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Steuerhinterziehung Wie die Schweiz geknackt wird

Die EU und die USA starten einen neuen Angriff auf das Bankgeheimnis. Erstmals gibt es eindeutige Beweise, dass Banker aus der Schweiz und Liechtenstein Steuerflüchtlinge massiv unterstützt haben. Ein Bericht aus der Schattenwelt des Steuerbetrugs.

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Das „Bankgeheimnis“ ist geknackt – zumindest das so genannte Kunstwerk, das die junge Schweizer Künstlerin Daniela Dändliker im Juli ihrem Publikum präsentierte. Bereits drei Stunden nach Eröffnung der Ausstellung waren drei Tausend-Franken-Scheine – das Kernelement des Werks – spurlos verschwunden. Dändliker hatte sie an der Wand einer engen Kabine befestigt, damit Besucher sich „unbeobachtet mit ihrem Gewissen auseinandersetzen können“.

Der Vorfall im kleinen Ort Giswil im Kanton Obwalden könnte sich als böses Omen für den Finanzplatz Schweiz erweisen. Denn auch das echte Bankgeheimnis droht, bald geknackt zu werden. Die USA und die EU sind wild entschlossen, die Eidgenossen zu einer engeren Kooperation mit Steuerfahndern zu zwingen und auf diese Weise Zehntausende Steuerhinterzieher zu enttarnen.

Banken organisieren Steuerflucht der Kunden

Das Problem der Schweizer und Liechtensteiner: Ihre Verhandlungsposition ist neuerdings massiv geschwächt. Denn erstmals gibt es konkrete Beweise dafür, dass alpine Banken Steuerflüchtlinge nicht nur geduldet, sondern unter dem Deckmantel des Bankgeheimnisses auch kräftig unterstützt haben. Die Ermittlungsergebnisse deutscher Fahnder in der weiter schwelenden Liechtenstein-Affäre, der Bericht eines Untersuchungsausschusses des US-Senats sowie interne Dokumente der Schweizer Justiz, die der WirtschaftsWoche vorliegen, belegen: Banker organisieren seit Jahrzehnten die Steuerflucht ihrer Kunden. Wer dem nachgeht, wähnt sich in einem Agententhriller – und nicht in der Welt feiner Bankiers. Es geht um Geheimcodes, Diamantenschmuggel, Scheinfirmen und „undercover“ operierende Kundenberater.

Die organisierte Steuerflucht ist schon rein zahlenmäßig gigantisch: Drei bis sechs Millionen Kunden bunkern Schwarzgeld in der Schweiz, schätzt Privatbankier Konrad Hummler, Eigentümer der St. Gallener Bank Wegelin. Insgesamt gehe es um mehr als eine Billion Euro. Ein großer Batzen davon dürfte aus Deutschland kommen: Laut einer Studie der Unternehmensberatung BBW haben deutsche Steuerflüchtlinge 175 Milliarden Euro am hiesigen Fiskus vorbei in die Alpenbastion geschafft, weit mehr als in jede andere Steueroase.

Die zweite Razzien-Welle steht bevor

Der Kampf gegen die Steuerflucht ist also vor allem einer gegen die Schweiz – und gegen das benachbarte Liechtenstein. Beide Finanzplätze sind eng miteinander verzahnt. Zum Beispiel, indem Geld, das ein Anleger bei einer eidgenössischen Bank parkt, offiziell seiner Liechtensteiner Stiftung gehört. Deutsche Steuerhinterzieher haben Tausende solcher Stiftungen gegründet. Die Welle von Razzien in der Liechtenstein-Affäre, die im Februar beim damaligen Post-Chef Klaus Zumwinkel begann, hat dies deutlich gezeigt. Eine zweite Welle steht unmittelbar bevor. Wie bei der ersten ist der Auslöser ein Ex-Banker, der interne Daten gestohlen hatte. Weiteres Unheil für Steuerflüchtlinge braut sich in Baden-Württemberg zusammen. Ein Unbekannter bot den Behörden dort im März Datensätze zu 30.000 Schweizer Konten an. „Die Sache läuft noch“, sagte ein Sprecher des Finanzministeriums in Stuttgart der WirtschaftsWoche.

Doch wie sind die Milliarden aus Deutschland oder den USA auf Konten alpiner Banken gelangt? Die neuen Fahndungsergebnisse belegen, dass das Geld meist nicht überwiesen oder in bar über die Grenze transportiert wurde. Banker haben ausgeklügelte Systeme für Transfers kreiert.

Wie die miesen Tricks funktionieren, zeigt ein Betrugsfall, der seit Längerem die Schweizer Finanzwelt und seit Juli das Bezirksgericht Zürich beschäftigt. Vor Gericht wurden erstaunliche Details über die Praktiken in Schweizer Banken zutage gefördert. Angeklagt ist Ernst Imfeld, der frühere oberste Privatkundenbetreuer in der Züricher Dependance der Bank Leumi. Imfeld soll bis ins Jahr 2001 hinein ohne Wissen seiner Kunden riskante Aktien- und Devisenpositionen aufgebaut und so mehr als 150 Millionen Franken verzockt haben. Ein Urteil dazu wird noch 2008 erwartet.

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