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Bargeld Warum wir unsere Münzen und Scheine behalten sollten

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"Kampf gegen die Freiheit"

Denn im Gegensatz zu den Dänen lieben die Deutschen ihr Bargeld und wollen es behalten. Und aus der ordnungspolitischen Sicht von Horstmann und Mann ist das auch genau richtig. Der „War on Cash“ sei ein „Kampf gegen die Freiheit“, schreiben die Autoren. Und treffen damit den zentralen Punkt der Diskussion.
Vordergründig geht es nicht um weniger Kriminalität oder den Kampf gegen Schwarzgeld, sondern um nichts anderes als die Freiheit der Verbraucher – die Wahlfreiheit. Wer gerne mit Plastikkärtchen zahlen möchte, der soll das gerne tun. Wer aber lieber bei Schein und Münze bleibt, der soll auch das dürfen. Jeder nach seiner Facon.

Ein Blick auf die Argumente der Bargeld-Kontrahenten zeigt, dass diese Wahlfreiheit die einzig richtige Entscheidung sein darf. Kriminalität wird besonders oft als Argument gegen Bargeld verwendet. Wo kein Bargeld ist, da keine Banküberfälle, Raubmorde oder Einbrüche, so die zugegebenermaßen verschlankte Argumentation.
Kritiker werfen allerdings zu Recht ein, dass die Kriminalität in einer bargeldfreien Welt sich lediglich verlagert. Ins Internet beispielsweise. Schon jetzt steigt die Zahl an Cyberattacken wie Hackerangriffen massiv. Die Anfälligkeit dafür würde bei zunehmend digitaler Zahlweise wohl steigen, im Internet würden noch mehr Daten geklaut.
Auch Raubzüge scheinen ohne Bargeld nicht weniger wahrscheinlich. Im Ausland sind Überfälle und Attacken an Geldautomaten schon Herausforderung für Touristen, in Deutschland werden Bankkunden strengstens dazu angehalten, persönliche Daten wie Pin-Nummern verdeckt einzugeben.


Fadenscheinige Argumente

In Skandinavien dagegen sieht man weniger Bargeld sehr positiv, die Abschaffung helfe beim Kampf gegen Prostitution – und auch Rentner hätten es in den Augen der schwedischen Gewerkschafterin Martine Syrjänen leichter, die würden ja sonst immer alles verlieren. Das mag sein, dabei hat die Gewerkschafterin aber offenbar nicht bedacht, dass der Verlust der Kreditkarte oder des Pin-Codes im Zweifel folgenschwerer und teurer ist, als ein verbummelter Hundert-Euro-Schein.
Für Gegner der Bargeldabschaffung sind das keine Argumente, sie warnen vor der kompletten Überwachung durch den Staat. Den Staat geht es nichts an, wie der einzelne Bürger sein Geld verbrauchen will, sagte Ludwig Erhard, er solle nicht Morallehrer sein.

Grundsätzlich sind Datenschutz und Überwachung die dominierenden Kontrapunkte in der Bargelddebatte. Die Aussicht, mit jeder Zahlung und mit jedem Einkauf Spuren zu hinterlassen, behagt keinem Verbraucher. Gleichzeitig lechzen Unternehmen wie Banken und Versicherungen nach den Daten der Konsumenten. Szenarien, in denen Alkoholiker keinen Alkohol mehr kaufen können, weil ihre Kreditkarte für solche Käufe gesperrt wurde, sorgen bei freiheitsliebenden Menschen für große Skepsis. Auch Versicherungen könnten ihre Kunden folglich nach den jeweiligen Ausgaben für ihre Gesundheit einstufen. Eine Fürsorgepflicht des Staates ist sicherlich gut, sie sollte aber nicht von einer eingeschränkten Wahlfreiheit überlagert werden.
Aus Sicht einiger Ökonomen scheint allerdings genau diese Wahlfreiheit verzichtbar. „Bei den heutigen technischen Möglichkeiten sind Münzen und Geldscheine tatsächlich ein Anachronismus“, sagte der Wirtschaftsweise Peter Bofinger. Auch die US-Ökonomen Kenneth Rogoff oder Larry Summers trommeln regelmäßig für eine Welt ohne Bargeld.

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