Altersvorsorge Staat verliert Überblick bei der Riester-Rente

Die Riester-Rente kostet den Staat rund drei Milliarden Euro pro Jahr. Doch die Regierung weiß offenbar nicht, wie viel Versicherungen, Banken oder Fondsgesellschaften mit den Produkten verdienen.

Was Sparer gegen schlechte Riester-Verträge tun können
Günstiges Produkt wählenUm eine spätere Enttäuschung mit dem Riester-Produkt zu vermeiden, sollten Sie schon vor dem Vertragsabschluss prüfen, welches Produkt passt und was es kostet. Allen Riester-Produkten gemein ist die Kapitalgarantie. Zu Beginn der Auszahlungsphase müssen also zumindest die eingezahlten Beiträge sowie die gewährten staatlichen Zulagen vorhanden sein. Bei den Kosten und den möglichen Renditen gibt es jedoch große Unterschiede, je nachdem, ob Sie zu einer Versicherung, einem Fonds- oder Banksparplan oder zum Wohn-Riester greifen. Viele Experten betrachten Wohn-Riester als die rentabelste Form der staatlich bezuschussten Altersvorsorge. Quelle: Fotolia
Vertrag beitragsfrei stellenWer nicht mehr in seinen Riester-Vertrag einzahlen möchte, weil er sich als unrentabel erweist oder weil einfach das Geld in der Haushaltskasse fehlt, kann seinen Vertrag zunächst beitragsfrei stellen. Dann fließen weder neue Einzahlungen noch staatliche Zulagen in den Vertrag. Die bis zu diesem Tag einzahlten Beiträge und Zulagen bleiben im Vertrag stehen und werden am Ende der Vertragslaufzeit auch mit den aufgelaufenen Zinsen ausgezahlt – Anleger machen also keine zusätzlichen Verluste. Diese Beitragsfreistellung ist auch für Menschen interessant, die sich selbständig machen. Weil Selbständige nicht zur Einzahlung in die gesetzliche Rentenversicherung verpflichtet sind, haben sie keinen Anspruch auf die staatlichen Zulagen. Aber was in den Vorjahren bereits gewährt wurde, geht trotz Beitragsfreistellung auch nicht verloren. Kehrt der Selbständige wieder in ein Angestelltenverhältnis zurück, kann er zudem den ruhenden Vertrag neu aufleben lassen. Quelle: Fotolia
Beiträge reduzierenEine andere mögliche Variante ist es, die Beitragszahlungen zu reduzieren. Das sorgt für Entspannung in der Haushaltskasse, aber die Altersvorsorge wird zumindest weiter angespart. Damit aber auch weiter die staatlichen Zulagen fließen, muss der Riester-Sparer weiterhin mindestens 60 Euro im Jahr – also fünf Euro im Monat – in den Vertrag einzahlen. Sonst gehen die Riester-Zulagen verloren – und damit auch ein wesentlicher Vorteil des Riester-Vertrags. Wer also die fünf Euro nicht mehr aufbringen will oder kann, sollte den Vertrag lieber ganz beitragsfrei stellen oder sogar kündigen – oder eventuell aussetzen (siehe nächstes Bild). Quelle: Fotolia
Beiträge vorübergehend aussetzenWer glaubt, nur vorübergehend nicht das Geld für einen Riester-Vertrag aufbringen zu können, und den Vertrag zu einem späteren Zeitpunkt weiter besparen möchte, muss nicht gleich kündigen. Beim „riestern“ kann sich der Sparer auch eine Auszeit gönnen. Praktisch ist diese Variante vor allem, wenn Elternzeit, Krankheit oder vorübergehende Arbeitslosigkeit das Einkommen schmälern. Bessert sich die Einkommenslage wieder, können die monatlichen Raten wieder aufgenommen werden. Es fehlen dann zum Ende der Laufzeit allerdings die ausgesetzten Einzahlungsmonate, die Ablaufleistung ist entsprechend niedriger. Quelle: Fotolia
Kündigung: Ende mit SchreckenWer ganz aus seinem Riester-Vertrag raus möchte, kann dies grundsätzlich jederzeit tun. Schließlich ist bei allzu schlechter Rendite ein Ende mit Schrecken einem Schrecken ohne Ende vorzuziehen. Allerdings ist eine üppige Kündigungsfrist zu beachten. Sie ist immer nur zum Quartalsende möglich, wenn mindestens drei Monate vorher gekündigt wurde. Bei der Rückzahlung des angesparten Kapitals ist außerdem mit empfindlichen Einbußen zu rechnen (siehe Bild 9). Was zurückgezahlt wird, dürfte deutlich unter der Summe der eingezahlten Beiträge und staatlichen Zulagen liegen. Dafür hat der Sparer wieder mehr monatlichen Spielraum, um Geld auf anderem Wege an die Seite zu legen sowie weniger Papierkram, weil er die Riester-Zuschüsse nicht mehr beantragen muss. Quelle: Fotolia
Vertrag wechselnEtwas anders stellt sich die Situation dar, wenn mit Wirksamwerden der Kündigung gleich ein anderer Riester-Vertrag angespart wird. Das kann sich unter Renditeaspekten durchaus lohnen. Die Verbraucherzentrale Baden-Württemberg hat ausgerechnet, dass bei einer monatlichen Zahlung von 100 Euro und mit einer Laufzeit von 30 Jahren eine nur um einen Prozentpunkt höhere Rendite am Tag der Auszahlung 13.000 Euro Plus ausmacht. Zwar entstehen mitunter nochmal beträchtliche Kosten. Es werden für den Wechsel üblicherweise von 50 bis 125 Euro fällig, im Einzelfall auch deutlich mehr. Allerdings möchte die Bundesregierung die Wechselgebühren in Zukunft auf 150 Euro begrenzen. Quelle: Fotolia
Rechtzeitig neuen Vertrag suchenWer wechselwillig ist, sollte sich zunächst auf die Suche nach einem geeigneten Produkt machen und den alten Riester-Anbieter erst anschließend über seine Wechselabsichten informieren. Dadurch lässt sich vermeiden, dass die Sparsumme samt staatlicher Zulagen zunächst ausgezahlt wird. Stattdessen sollte das Guthaben aus dem Riester-Vertrag gleich in den neuen Vertrag fließen. Wichtig: Der Riester-Sparer ist selbst dafür verantwortlich, dass der aktualisierte Zulagenantrag mit den Daten des neuen Anbieters den Behörden zugeht. Sonst gehen die monatlichen Grundzulagen und Kinderboni verloren. Bei den Rentenversicherungsprodukten ist noch zu beachten, dass zum Jahresbeginn der staatlich garantierte Zins auf die Ersparnisse von 2,25 auf 1,75 Prozent gesenkt wurde. Mitunter lässt sich je nach Produkt und Gesellschaft auch nur die Anlagestrategie ändern, etwa indem der Anleger in einen anderen Riester-Fondssparplan des gleichen Anbieters wechselt. Dann werden keine oder nur geringe Wechselkosten fällig. Quelle: Fotolia

Die Regierung weiß 13 Jahre nach Einführung der Riester-Rente offenbar nicht genau, wie gut das Geld angelegt ist und wie viel Versicherungen, Banken oder Fondsgesellschaften mit den Produkten verdienen. Das geht aus einer Antwort des Bundesfinanzministeriums auf eine Anfrage der Grünen-Bundestagsfraktion hervor.

Die Ministerialen geben in den Schreiben zu, "keine Erkenntnisse zu den durchschnittlichen Gesamtkosten aller in Deutschland angebotenen Riester-Produkte zu haben". Auch zu den Renditen von Riester-Verträgen kann das Finanzministerium keine genauen Angaben machen.

Besserverdiener profitieren am meisten

Aus der Antwort geht außerdem hervor, dass die Riester-Verträge je nach Einkommen höchst unterschiedlich verteilt sind: So ist die Anzahl der Verträge bei Geringverdienern und bis tief in die Mittelschicht hinein geschrumpft. Gerade Gering- und Kleinverdiener müssten aber zusätzlich vorsorgen, um wegen ihrer Mini-Renten nicht im Ruhestand in die Altersarmut zu rutschen. Der Zuwachs ist lediglich bei Besserverdienern ab einem Jahreseinkommen von 45.000 Euro am stärksten.

Markus Kurth, rentenpolitischer Sprecher der Grünen, hält diese Antwort laut "Süddeutscher Zeitung" für „grotesk“. Er verweist auf den neuen Rentenversicherungsbericht der Bundesregierung. Darin wird unterstellt, dass die Riester-Rente – so wie es politisch einmal vorgesehen war – die Einbußen durch das sinkenden Rentenniveau nur ersetzen kann, wenn die Verträge mit durchschnittlich vier Prozent im Jahr verzinst werden, die Verwaltungskosten bei zehn Prozent liegen und der Sparer die volle Förderung in Anspruch nimmt.

Nur wer uralt wird, sieht sein Kapital wieder

Rund 13 Jahre nach ihrer Einführung stagniert die geförderte private Altersvorsorge: Seit 2011 wurden lediglich 700.000 neue Riester-Verträge abgeschlossen – und das auch nur, weil sich viele Bürger das Staatsgeld fürs Eigenheim sichern wollten. Die Zahl der geförderten Versicherungs- und Banksparverträge ist sogar rückläufig. Bis Ende September waren etwa 16 Millionen Verträge abgeschlossen - bei mehr als 34 Millionen Menschen, die Anspruch auf die staatliche Grundzulage von 154 Euro hätten.

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Verbraucherschützer kritisieren die Riester-Rente seit Jahren wegen der mangelnden Transparenz: Die Kosten seien in Teilen zu hoch, die Erträge dementsprechend gering. Hinzu kommt, dass Versicherungen mit überdurchschnittlichen Lebenserwartungen kalkulieren: Sparer müssten also extrem alt werden, bis sie ihr Kapital zurückerhalten.

Bereits Anfang des Jahres versprach Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD), auf die "berechtigte Kritik an der Riester-Rente reagieren zu wollen". Die Angebote müssten attraktiver gestaltet werden, um die Grundidee der staatlichen geförderten privaten Altersvorsorge "zu retten". Getan hat sich seitdem nicht viel.

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