Aktuelle Entscheidungen Steuern und Recht kompakt

Wann Freiberufler zurück in die gesetzliche Rentenversicherung müssen und Kapitalmaßnahmen wie jüngst ein Aktiensplit bei Google trotz neuer Rechtslage weiterhin zu steuerlichen Nachteilen führen.

Rechtsanwälte und Ärzte müssen sich bald um ihre eigene Rentenversicherung kümmern Quelle: dpa

Freiberufler, die Mitglied einer Kammer sind, können sich von der Pflicht, Beiträge in die gesetzliche Rentenversicherung zu zahlen, befreien lassen. Stattdessen zahlen sie in ein berufsständisches Versorgungswerk ein. Solche Versorgungswerke ähneln einer Pensionskasse, ersetzen für die Freiberufler aber die gesetzliche Rentenversicherung. Diese Versorgungswerke haben derzeit etwa 830 000 Mitglieder: Rechtsanwälte, Ärzte, Apotheker, Architekten, Ingenieure, Wirtschaftsprüfer und Psychotherapeuten.

Das Bundessozialgericht hat kürzlich entschieden, dass Anwälte, die für ein Unternehmen arbeiten, das keine Kanzlei ist, sich nicht mehr von der gesetzlichen Rente befreien können (B 5 RE 13/14 R, B 5 RE 9/14 R, B5 RE 3/14 R): Diese angestellten Anwälte seien rechtlich nicht als Rechtsanwälte tätig.

Noch liegt die Urteilsbegründung nicht vor, aber es ist zu erwarten, dass das BSG-Urteil auch Auswirkungen auf andere Freiberufler, beispielsweise Ärzte, Apotheker oder Architekten, haben wird. „Das BSG macht die Befreiung von der gesetzlichen Rentenversicherung nicht davon abhängig, ob jemand als Arzt oder Architekt zugelassen ist, sondern wie der Betroffene aktuell beschäftigt ist“, sagt Alexander Lorenz, Rechtsanwalt der Kanzlei Baker Tilly Roelfs in Frankfurt.

Freiberufler, die nicht in dem beruflichen Umfeld arbeiten, das für eine Befreiung maßgeblich ist, müssen in die staatliche Rentenkasse einzahlen. „Bereits seit 2012 prüft die Rentenversicherung zunehmend bei angestellten Architekten“, sagt Ernst Uhing, Präsident der Architektenkammer Nordrhein-Westfalen.

Folgende Gruppen könnten ihre Befreiung verlieren.

  • Rechtsanwälte: Etwa 30 000 zugelassene Anwälte arbeiten als Angestellte außerhalb von Kanzleien in Industrieunternehmen, im öffentlichen Dienst oder bei Verbänden.
  • Ärzte: Von den etwa 350 000 in Deutschland praktizierenden Ärzten arbeitet nur ein Drittel als selbstständige niedergelassene Ärzte. Die Hälfte arbeitet als angestellte Mediziner im Krankenhaus. Das größte Risiko, in die gesetzliche Rentenversicherung zu müssen, tragen die rund 30 000 Mediziner, die für Unternehmen, Behörden und Verbände arbeiten.
  • Apotheker: In dieser Berufsgruppe ist das Gros gut geschützt. Von den 59 290 Apothekern arbeiten 48 690 in öffentlich zugänglichen Apotheken. Weitere 1966 in Krankenhausapotheken. Die restlichen 8635, die für die Industrie und die öffentliche Hand arbeiten, müssen sich am ehesten Sorgen machen.
  • Architekten: Bei Architekten und Stadtplanern ist der Anteil derjenigen, die zurück in die gesetzliche Rentenversicherung müssten, besonders groß. Lediglich 45 Prozent arbeiten freischaffend. Der Rest sind Angestellte oder Beamte außerhalb der Architekturbranche.

Was Vermieter über Mieter wissen dürfen

Falle Jobwechsel

Wer bereits Mitglied eines Versorgungswerks ist, genießt zwar Bestandsschutz – aber nur so lange, wie er den Arbeitgeber oder den Arbeitsplatz nicht wechselt. Verändern sich Mitglieder der Versorgungswerke beruflich, müssen sie erneut einen Antrag auf Befreiung stellen, den die Rentenversicherung ablehnen kann.

Doppelbelastung

Wer bereits Mitglied eines Versorgungswerks ist, bleibt es auch, wenn er die Befreiung von der gesetzlichen Rente verliert. Allerdings bleibt weniger Geld für die betriebliche Altersvorsorge. Derzeit zahlen Arbeitnehmer in den alten Bundesländern maximal 562,28 Euro pro Monat aus eigener Tasche in die gesetzliche Rentenversicherung. Nur, wenn danach noch etwas übrig bleibt, könnten Freiberufler zusätzlich sparen. Der Mindestbeitrag etwa beim Versorgungswerk der Rechtsanwälte in NRW liegt bei 112,46 Euro pro Monat.

Nachzahlung

Das BSG-Urteil könnte auch für Arbeitgeber zu einem teuren Risiko werden. Stellt die Rentenkasse fest, dass das Arbeitsgebiet beispielsweise eines angestellten Architekten nicht mehr dem Berufsbild entspricht, das für die Befreiung maßgeblich war, muss ein neuer Antrag gestellt werden. Wird dieser Antrag abgelehnt, muss der Arbeitgeber bis zu vier Jahre rückwirkend die Beiträge zur staatlichen Rentenkasse nachzahlen. „Arbeitgeber können für Arbeitnehmer ein Status-Verfahren bei der Rentenversicherung beantragen“, sagt Anwalt Lorenz von Baker Tilly Roelfs. So könnten sie zwar nicht verhindern, dass Angestellte wieder in die staatliche Rentenkasse müssen, aber es fielen in den meisten Fällen keine Nachzahlungen an.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%