerinvestoren verkaufen wolle. Die entsprechenden Gespräche sollen sich über die nächsten 6 bis 12 Monate erstrecken. In den nächsten zwei bis sechs Wochen solle außerdem die Brückenfinanzierung über Bankkredite sichergestellt werden. Anleihekäufer müssen ans Gelingen glauben: Ihre Schuldscheine sind, bis auf eine Ausnahme, nicht börsennotiert, sie können nicht aussteigen.

Fragezeichen bleiben: So sind die bilanzierten Vorräte, vor allem Vorleistungen für Projekte in Spanien und den USA, bis Ende April auf 115,9 Millionen Euro gestiegen (plus 29 Prozent). Mit dem überraschenden Technologieschwenk in Blythe könnten einige davon wertlos sein. Wertberichtigungen würden Ergebnis und Bilanz weiter belasten. Schon jetzt ist das Eigenkapital auf 83,4 Millionen Euro geschrumpft.

Die WirtschaftsWoche hatte früh vor Bilanztricks und absehbaren Finanzproblemen bei Solar Millennium gewarnt und aufgedeckt, dass das Unternehmen wiederholt falsche Unternehmensmeldungen veröffentlicht hatte. „Aktionäre und Anleihekäufer sollten auf der Hut sein – allen Erfolgsmeldungen zum Trotz“, schrieb die WirtschaftsWoche im Januar 2010. Mit dem Verkauf und Rückkauf von Kraftwerksanteilen an nahestehende Unternehmen hatte Solar Millennium zum Beispiel Umsätze lange vor dem späteren Verkauf an Investoren verbucht.

Solar Millennium wies die Vorwürfe zurück. Der Artikel baue auf „unberechtigten Verdachtsmomenten“ auf, es gebe keine Finanzprobleme. Anders als dargestellt sei die Marktpositionierung in den USA „sehr viel versprechend“.

Solar Millennium

Analysten glaubten daran. Karsten von Blumenthal, damals Analyst bei SES Research, erneuerte nach dem durch den Artikel bedingten Kurssturz seine Kaufempfehlung mit neuem Kursziel 48 Euro, die WestLB riet ebenfalls zum Einstieg und sah 40 Euro in Reichweite. Solche Kurse erreichte die Aktie nie wieder (siehe Grafik). Nach einer Sonderprüfung infolge der Vorwürfe musste Solar Millennium 2010 den Konzernabschluss 2008/2009 korrigieren. Auch die Vergangenheit von Aufsichtsrat und Gründer Kuhn droht ihn nun einzuholen. Seine Anwältin ging 2009 davon aus, dass die Staatsanwaltschaft Düsseldorf ihre Ermittlungen wegen seiner Rolle im Schneeballsystem der DM Beteiligungen bald einstellen würde. Sie täuschte sich.

Die Staatsanwälte haben jetzt Anklage gegen Kuhn und zwei weitere Personen wegen Betrugs in besonders schwerem Fall erhoben. Kuhn lässt mitteilen, die Vorwürfe seien „nicht berechtigt“. Seine Funktion bei DM Beteiligungen habe sich auf die „steuerliche Beratung“ beschränkt, „im Rahmen der gesetzlichen Vorschriften“.

Der Insolvenzverwalter fordert 3,7 Millionen Euro

Der Insolvenzverwalter von DM Beteiligungen, Horst Piepenburg, fordert vor dem Düsseldorfer Landgericht dennoch 3,7 Millionen Euro Schadensersatz von Kuhn und seiner Steuerberatung, auch geprellte Anleger haben ihn verklagt. „Er ist einer der wenigen, bei dem noch etwas zu holen ist“, sagt eine Berliner Anwältin. In Deutschland hat Kuhn nach Informationen der WirtschaftsWoche keine Meldeadresse mehr. In Nürnberg hat er sich abgemeldet und als Wohnort London angegeben, Hamilton Place, Park Lane – ein feines Pflaster. Kuhn sei für die Behörden jederzeit zu erreichen, teilt sein Anwalt mit.

In der Tat könnte er flott zur Stelle sein. Für Reisen, auch zu einer Finca auf Mallorca, soll Kuhn gern auf einen Firmenjet Typ Cessna Citation CJ2+ zurückgreifen, Flugzeugkennung D-IPCC. Das Kürzel IPCC steht eigentlich für den Weltklimarat. Zu schön, um wahr zu sein? Sein Anwalt verneint die Frage nach einem privat genutzten Firmenjet und sieht dahinter Informationen, „die abseits jeder Realität liegen“.

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