Ehe light boomt Die Heirat mit Kündigungsrecht ist auf dem Vormarsch

In Frankreich boomt sie, die Schweiz will sie: Der „Ehevertrag light“ ist als Alternative zur gesetzlich geschützten Ehe auch ein Thema in Deutschland. Die Vor- und Nachteile für deutsche Paare.

küssende Figuren Quelle: dpa

„Bis dass der Tod Euch scheidet“, sagt der Priester bei der Eheschließung in der Kirche. Mit großer Zeremonie, der Braut in Weiß und Sträußchen in der Hand, Trauzeugen, Eheringen und großer Gesellschaft im Kirchenschiff werden in Deutschland immer weniger Ehen geschlossen. Das Sakrament der Ehe ist in diesen Tagen vor allem etwas für Gläubige und Romantiker. Vereint vor Gott auf ewig – vielen Paaren ist das offenbar zu gewichtig und zu riskant. Wer weiß schon, ob sich dieses Versprechen bis zum Tod überhaupt halten lässt?

Die Realität sieht nämlich anders aus. Jede dritte Ehe wird geschieden. Viele verzichten ohnehin auf eine kirchliche Trauung und begnügen sich mit einem Termin auf dem Standesamt. Dort gibt es auch kein Ewigkeitsversprechen, schließlich sind Scheidungen kein Unrecht. Dennoch scheinen immer mehr Paare selbst von der standesamtlichen Hochzeit abzusehen und leben stattdessen in „wilder“ Ehe zusammen. Jedes dritte Neugeborene Kind ist unehelich. Seit den 70er Jahren sinkt die Zahl der Eheschließungen kontinuierlich.

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"Pacsen" ist enorm beliebt

Seit 1999 gehen die Franzosen einen anderen Weg mit einer Art „Ehe light“. Wer nicht heiraten will, kann sich mit Ausfüllen nur eines Formulars zum Paar erklären lassen, dass in Teilen wie ein klassisches, gesetzlich definiertes Ehepaar anerkannt und behandelt wird. Der zivilrechtliche Vertrag nennt sich "Pacte civil de solidarité", kurz Pacs. Und der Pacs ist bei den Franzosen enorm beliebt. Bereits vier von zehn der formal anerkannten Partnerschaften in Frankreich beruhen auf dem Pacs.

Seit Ende März wird nun in der Schweiz diskutiert, solch eine abspeckte Ehevariante auch den Eidgenossen zu ermöglichen. Das Argument: „Pacsen“ sei näher an der Lebenswirklichkeit als die klassische Eheschließung und würde der Tatsache Rechnung tragen, dass sich Paare nicht mehr unbedingt für den Rest ihres Lebens aneinander binden wollen. Die Schweizer Justizministerin Simonetta Sommaruga hält das Modell zumindest für prüfenswert. Denn die Zahl der heiratsunwilligen Paare nehme zu, die „Ehe light“ könne dabei helfen, die alltäglichen Anforderungen an das Zusammenleben zu vereinfachen.

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Ob es in Deutschland Vorteile gäbe ist unklar

Und prompt rief der Vorstoß auch in Deutschland Politiker auf den Plan, die das Modell als diskussionswürdig betrachten. Die Grünen in Hamburg wagten bereits 2011 einen Vorstoß, der aber seinerzeit im Sande verlief. "Das Bedürfnis nach solchen Formen des Zusammenlebens ist da“, wird die familienpolitische Sprecherin der Grünen Franziska Brantner nun zitiert. „Ein Zivilpakt ist eine sinnvolle Sache, die auch in Deutschland eine Erfolgsgeschichte wäre.“

Das aber ist noch nicht ausgemachte Sache. Braucht Deutschland wie unser europäischer Nachbar die „Ehe light“? Die Frage ist, ob ein Solidaritätsvertrag zwischen Lebenspartnern auch im deutschen Recht echte Vorteile bietet, die die Nachteile überwiegen. Nur dann hätte die „Ehe light“ auch in Deutschland eine Zukunft.

Andrea Fromherz, Fachanwältin für Familienrecht in der Sozietät Cavada Lüth & Partner in Bietigheim-Bissingen, ist mit Blick auf das Pacs-Modell skeptisch. „Rechtlich erschließt sich mir der Sinn nicht“, sagt sie. Unter dem Strich gebe es durch eine Ehe light kaum Vorteile, die sich nicht auch mit privaten Verträgen und Vollmachten regeln ließen.

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