WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Solarkraftwerke Utz Claassen wirft bei Solar Millennium hin

Utz Claassen gibt den Vorstandsvorsitz bei Solar Millennium auf, die Aktie stürzt ab. Über die Gründe wird noch gerätselt, doch die Wirtschaftswoche hatte immer wieder über die kreative Bilanzführung des einstigen Börsenstars berichtet.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Utz Claassen Quelle: dpa

Mit einem kurzen Fax soll Utz Claassen sein Engagement bei Solar Millennium beendet haben. Der erst seit Jahresbeginn bei Solar Millennium amtierende Claassen hatte sein Amt als Vorstandsvorsitzender am späten Montagabend überraschend niedergelegt. „Er beruft sich auf ein ihm eingeräumtes Recht, innerhalb einer definierten Überlegungsfrist sein Amt niederzulegen. Weitere Gründe hat er dem Unternehmen nicht mitgeteilt“, hieß es in der Presseerklärung. Seitdem sei er telefonisch für das Unternehmen nicht mehr zu erreichen gewesen, hieß es aus informierten Kreisen.

Die Gründe für den überraschenden Rücktritt von Utz Claassen als Vorstandschef des Solarthermieunternehmens Solar Millennium liegen im Unklaren. Finanzvorstand Thomas Mayer wollte am Dienstagmorgen „keine Mutmaßungen über die Beweggründe“ anstellen.

Ärger mit kreativer Bilanzierung

An der Börse wurde der Rücktritt hingegen in Zusammenhang mit Bilanztricksereien gesehen, über die die Wirtschaftswoche mehrfach berichtet hatte. Die im relativ wenig regulierten Freiverkehr gehandelten Aktien brachen zum Handelsauftakt um mehr als ein Drittel ein.

Solar Millennium hat wiederholt Erlöse zunächst über Verkäufe an verbundene Unternehmen generiert. Anleger mussten beim Blick in die Bilanz davon ausgehen, dass das Geschäft brummt, obwohl Umsätze teilweise nur innerhalb des Konzerngeflechts erzielt wurden. Ohne diese Tricks wären Umsätze erst viel später erzielt worden. Durch die kreative Bilanzierung dürfte Solar Millennium Anleger bei der Stange gehalten haben, die ansonsten das Vertrauen in das Unternehmen verloren hätten. Das Unternehmen hatte die Berichte über angebliche Bilanztricks stets zurückgewiesen.

Spekulation über Gründe

Es gab auch Gerüchte über gesundheitliche Probleme oder private Gründe. Ein Trauerfall im engsten Familienkreis sollden Manager schwer belastet haben, berichtet die Finanz-Nachrichtenagentur dpa-AFX aus informiertenKreisen.

Andere vermuteten, dass Claassen die Aufgabe bei dem jungen Unternehmen unterschätzt habe. „Claassen und Solar Millennium haben wohl nicht so gut zusammen gepasst“, erklärte ein Unternehmensexperte. Der frühere Chef des Energieversorgers EnBW sei eher ein Konzernmensch und kein Manager für ein Start-Up-Unternehmen, was Solar Millennium im Kern sei.

Am Freitag war Claassen noch bei einem Forum für Erneuerbare Energien in St. Gallen als Chef von Solar Millennium aufgetreten. Ein Konferenzteilnehmer berichtete, dass nichts von einem möglichen Rücktritt zu spüren gewesen sei. „Der Weggang kam für den Aufsichtsrat unerwartet“ erklärte der Aufsichtsratsvorsitzende Helmut Pflaumer laut Mitteilung. Die Nachfolge solle „zeitnah“ geregelt werden.

In den vergangenen Monaten hatte die WirtschaftsWoche wiederholt über mögliche Unregelmäßigkeiten bei der Bilanzierung berichtet. Das Unternehmen wies immer alle Vorwürfe zurück. Der Aktienkurs fiel seit dem Anfang 2010 erreichten Mehrjahreshoch von rund 44 Euro deutlich. Am Montag kostete das Papier noch knapp 29 Euro, am Dienstagvormittag fiel der Kurs zeitweise unter 20 Euro.

Solar Millennium deckt von der Projektentwicklung und -finanzierung, über den Kraftwerksbau bis hin zum Besitz und Betrieb die gesamte Wertschöpfungskette bei solarthermischen Kraftwerken ab. Diese Anlagen konzentrieren mit riesigen Spiegeln das Sonnenlicht, die dabei entstehende Hitze treibt Turbinen über Wasserdampf an. So entsteht der Strom. Bisher ist Spanien das Schwerpunktland für Solar Millennium. Die erste Anlage dort läuft seit Dezember 2008. Nach Fertigstellung der dritten Ausbaustufe im nächsten Jahr soll das spanische Kraftwerk bis zu eine halbe Million Menschen mit Solarstrom versorgen.

Solar Millennium ist am Wüstenstromprojekt Desertec

Wichtigste Aufgabe in diesem Jahr ist es, die Finanzierung für geplante Riesen-Kraftwerke in den USA zusammen zu bekommen. Dazu ist auch ein Börsengang in New York ein Thema. Solar Millennium ist am spektakulären Wüstenstromprojekt Desertec beteiligt. Im vergangenen Geschäftsjahr 2008/09 hatte Solar Millennium seine Erlöse auf gut 153 Millionen Euro fast verfünffachen können. Hinzu kamen Sondererlöse von 48 Millionen Euro durch den Verkauf von Beteiligungen an Kraftwerken. Unter dem Strich blieben 24 Millionen Euro. Im laufenden Jahr soll der Umsatz auf 350 Millionen Euro steigen.

Diesen Artikel teilen:
  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%