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Soziologe Sighard Neckel Die strukturierte Verantwortungslosigkeit der Banken

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Gefesselter Manager: Der Finanzsektor zeigt sich bislang unwillig, Regeln zu akzeptieren Quelle: PM Hoffmann

Und auch die Politik hat an die Funktionsfähigkeit regellos-rationaler Märkte geglaubt?

Natürlich. Die Politik, die sich seit dem Ausbruch der Finanzkrise als Kritikerin der Finanzwirtschaft geriert, hat in jeder Hinsicht – von der Bankenaufsicht bis zur Gesetzgebung – dafür gesorgt, dass im Finanzwesen getan und gelassen werden konnte, was die Banken wollten. Noch vor drei, vier Jahren hat sie jede vernünftige Regel, deren Notwendigkeit längst evident war, als Element einer ideologischen Auseinandersetzung betrachtet. Die Debatte nahm damals richtig doktrinäre Züge an: Jedes Gegenargument wurde unter Sozialismusverdacht gestellt, als Angriff auf die Freiheit der Märkte empfunden.

Wie konnte es dazu kommen? Die feine Gründungsidee des Liberalismus war die des möglichst geringen Regierens. Wie konnte sie umschlagen in eine Politik des organisierten Wegsehens?

Die Finanzwelt hatte mit dem Wachsen ihrer ökonomischen Bedeutsamkeit eine größere Verhandlungs- und Durchsetzungsmacht gegenüber der Politik denn je. Die Umsetzung ihrer längst gehegten Wünsche begann sicherlich mit der Auseinandersetzung um die neoliberale Politik in den USA und Großbritannien in den Achtzigerjahren – und sie ist beschleunigt worden dadurch, dass es in den Jahren nach 1989 so schien, als habe der Kapitalismus „gesiegt“. Entsprechend sind alle Versuche der politischen Regulierung diskreditiert worden als Rückfall in alte Zeiten und alte Modelle, deren Unzuträglichkeit sich historisch erwiesen habe. Es war schlicht unmöglich, den aggressiv vorgetragenen Ansprüchen nach der Freiheit der Finanzmärkte etwas entgegenzuhalten.

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    Aber das erklärt noch nicht, warum die bürgerliche Selbstauffassung eines verantwortlich-unternehmerischen Kapitalismus an den Finanzmärkten verloren ging.

    Na ja, man hat das Leitbild des ehrlichen Kaufmanns und des Dienstleisters der Wirtschaft durchaus noch eine Weile vor sich her getragen – und sehr bewusst eine Art Rollenkonflikt in Kauf genommen. Dem Kunden gegenüber hat man sich als uneigennützigen Berater empfohlen – obwohl man mit der großen Bedeutung des Investmentbankings längst eine Entwicklung eingeleitet hatte, in der man ein Eigeninteresse daran besaß, nur mehr bestimmte Anlageprodukte zu verkaufen, um die eigenen Gewinne zu maximieren. Im Extremfall hat das dazu geführt, dass die Anleger keinerlei Ahnung hatten, was mit ihrem Geld angestellt wurde.

    Es ist eine Dominanz des Bankinteresses über das Kundeninteresse entstanden?

    Ja, und das geht einher mit der wachsenden Bedeutung des Investmentbankings und des bankeigenen Handels – ein Bereich, der vor 25 Jahren innerhalb der Banken noch einen zweifelhaften Ruf hatte. Damals hat man die Investmentbanker noch abfällig als „Plebs“ bezeichnet. Es waren die, die man zukaufte – und nicht die, die über die Reputation eines Bankiers verfügten. Erst als sie die Finanzwelt dominierten, hat auch der Typus des seriösen Bankiers angefangen, die flegelhaften Attitüden des zockenden Investmentbankers zu übernehmen.

    Und die jahrhundertealte Tradition des Kapitalismus wurde in ein, zwei Jahrzehnten einfach so vom Tisch gefegt?

    So sieht es aus. Die ethische Geschäftsgrundlage des Bürgertums, dass wirtschaftliches Wachstum und wirtschaftlicher Wohlstand durch Erwerbsfleiß zu gewährleisten seien, hat sich in Luft aufgelöst. Wir erleben einen modernen Kapitalismus ohne Bürgerlichkeit.

    Gibt es aber nicht nach der Finanzkrise so etwas wie eine Rückbesinnung auf eine bürgerliche Form des Kapitalismus?

    Nein, ich glaube, hier hat sich Grundlegenderes gewandelt. Nehmen Sie zum Beispiel das Leistungsprinzip. Die Wirtschaftseliten berufen sich zur Rechtfertigung ihrer hohen Einkommen kaum noch auf ihre „Leistung“, sondern auf den Wettbewerb. Höhere Anstrengungen erwartet man gern von den Beziehern durchschnittlicher und unterer Einkommen, während für die eigenen Einkünfte die Gesetze von Angebot und Nachfrage gelten sollen. Das hat den Vorteil, dass sich die Einkommen der Spitzenverdiener nicht mehr vergleichen lassen müssen. Und bei dieser Gelegenheit streift man das historisch-moralische Gepäck des Bürgertums gleich mit ab: Pflichtbewusstsein und Mäßigung.

    Ist der Kapitalismus auf diese klassischen Tugenden überhaupt noch angewiesen?

    Nicht unbedingt – das ist ja das Problem. Zumal sich der Kapitalismus besonders vital in solchen Weltregionen entwickelt, die – wie die ostasiatischen Staaten zeigen – keine Tradition ausgeprägter Bürgerlichkeit kennen. Der Kapitalismus nimmt Züge des Abenteurertums an. Bürgerliche Tugenden stören da eher.

    Aber hat die Finanzkrise nicht doch zu einem Umdenken, womöglich zu einer Renaissance solcher Tugenden beigetragen?

    Nein. Überhaupt nicht. Im Gegenteil: Die Banken treten selbstbewusster auf als vor der Krise. Die Politik hat faktisch darauf verzichtet, von der Finanzwirtschaft eine Korrektur ihrer Geschäftsmodelle zu verlangen – trotz des hohen Einsatzes an öffentlichen Geldern, die zur Rettung der Banken aufgeboten wurden. Diese Mutlosigkeit der Politik hat der Bankenwelt bestätigt, dass sie vermeintlich unverzichtbar sei. Unverzichtbarer jedenfalls als die Politik. Die Bankchefs haben gelernt: Regierungen kommen und gehen. Die Banken aber, die bleiben.

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