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Solar Millennium Utz Claassen: "Seine Leistung war kaum zu messen"

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Seit 2010 berät Christ nun Solar-Millennium - für rund 10.000 Euro im Monat. Das sei eine ganz normale Vergütung und Claassen sei ein hervorragender Manager, sagt Christ heute. Was der Vorstandschef bei Solar Millennium geleistet habe, könne er allerdings nicht beurteilen.

Aufsichtsrat Kuhn ist mit seinem Urteil weniger zurückhaltend. "Wir haben leider Schwierigkeiten die Leistungen von Herrn Claassen überhaupt zu messen", sagt Kuhn. Claassen sei ganze 15 Tage im Büro gewesen. Den Großteil der Zeit habe er aber nicht mit dem Projektgeschäft verbracht. "Unglaublich viel Zeit wurde für Formalien aufgewendet", sagt Kuhn.

Claassen teilte über seinen Anwalt mit, seine Präsenz bei Solar Millennium sei überdurchschnittlich gewesen, seine Arbeitseinteilung angemessen. Kuhn glaubt, dass Claassen eine gewisse Emsigkeit vorgespielt habe. "Da kamen nachts um drei Uhr E-Mails, in denen er darauf hinwies, dass er immer noch im Büro ist", sagt Kuhn.

Am 10. Februar dieses Jahres kam es zum plötzlichen Finale. Utz Claassen schickte einen Boten zu Solar Millennium. Der überbrachte Claassens Kündigung. Die Gründe erscheinen dem Unternehmen nebulös. In eilig anberaumten Krisengesprächen konnte der Aufsichtsrat Claassen zunächst überzeugen, zu bleiben. Allerdings: Er ließ sich ein Sonderkündigungsrecht einräumen. Vier Wochen später kündigte Claassen erneut.

Utz Claassen wollte sich gegenüber dem Handelsblatt zu den konkreten Gründen seiner Kündigung auch nicht äußern. In einem Interview mit der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung sagte Claassen, er fühle sich von Solar Millennium getäuscht. "Drei Tage nach Abschluss meines Dienstvertrages und 14 Tage vor meinem Dienstantritt wurde ein signifikant abweichender Business-Plan vom Aufsichtsrat verabschiedet."

Paradebeispiel mangelhafter Vertragsgestaltung

Solar Millennium bestreitet diese Darstellung und sieht darin eine "bewusste Nebelkerzentaktik Claassens". Das Unternehmen habe sich schon Monate vor Vertragsunterzeichnung mit Utz Claassen abgestimmt. Viele Stunden sei man von September 2009 an die Zahlen und die Wachstumsaussichten durchgegangen. Dann sei ab November - in zentralen Punkten auch unter Einbeziehung der von Claassen geäußerten Vorstellungen und Ideen - ein Business-Plan entwickelt worden, der die mit Claassen an der Spitze des Unternehmens nach dem gemeinsamen Verständnis erreichbaren Wachstums- und Ertragschancen der kommenden fünf Jahre beschreibe.

Bei dem Plan hingegen, der drei Tage vor Claassens Antritt vom Aufsichtsrat verabschiedet wurde, handelte es sich um ein völlig anderes Dokument mit einer ganz anderen Zwecksetzung. Sagt die Firma. Es handelte sich nicht um den gemeinsam mit Claassen abgestimmten Business Plan, wie von Claassen behauptet, sondern um die operative Planung für das laufende Jahr.

Der wesentliche Unterschied: Letztere enthält alle buchhalterisch erfassten Umsatz- und Ertragsdaten und dient als Leitlinie für den Kapitalmarkt. Das Claassen-Szenario dagegen stellte auf langfristige Potenziale des Unternehmens ab, die nicht zuletzt mit Claassens Managementfähigkeiten entwickelt werden sollten.

Arbeitsrechtsexperten halten den Streitfall Claassen/Solar Millennium für ein Paradebeispiel mangelhafter Vertragsgestaltung. "Ein Bonus muss immer Ansporn für einen Vorstand sein, mehr zu leisten", sagt Karen Riveiro von der Kanzlei Hoffmann & Partner aus Mainz.

"Wenn ein Manager am ersten Tag mehrere Millionen Euro verdient und danach Monat für Monat 100.000 Euro, dann ist das eine ungesunde Situation", sagt Riveiro. "Eine solche Konstruktion motiviert ja geradezu dazu, möglichst frühzeitig den Absprung zu suchen. Da muss nur jemand dreist genug sein, den Bonus einzustecken und dann zu gehen."

Claassen hingegen weist niedere Motive für seinen Abgang von sich. Er sagt, es habe "wichtige" Gründe für seine Kündigung gegeben. Deshalb hat er auch eine Feststellungsklage eingereicht, mit der er die Rechtmäßigkeit seiner Kündigung bestätigen lassen will. Solar Millennium hat Claassen inzwischen selbst gekündigt, und will Schadenersatz.

Fest steht bisher nur eines: Für das Unternehmen mit 180 Mitarbeitern und 200 Millionen Jahresumsatz sind neun Millionen Euro für einen Vorstand, der gar nicht mehr da ist, ein schwerer Brocken.

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