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Bilanzexperten zum Fall Wirecard „Die Haftungsgrenze muss raus“

Die BigFour, also PPMG, EY, Deloitte und PWC, wollen den Markt allein, kritisieren die Bilanzexperten Christoph Freichel und Ingo Weber. Quelle: REUTERS

Die zwei Bilanzexperten Christoph Freichel und Ingo Weber kritisieren den politischen Einfluss von EY, KPMG, Deloitte und PwC. Was sie nach dem Wirecard-Skandal nun erwarten.

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WirtschaftsWoche: Herr Freichel, Herr Weber, wie dominant schätzen Sie die sogenannten BigFour, die großen Wirtschaftsprüfer EY, KPMG, Deloitte und PwC, ein, auch bezogen auf den politischen Einfluss?
Christoph Freichel: Die BigFour sind in der Politik sehr gut vernetzt. Davon profitieren sie bei Prüfungs- und Beratungsaufträgen. Es geht um Aufträge in Milliardenhöhe. An den BigFour kommt man nicht vorbei. Ich würde von einer sehr hohen Dominanz sprechen. Die lassen für die kleineren Gesellschaften nichts vom Kuchen übrig. Bei den Aufträgen, die für kleinere Gesellschaften relevant sein könnten, werden von den BigFour in der Regel Honorare aufgerufen, die so niedrig sind, dass man eigentlich den Kopf schütteln muss. Dafür macht es ein Mittelständler nicht. Die BigFour wollen den Markt allein.

Ingo Weber: Genau. Wenn man Beratung und Prüfung trennen will, muss man deshalb die meist unprofitable Prüfung teurer machen. Aber es findet natürlich ein politisches Lobbying seitens der BigFour statt. Das geht immer weiter. Sollte EY aus dem Kreis der Wirtschaftsprüfer ausscheiden, dann gäbe es ja nur ein BigThree, eine noch höhere Konzentration, argumentiert gerade EY.

Christoph Freichel ist Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, Rechnungswesen und Betriebliche Steuerlehre an der Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes. Quelle: privat

Wie sollte ein Enforcement, eine neue Institution für die Bilanzprüfung, jetzt aufgestellt werden?
Freichel: Man sollte an der zeitlichen Dimension arbeiten. Der Enforcementprozess dauert zu lange. Der Enforcementprozess ist ineffektiv. Es gibt als Player den Abschlussprüfer, die Wirtschaftsprüfer-Aufsicht APAS, die Deutsche Prüfstelle für Rechnungslegung DPR und die Finanzaufsicht Bafin. Der Prozess ist nicht aufeinander abgestimmt. Es existiert ein Zuständigkeitschaos. So liegt die APAS-Zuständigkeit beim Bundeswirtschaftsministerium und die BaFin-Zuständigkeit beim Finanzministerium. Es liegen zahlreiche Systemfehler vor: Der Mandant sucht den Abschlussprüfer aus und bezahlt diesen. So viel zur Unabhängigkeit. Die Personaldecke der DPR ist unzureichend. Daher dauert es zu lange. Bis die BaFin dann Wind vom Desaster bekommt, ist es zu spät.

Ingo Weber ist Mitgründer des Stuttgarter Beratungsspezialisten FAS und seit 2000 dort auch Vorstand. Der Diplom-Kaufmann arbeitete unter anderem auch bei Arthur Andersen, das bis zum Enron-Skandal 2001 zu den größten Wirtschaftsprüfungsgesellschaften zählte. Quelle: privat

Weber: Wichtig in diesem Zusammenhang ist auch, dass die Begrenzung der Haftung auf nur vier Millionen Euro raus muss. Sie sollte ich sich vielmehr in Abhängigkeit der Mandatsgröße bemessen. Auch an eine persönliche Haftung des Wirtschaftsprüfers könnte man denken.

Freichel: Man müsste ein Verfahren schaffen, was deutlich an der Zeitschiene ansetzt und alles verkürzt. Da müsste mehr aus einer Hand kommen. Insgesamt müsste die Thematik der „Rechnungslegung und die der Prüfung der Rechnungslegung“ deutlich an Stellenwert auch aus der Sicht des Staates gewinnen. Bedenken Sie doch mal den Stellenwert der Steuern aus der Perspektive des Staates. Wie die Organisation (Gesetze, Behörden, Prüfungen, Mitwirkungen, Durchsetzung, Strafbarkeit etc.) rund um die Steuern im Vergleich zur Rechnungslegung ausgestaltet ist, spricht doch Bände.

Was hielten Sie von einen Joint Audit, der doppelten Buchprüfung, nach dem Motto vier Augen sehen mehr als zwei?
Freichel: Joint Audits haben sich in Deutschland bisher nicht wirklich durchgesetzt. Es wird im Umfeld der Berufsorganisationen immer wieder behauptet, dass Joint Audits nichts bringen. Angeblich wüssten wir das zum Beispiel aus Frankreich. Oder ist es eher so, dass die Wirtschaftsprüfer kein Interesse an Joint Audits haben, weil die etablierten Angst haben, aus dem Mandat zu fliegen, wenn der andere merkt, dass etwas gründlich schiefgelaufen ist? Ich würde definitiv erwarten, dass die Prüfungsqualität bei Joint Audits steigt. Das ist doch unmittelbar einsichtig.

Schließlich will doch keiner der Joint Auditor sich die Blöße geben, dass der andere ihm einen Fehler nachweist. Im Rahmen der Reformüberlegungen bezüglich der Abschlussprüfung wurde zum Beispiel überlegt, ob es sinnvoll ist, dass eine große Prüfungsgesellschaft bei der Prüfung von kapitalmarktorientierten Unternehmen mit einer kleineren Gesellschaft eine Joint Audit durchführt. Ich fände das gut. Da kommt Bewegung in die Prüfungswelt. Das muss ja nicht schaden. Denn alle sind bestimmt noch motivierter. Eine andere Möglichkeit eines Joint Audits wäre ja eine aus einem Wirtschaftsprüfer und einer staatlichen Stelle. Ich habe bisher noch nicht gehört, dass dieser Gedanke aufgegriffen wurde. Das fände ich wenigstens überlegenswert.

Ist der Ruf nach dem Staat gerechtfertigt?
Weber: Es gibt generell einen Fehler im System. Statt hinter jedem Bilanzpöstchen einen Haken zu machen, sollte die Wirtschaftsprüfung vielmehr darauf abzielen, Investoren auf mögliche Risiken hinzuweisen. Und der Bund wird sich Fragen gefallen lassen müssen, warum nach dem Wirecard-Skandal EY die Commerzbank weiter prüfen darf, und ab 2021 auch die Deutsche Telekom.


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„Big Four“ nennt man die führenden Wirtschaftsprüfer – wegen ihrer Macht und ihres politischen Einflusses. Die Kritik am Oligopol der Bilanzwächter ist alt. Neu ist: Der Wirecard-Skandal erzwingt eine Reform.

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