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Der Verzicht hilft nicht: Auch wer kein Facebook nutzt, nicht online einkauft und sogar Google meidet, wird von Datenkraken verfolgt. In der Offline-Welt können sie schlimme Schäden anrichten. Wo Sie Spuren hinterlassen.

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Auch jenseits des Internets sollten Bürger ihre Daten schützen. Quelle: Getty Images

Düsseldorf Beim Thema Datenschutz denken viele Verbraucher heute zuerst an Datenkraken wie Facebook und Google. Doch auch fernab von Internetseiten und sozialen Netzwerken sammeln Unternehmen fleißig persönliche Daten und können damit ordentlich Schaden anrichten – das funktioniert ganz ohne Smartphone und Internetanschluss, in der guten alten Offline-Welt.

Handelsblatt Online zeigt, warum Verbraucher trotz der Aufregung um digitale Datensammler auch die Gefahr im realen Leben nicht unterschätzen dürfen, wie sie das Speichern und die Verbreitung ihrer Daten vermeiden können und falsche Informationen korrigieren. Und: Warum Privatleute selbst von großen Datensammlungen profitieren können.

Selbst Schuld, wer im Internet persönliche Daten preisgibt, ist doch kein Wunder, wenn man dann unerwünschte Werbung bekommt oder sogar das Konto geplündert wird! Doch ganz so einfach ist es nicht. Es reicht längst nicht aus, nur in der Online-Welt geizig mit Daten umzugehen. In vielen Fällen muss der Kunde auch beim Einkauf im Laden nebenan der Speicherung von Daten zuzustimmen. Dann ist Kontrolle angesagt.

Banken, Sparkassen und Leasingfirmen, aber auch Versandhandels- und Telekommunikationsunternehmen – sie alle tun es. Bei bestimmten Arten von Verträgen holen sie bei Auskunfteien wie der Schufa Informationen zur Kreditwürdigkeit des Kunden ein und übermitteln ihrerseits neue Informationen. Immer wenn Kunden ein Bankkonto eröffnen, einen Kredit beantragen, einen Handyvertrag abschließen oder Ratenzahlung vereinbaren, fließen in der Regel Daten zwischen dem beteiligten Unternehmen und einer Auskunftei.

„Dabei passieren häufig Fehler, Daten werden falsch übermittelt oder sind nicht mehr aktuell“, sagt Florian Glatzner, Datenschutzexperte beim Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv). Typische Fehler: Verträge sind schon längst ausgelaufen, werden aber noch als aktiv gelistet und Zahlungsausfälle werden registriert, obwohl die Forderung gar nicht berechtigt war.

„Dass etwas nicht stimmt, merkt der Verbraucher meist erst dann, wenn er plötzlich einen Kredit nicht zu den beworbenen Konditionen bekommt, nur per Vorkasse zahlen kann oder aufgrund des schlechten Schufa-Scores seine Traumwohnung nicht mieten darf“, so der Verbraucherschützer.

Um solche bösen Überraschungen zu vermeiden, können Verbraucher bei Auskunfteien, Adresshändlern und anderen Unternehmen anfragen, welche Daten über sie gespeichert wurden. Seit knapp drei Jahren bekommt man diese Auskunft einmal pro Jahr sogar kostenlos. Damals wurde das Bundesdatenschutzgesetz novelliert. Die Anfragen stiegen danach sprunghaft an. Diese Neugier hat sich bei vielen Verbrauchern aber wieder gelegt.


Nur wenige Verbraucher fragen Daten ab


Während sich die Zahl der Anfragen an die Schufa kaum verändert hat, verzeichnete Bürgel nach einem Rückgang 2011 im vergangenen Jahr wieder einen Anstieg an Anfragen, der sogar über den Höhepunkt in 2010 hinaus ging. Bei Boniversum, einer Tochter von Creditreform, gingen die Anfragen nach 2010 jedoch stetig zurück, ebenso bei Arvato. An das regelmäßige Abfragen der eigenen Daten haben sich wohl die meisten Bürger noch nicht gewöhnt.

Dabei ist die Anfrage kein großer Aufwand. Auf den Internetseiten der Verbraucherzentralen gibt es Vordrucke mit Formulierungshilfen und Listen mit Auskunfteien und Adresshändlern: Einfach die persönlichen Daten und die Adresse des Unternehmens in das Formular eintragen, ausdrucken, abschicken, fertig. Wer es noch einfacher haben will, kann die Seite www.selbstauskunft.net nutzen.

Die hat Julian Kornberger entwickelt, quasi aus persönlicher Betroffenheit: „Ich wollte selbst Auskünfte anfordern, aber das Ausdrucken und der Postversand zahlreicher Anfragen erschien mir zu lästig“, sagt der Geschäftsführer des Bremer Unternehmens Digineo. Also programmierte er eine Software, mit der sich die Anfragen erstellen und per Fax versenden lassen.

Der persönliche Nutzen sei aber nicht das einzige Motiv gewesen: „Auch idealistische Gründe spielten eine große Rolle, ich setze mich schon lange für Datenschutz und ein freies und offenes Internet ein“, sagt Kornberger. Der Service ist kostenlos, aktuell werde das Projekt durch sein Hauptgeschäft querfinanziert, so Kornberger.

Wer die Seite nutzen will, muss dort persönliche Daten hinterlegen, diese werden aber nach Angaben des Betreibers nicht für Werbung genutzt und können jederzeit wieder gelöscht werden. Die erbetenen Auskünfte laufen nicht über die Seite, das angefragte Unternehmen sendet sie per Post direkt an den Verbraucher.

„Sind Daten bei einer Auskunftei falsch gespeichert, hat der Bürger einen Berichtigungsanspruch“, sagt Sven Hermerschmidt, Sprecher des Bundesdatenschutzbeauftragten. „Wurde etwas gespeichert, das gar nicht gemeldet werden durfte, beispielsweise eine Forderung, die der Kunde bestritten hat, muss der Eintrag gelöscht werden.“


Der Widerspruch muss genau formuliert sein

Auch gegenüber Adresshändlern hat der Bürger das Recht, der Nutzung seiner Daten zu widersprechen. „Auf persönlich adressierten Werbebriefen muss vermerkt sein, wer die Daten als Erster erhoben hat, bei dem sollte man schnell einer weiteren Nutzung widersprechen und fragen, an wen die Daten noch weiter gegeben wurden“, sagt Glatzner. Ansonsten bestehe die Gefahr, dass sich die Daten immer weiter verbreiten.

Wichtig ist jedoch die genaue Formulierung: Einen Adresshändler aufzufordern, die Daten zu löschen, ist nicht sinnvoll. Werden die Daten gelöscht, kann es passieren, dass die Firma am nächsten Tag ein neues Bündel Datensätze kauft und die Adresse darin wieder enthalten ist. Deshalb ist es besser, die Sperrung der Daten zu beantragen. Der Datensatz wird dann beim Unternehmen gesondert gekennzeichnet und darf nicht mehr zu Werbezwecken verwendet oder weitergegeben werden.

Projekte, wie selbstauskunft.net, findet der Verbraucherschützer grundsätzlich gut. Allerdings komme es auf die konkrete Umsetzung eines solchen Portals an, beispielsweise wie es selbst mit den Daten der Nutzer umgehe. Auch das Bundesverbraucherministerium hatte mit einer Website geliebäugelt, um Verbrauchern das Einholen einer Selbstauskunft zu erleichtern, www.datenschutz-auskunft.de sollte sie heißen.

Den Prototyp dazu hatte bereits eine Forschungsgruppe entwickelt, in der auch Christian Thorun, Geschäftsführer des Instituts für Verbraucherpolitik, beteiligt war. Im vergangenen Oktober endete jedoch die Förderung dieses Innovationsvorhabens. „Wir haben versucht, möglichst viele Unternehmen mit ins Boot zu bekommen. Sie profitieren davon, wenn die Anfragen bei ihnen in strukturierter Form ankommen“, sagt Thorun. „Bislang haben wir jedoch nicht genug Unterstützung gefunden.“ Ob die Ideen jemals umgesetzt werden, ist also ungewiss.

Verbraucherschützer Glatzner bevorzugt ohnehin einen anderen Ansatz: „Mit dem eigenen Konsumverhalten kann man die Menge der gespeicherten Daten stark beeinflussen“, sagt er. Wer seine Daten wirklich schützen will, sollte keine Kundenkarten nutzen, nicht an Gewinnspielen teilnehmen und in Verträgen die Passage, dass Daten an Dritte weitergeben werden, stets streichen, empfiehlt er. Das funktioniere auch online: Einfach in das Feld für Anmerkungen den Satz schreiben „Ich widerspreche der Nutzung meiner Daten für Werbezwecke“. Daten, die gar nicht erst gespeichert wurden, müssen später auch nicht gesperrt werden.


Datensammlung bietet Verbrauchern Chancen

So einfach haben es Bürger gegenüber Behörden jedoch nicht. Schon bei der Geburt wird man beim Einwohnermeldeamt registriert, das Schulamt kennt einen als Schüler, das Finanzamt rechnet mit, sobald man Geld verdient. Dagegen rebellieren zu wollen, erscheint zwecklos. Doch auch für Behörden gilt: Falsche Informationen müssen berichtigt, unzulässig gespeicherte Daten müssen gelöscht werden (§ 20 BDSG).

Und Datenschützer sind immerhin darauf bedacht, die Verknüpfungen der Daten zu begrenzen. So hat sich jüngst auch der Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schaar dafür ausgesprochen, dass Kontoprüfungen wieder reduziert werden und tatsächlich die Ausnahme bleiben.

"Ursprünglich sollten nur die Finanzaufsicht Bafin und Strafverfolgungsbehörden Konten prüfen können, um den Terrorismus zu bekämpfen“, sagt Sven Hermerschmidt, Sprecher des Bundesdatenschutzbeauftragten. Dann durften auch Sozial- und Finanzämter, Arbeitsagenturen und seit diesem Jahr sogar Gerichtsvollzieher die Kontostammdaten von Bürgern abfragen. Zu diesen Stammdaten gehören die Kontonummer, das Eröffnungs- und Auflösungsdatum sowie weitere Angaben zum Kontoinhaber. Geregelt ist dies in Paragraph 24c des Gesetzes über das Kreditwesen. Der Kontostand und Kontobewegungen bleiben jedoch verborgen. Grundsätzlich muss der Betroffene über einen solchen Kontenabruf informiert werden (§ 93 Abs. 9 AO), es gibt jedoch Ausnahmefälle, in denen das nicht nötig ist.

Die Abwehrhaltung gegenüber Unternehmen und deren Datensammlung ist nach Ansicht von Christian Thorun vom Institut für Verbraucherpolitik jedoch zu einseitig: „Hierzulande geht es beim Thema Datenschutz zumeist um die berechtigte Frage, wie Missbrauch vermieden werden kann. Dass die Daten aber auch Chancen für den Einzelnen bieten können, wird zu selten erkannt.“

Sein Beispiel: Die Daten der Telefonanbieter könnten Verbrauchern helfen, ihr Nutzungsverhalten besser zu erkennen und damit den für sie individuell günstigsten Tarif zu finden. Das klingt einleuchtend, fraglich ist nur, ob die Anbieter einem solchen Projekt, das automatisch auch ihre eigenen Einnahmen senkt, jemals zustimmen. Hier müssten beide Seiten einen großen Schritt aufeinander zugehen.

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