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Dreieinhalb Jahre Haft Hoeneß stand am Pranger wie im Mittelalter

Richter Heindl macht seinem Ruf alle Ehre – er verurteilt Bayern-Präsident Uli Hoeneß wegen Steuerhinterziehung zu 3,5 Jahren Haft. Doch längst sind nicht alle Fragen rund um den Prozess des Jahres geklärt.

„Ich weiß, das ist doof. Aber ich zahle volle Steuern.“
„Herr Hoeneß, sind Sie ein Zocker?“, fragte das Handelsblatt 2011 im Interview. Die Antwort: „Nein, das bin ich nicht. Früher war ich zwar spekulativer unterwegs, habe etwa mit Devisen gehandelt. Ich war aber nie ein Daytrader oder so etwas. Kurz rein und schnell wieder raus – das entspricht nicht meiner Überzeugung. Ich versuche, Ideen zu entwickeln, die ich dann langfristig verfolge.“ Quelle: AP
Das Handelsblatt fragte weiter: „Beschäftigen Sie sich täglich mit der Börse?“ Hoeneß: „Nein, das kann man nicht, dafür fehlt mir auch die Zeit. Vermutlich würde ich auf Dauer sowieso verrückt werden, wenn ich jede noch so kleine Veränderung beobachten würde.“ Quelle: REUTERS
„Ich weiß, dass das doof ist. Aber ich zahle volle Steuern.“ Interview mit der Bild-Zeitung, 2005 Quelle: dpa
„Und es kann doch nicht der Sinn der Sache sein, ins Gefängnis zu wandern, nur um ein paar Mark Steuern zu sparen.“ Interview mit der Welt, 2002 Quelle: AP
„Natürlich will ich Erfolg, aber nicht um jeden Preis. Wenn es um Geld geht, muss man auch mal zufrieden sein.“ Im Interview mit Brand Eins, 2011 Quelle: dpa
„Wenn die Unternehmer alle in die Schweiz gehen, ist auch keinem geholfen. Mit einer Reichensteuer geht es dem kleinen Mann kein Stück besser.“ Bei Maybrit Illner, 2009 Quelle: REUTERS
„Keine Regierung der Welt kann mein Vermögen klein machen. Das mache ich schon selber – indem ich Fehler mache. Mir ist inzwischen egal, ob ich 20, 50 oder 100 Prozent Steuern zahle. Mir geht es um die kleinen Leute.“ Interview mit der Abendzeitung München, 2002 Quelle: dpa

Zwei Jahre weniger als vom Staatsanwalt gefordert, dreieinhalb Jahre länger, als von der Verteidigung gewünscht – Uli Hoeneß ist wegen Steuerhinterziehung zu einer Haftstrafe verurteilt worden. (Die aktuellen Ereignisse lesen Sie übrigens hier) Richter Heindl stufte die Selbstanzeige als ungültig ein. Damit dürfte das letzte Wort jedoch noch längst nicht gesprochen sein. Zum einen, weil beide Parteien noch in Revision vor dem Bundesgerichtshof gehen können. Zum anderen aber auch, weil trotz des klaren Urteils viele Fragen offen bleiben.

Es sind die Merkwürdigkeiten, die im Kopf hängen bleiben: Sind die gewaltigen Summen, die sich im Verlaufe der viertägigen Verhandlung von Anfangs schon hohen 3,5 Millionen Euro auf immense 27,2 Millionen Euro addierten, tatsächlich bereits in Uli Hoeneß‘ Selbstanzeige enthalten gewesen? Warum ging die Staatsanwaltschaft dann weiter von 3,5 Millionen Euro aus? Warum kam es mitten im Gerichtssaal, vor den Augen von Richter und Staatsanwalt, zu mehreren kleinen Scharmützeln ausgerechnet zwischen Hoeneß und seinem bärbeißigen Verteidiger? Wie kann es sein, dass der eigene Anwalt Hoeneß offenbar mehrfach dazu anhalten musste, die Bedeutung der Recherchen eines Stern-Reporters als möglichen Auslöser für die Selbstanzeige nicht so herunterzuspielen und abzutun? „Erzählen Sie doch nichts vom Pferd“ soll Feigen Hoeneß angeraunzt haben. Wie passt allein das alles zusammen?

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Nach einer cleveren Verhandlungs- und Verteidigungsstrategie sieht das nun wirklich nicht aus. Genauso wenig ist nachzuvollziehen, warum die Hoeneß-Seite die Eskalation der Hinterziehungssumme in Dimensionen, die kaum mehr nachvollziehbar sind, scheinbar tatenlos hat laufen lassen. Haben die Summen tatsächlich bereits in der Selbstanzeige gestanden, wären Hoeneß und seine Leute dann nicht besser beraten gewesen, die Bombe nicht erst im Prozess platzen zu lassen? Die Dynamik, die die scheibchenweise Enthüllung über mehrere Prozesstage hinweg in Gang setzte, hat maßgeblich dazu beigetragen, Hoeneß in der Öffentlichkeit nur noch immer weiter zu beschädigen.
Wie steht er denn da? Nun reduziert sich die Betrachtung seiner Person auf drei Ziffern: 2,7 und 2. 27,2 Millionen Euro. Und längst sind nicht alle Fragen beantwortet: Hatte Hoeneß seine Kollegen im Aufsichtsrat des FC Bayern über die neuen Dimensionen informiert? Im Vorstand der Allianz, die sich erst vor kurzem für 110 Millionen Euro Anteile beim deutschen Vorzeigeverein kaufte, sei mancher regelrecht vom Stuhl gefallen, als die Horror-Zahlen die Runde machten.
Und was wussten etwa die Herren Winterkorn (VW), Höttges (Deutsche Telekom) und Hainer (Adidas)? Sie haben sich vor Hoeneß gestellt, so lange es ging. Sie haben Ruf-Schäden für sich und ihre Unternehmen in Kauf genommen bei dem Bemühen, Hoeneß die Stange zu halten. Sie haben sich ein Gutachten besorgt zum Thema Corporate Governance, das ihnen korrektes Tun bescheinigte – geschenkt. Müssen nicht auch sie sich nun von Hoeneß getäuscht fühlen?

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  • Hoeneß stand am Pranger wie im Mittelalter
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