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Einkommen Viele Deutsche verdienen besser, als sie glauben

Bin ich nun arm oder reich? Über Geld wird in Deutschland nicht gerne gesprochen Quelle: imago images

Geld hat für die Deutschen eine ganz besondere Bedeutung. Wichtig ist den meisten, sich zur Mittelschicht zu zählen – dabei gelten viel mehr Menschen als Top-Verdiener, als sie glauben.

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Die Deutschen und das Geld vereint eine sehr spezielle Beziehung. Sei es die manchmal nahezu obsessive Liebe zum Bargeld, wo andernorts nicht mal mehr kleine Münzen akzeptiert werden. Sei es der Arbeitsethos, der Leistung zur Maxime macht – und trotzdem verpönt, dass daraus gewonnene Geld zur Schau zu stellen. Auch deshalb, weil es hierzulande als unschicklich gilt, auch nur über Geld zu reden.

Das hat Folgen für die Gesellschaft als Ganzes. Weil „man“ nicht über Geld redet, weiß keiner, wo genau er sich im Einkommensspektrum der Bundesrepublik verorten soll. Das birgt die Gefahr, dass viele sich zu kurz gekommen fühlen, obwohl es ihnen in Wirklichkeit im Vergleich zu ihren Landsleuten ziemlich gut geht. Sie wissen es nur nicht. Darauf deutet auch eine neue Untersuchung des Wirtschaftsforschungsinstituts (IW) Köln hin.

In einer detailversessenen Studie haben die Forscher die Nettoeinkommen von 38.000 Deutschen in 14.000 Haushalten erfasst. Das vielleicht überraschendste Ergebnis: Schon ein Single, der 3440 Euro netto im Monat bekommt, darf sich zu den obersten zehn Prozent der Top-Verdiener in Deutschland zählen.

Dem steht eine völlig andere Selbstwahrnehmung gegenüber. Friedrich Merz ist nicht der einzige Millionär, der sich überzeugt zeigt, zur Mittelschicht zu gehören. In Umfragen orten sich zudem fast alle Befragten im mittleren Einkommensspektrum ein, kaum einer zählt sich auch nur zu den 20 Prozent der Top-Verdiener.

„Die Deutschen sind bei der Beurteilung der Einkommensverteilung eher pessimistisch eingestellt“, erläutert Maximilian Stockhausen, einer der Autoren der Studie. „Oftmals schätzen sie die Verteilung als zu ungleich ein.“

Und tatsächlich muten die Zahlen, die Stockhausen und seine Kollegin Judith Niehues herausgefunden haben, überraschend niedrig an. Mit einem Nettoeinkommen von knapp 1869 Euro steht ein Single demnach nicht auf Seiten der Geringverdiener, sondern exakt in der Mitte der deutschen Einkommensgesellschaft. Hier liegt nämlich das sogenannte Medianeinkommen, bei dem genau die Hälfte der Menschen mehr und die andere Hälfte weniger bekommt.

Interessant ist auch, die – übrigens 2016 erhobenen – Daten stärker im Detail zu durchforsten. Sie lassen sich nach allerlei soziodemografischen Merkmalen gegenüberstellen (wie Sie selbst es in der interaktiven Grafik unten tun können): Männer gegen Frauen, Stadt- gegen Landbevölkerung, Akademiker gegen Nicht-Studierte, Junge gegen Alte.

Dabei zeigt sich, dass die Angehörigen einiger Gruppen im Schnitt deutlich mehr Geld bekommen als andere. An der Spitze stehen die Akademiker: Studierte verdienen im Median 2541 Euro netto im Monat und damit mehr als drei Viertel aller Bundesbürger. Wer hingegen keinen Abschluss vorweisen kann, verdient im Mittel nur 1414 Euro netto, und damit wiederum weniger als drei Viertel aller Bundesbürger.

Diese Zahlen verdeutlichen auch: Einkommensstatistiken sind etwas höchst Relatives. Je nachdem, zu was das Einkommen in Bezug gesetzt wird, kann man sich auf dem oberen oder auf dem unteren Rand der Skala wiederfinden. Wer etwa das bundesweite Medieneinkommen von 1869 Euro verdient, wäre in der Vergleichsgruppe der Menschen ohne Abschluss ein Top-Verdiener. Bei den Akademikern hingegen fände er sich am unteren Rand wieder.

Die Frage nach der Einkommensgerechtigkeit ist also auch immer eine Frage nach den Vergleichswerten. Und hier muss eine weitere Finesse der IW-Studie beachtet werden: Sie erhebt nicht nur Gehälter aus Vollzeitjobs, sondern auch aus Teilzeit-Jobs, Altersbezügen oder Sozialtransfers. Dadurch fällt der Median automatisch niedriger aus.

Wer sich jedoch in der Gesellschaft verorten will, in seinem Freundeskreis, oder neudeutsch: seiner Peergroup, der vergleicht sich mit Menschen in einer ähnlichen Situation. Ein in Vollzeit Arbeitender mag sich für das vergleichbare Gehalt einer anderen Branche interessieren, es ist jedoch eine ganz andere Gerechtigkeitsfrage, ob er mehr Geld hat als ein Rentner.

Vergleicht man nur die Einkommen von Vollzeit-Arbeitenden, so beginnen die obersten zehn Prozent der Top-Verdiener erst bei einem Nettoeinkommen von 4068 Euro. Wer also die eingangs erwähnten 3440 Euro verdient, darf sich zwar im Vergleich zu allen anderen Deutschen zu den zehn Prozent der höchsten Einkommen zählen. Vergleicht er sich jedoch nur mit anderen Vollzeit-Arbeitenden, so rutscht er in die Top-17-Prozent.

Dieser Beitrag enthält eine interaktive Grafik. Sollte sie nicht korrekt dargestellt werden, klicken Sie bitte auf diesen Link.

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