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Anleger gegen Banker Aktionäre fordern Schadensersatz

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Georg Funke (Hypo Real Estate) Quelle: AP

Für Prognosen zum Ausgang der Schadensersatzprozesse ist es also zu früh. Hinzu kommt laut Schneider ein bisher weitgehend ignoriertes Problem. „Die betroffenen Banken sind große Finanzkonzerne, und die fatalen Investitionsentscheidungen wurden oft von Vorständen von Tochtergesellschaften getroffen. Es ist juristisch bisher völlig ungeklärt, ob für deren Pflichtverstöße die Vorstände und Aufsichtsräte der Muttergesellschaft verantwortlich gemacht werden können.“

Das Beispiel Hypo Real Estate (HRE) verdeutlicht das Dilemma: Dort führte der im Oktober zum Rücktritt gedrängte Georg Funke den Konzern – für einen großen Teil der fatalen Finanzwetten, die zum Beinahe-Kollaps führten, waren jedoch Mitarbeiter der 2007 aufgekauften Depfa Bank verantwortlich. Deren Boss Gerhard Bruckermann hatte den Sitz der einst grundsoliden Pfandbriefanstalt ins irische Dublin verlegt und dort ein großes Rad an den internationalen Finanzmärkten gedreht.

Als die HRE die Depfa im Sommer 2007 übernahm, strich Bruckermann für seine dank üppiger Optionsprogramme angehäuften acht Millionen Depfa-Aktien satte 120 Millionen Euro ein.

Doch wer trägt die Hauptverantwortung für die desaströsen Zustände bei der HRE, deren Aktienkurs von einst über 50 auf 1,30 Euro eingebrochen ist? Der 61-jährige Rheinländer Bruckermann, der mit seinen Mannen in Dublin gewaltige Risiken angehäuft hat? Oder der 53-jährige Westfale Funke, der die tickende Zeitbombe nicht erkannte und trotz der sich abzeichnenden US-Immobilienkrise 5,7 Milliarden für die Depfa hinblätterte? Der die Aktionäre bis Anfang 2008 immer wieder beruhigte, dass alles nicht so schlimm sei – wider besseres Wissen, wie Kritiker glauben?

Die Aktionärsschützer von der DSW werfen Funke schwere Pflichtverstöße vor und haben im Oktober Strafanzeige erstattet. Im Dezember durchsuchten Staatsanwälte die HRE-Zentrale und Privathäuser ehemaliger Manager – allen voran die von Funke und Ex-Aufsichtsratschef Kurt Viermetz. Die Ermittler wollen wissen, ob die frühere Führungsriege Aktionäre bewusst über den desolaten Zustand der irischen Tochter Depfa getäuscht hat.

Kein Zeitdruck

Bevor Schadensersatzklagen gegen Manager eingereicht werden, will die DSW das Ergebnis der Ermittlungen abwarten. „Das läuft uns nicht weg“, sagt Anwalt Nieding. Er habe für die von ihm vertretenen Aktionäre „verjährungshemmende Maßnahmen“ ergriffen, sodass es keinen Zeitdruck gebe. Auch andere Anlegeranwälte stehen in den Startlöchern. Der Münchner Klaus Rotter hat im Dezember für die ersten von ihm vertretenen Investoren Schadensersatzklagen gegen die HRE eingereicht. Weitere sollen folgen. In den nächsten Monaten, sobald die Staatsanwälte erste Ermittlungsergebnisse freigeben, könnte somit eine wahre Klagewelle über die Gesellschaft und ihre ehemaligen Manager hereinbrechen.

Parallel zu den Staatsanwälten ermittelt seit Oktober im Auftrag des HRE-Aufsichtsrats die Kanzlei Milbank Tweed Hadley & McCloy, ob Funke sowie der für Staatsfinanzierung zuständigen Ex-Vorstand Bo Heide-Ottosen gegen Pflichten verstoßen haben. Funke droht der Verlust seines „Ruhegehalts“ von 560.000 Euro pro Jahr, das ihm laut Geschäftsbericht zusteht.

Der neue HRE-Aufsichtsrat scheint tatsächlich endlich entschlossen, Ansprüche geltend zu machen. Bisher passierte das wegen der engen Verflechtungen zwischen Vorständen und Aufsichtsräten nur in Ex- » tremfällen, wie bei Siemens: Dort hat der Aufsichtsrat 2008 wegen des Schmiergeldskandals Klagen gegen elf frühere Vorstände eingereicht, darunter Ex-Boss Heinrich v. Pierer. Sie sollen zwischen einer Million und sechs Millionen Euro zahlen.

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