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Soziologe Sighard Neckel Die strukturierte Verantwortungslosigkeit der Banken

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Finanzsektor: Nach der Krise ist vor der Krise Quelle: PM Hoffmann

"Too big to fail?", zu wichtig, um fallengelassen zu werden?

Ja, genau. Die Haftungssumme musste nur gigantisch genug sein, um der Haftungspflicht zu entgehen. Schließlich hat nicht nur der Glaube an ihre Modellrechnungen die Finanzakteure zu riskanten Strategien verführt, sondern auch das Vertrauen darauf, dass der Staat im Zweifel mit Garantien einspringen würde. Sie wussten, dass sie für die Folgen nicht selber aufkommen mussten. Deshalb hat es seit der Finanzkrise auch keinen Bruch in der Erwartungswelt der Banker gegeben. Die Finanzwirtschaft ist durch die Krise in ihrer Weltsicht bestätigt worden.

Wäre es also besser gewesen, man hätte einige Institute bankrottgehen lassen?

Ja, der ökonomische Schaden wäre geringer gewesen als das, was wir jetzt an öffentlicher Verschuldung zu tragen haben. Ganz zu schweigen vom ideellen Schaden. Noch einmal: Es gehört zu den urbürgerlich-liberalen Prinzipien unserer Wirtschaftsordnung, dass die Akteure für die Folgen ihres Handelns einzustehen haben. Darauf gründet gewissermaßen die Würde des Unternehmerischen. Zu einer Wirtschaftsordnung, die sich auf die Eigenverantwortung des Individuums beruft, gehört, dass man das Scheitern akzeptiert und für den Schaden haftet. Die Politik hat zugelassen, dass dieses Prinzip dauerhaft beschädigt wurde.

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    Warum hat die Politik sich erpressen lassen – und auf Machtausübung verzichtet?

    Weil sie Angst vor dem eigenen Anspruch gehabt hat, die ordnende Kraft in der Gesellschaft zu sein. Das wird fatale Folgen haben. Zum einen haben wir uns eine Schuldenlast aufgebürdet, die uns auf absehbare Zeit die politische Gestaltungsmacht raubt. Und zum anderen hat sich die Politik ein gewaltiges Gerechtigkeitsproblem eingebrockt: Dass dieselben Vertreter der Finanzwelt, deren Banken erst Monate zuvor mit Steuermilliarden gerettet worden sind, jetzt wegen der Haushaltskonsolidierung die Kürzungen der Sozialleistungen fordern, halte ich für einen Skandal.

    Wie konnte die Bankwirtschaft so erfolgreich von ihrer Verantwortung ablenken?

    Erst wurde auf die Unübersichtlichkeit der globalen Märkte verwiesen, die man zuvor noch mit den Methoden der Finanzanalyse meinte kontrollieren zu können. Dann wurde das Allgemeinmenschliche ins Spiel gebracht: Die Banker seien nur ein Beispiel für die Gier aller. Es hat in der Debatte um die Finanzkrise nichts Unsinnigeres gegeben als das Gerede über diese Gier.

    Hat es etwa keine Gier gegeben?

    Doch, aber das menschliche Handeln ist mindestens so sehr von der Sorge um die Sicherung der Zukunft getrieben wie von der Gier. Es ist schlicht Unsinn, zu glauben, die Menschen seien aufgrund ihrer anthropologischen Ausstattung bereit, für ihre Habgier alles zu opfern. Interessant wird es erst, wenn man nach den sozialen Bedingungen und institutionellen Regeln fragt, die Gier begünstigen. Diese Fragen sind nie gestellt worden.

    Hat, nach alledem, der Soziologe Niklas Luhmann recht, der die "Wirtschaftsethik" mit der englischen Küche verglich – weil es weder das eine noch das andere gebe?

    Na ja, das ist schön gesagt, aber nicht ganz richtig. Wirtschaftliches Handeln ist sicher nicht per se ethisch, aber eben auch nicht rein zweckrational. Gerade in der Finanzkrise hat sich gezeigt, wie wichtig ein sozialer Faktor ist, der sich rein ökonomisch nicht herbeiführen lässt: der Faktor Vertrauen. Die Finanzwelt brach zusammen, als sich die Banken im Interbankenaustausch nicht mehr über den Weg getraut haben. Dieses Vertrauen kann man nicht durch Verträge sichern. Es muss sich stützen auf die Regelsicherheit von Institutionen.

    Was glauben Sie? Bekommt es die Politik am Ende noch hin, die Finanzwelt mit dieser Regelsicherheit auszustatten?

    Ich habe Zweifel. Die Regulierung hat – zumindest bisher – nicht stattgefunden. Die teilweise aggressiven Botschaften an die Adresse des Finanzsektors haben eine rein kompensatorische Funktion und sind faktisch folgenlos geblieben. Die Bankensteuer, die man im Windschatten der jüngsten Reformpläne von Barack Obama jetzt diskutiert, wird vielleicht auch nur deshalb ins Spiel gebracht, weil eine solche Steuer allenfalls fünf Prozent von den Gewinnen aus dem Finanzsektor abzieht und die Geschäftsinteressen der Banken nicht wirklich berührt.

    Also weiter wie bisher?

    Die aktuellen Initiativen des amerikanischen Präsidenten etwa zur Trennung des Investmentbankings vom klassischen Bankgeschäft können einen immerhin wieder zuversichtlicher machen, dass der -fatale Machtverzicht der Regierungen gegenüber den Banken nicht das letzte Wort der Politik gewesen ist.

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