Finanzskandal Der Hickhack bei Infinus geht weiter

Am Dienstag startet die nächste Runde im Hickhack zwischen dem Insolvenzverwalter der Dresdner Skandalfirma Infinus und zahlreichen Anleger-Anwälten. Es könnte der Auftakt zu einem Sitzungsmarathon werden.

Insgesamt sind von dem Finanzskandal um Infinus/Fubus rund 40.000 Anleger mit einem Gesamtschaden von über einer Milliarde Euro betroffen. Quelle: dpa

Wie geht es weiter bei Infinus? Nachdem im Mai eine erste Versammlung der Gläubiger der Dresdener Skandalfirma im Chaos endete, weil sich Anlegeranwälte, Insolvenzverwaltung und Gericht beharkten, stehen ab kommendem Dienstag die nächsten Termine an. Dann sollen die Gläubiger von 43 so genannten Oderschuldverschreibungsserien des Unternehmens die Möglichkeit erhalten, einen sogenannten Gemeinsamen Vertreter zu wählen, der im weiteren Verfahren ihre Interessen vertritt. Das dürfte allerdings erst der Anfang eines Sitzungsmarathons werden, bei dem insgesamt fast 5.000 Einzelversammlungen abgehalten werden könnten.

Der Hintergrund: Das Dresdner Amtsgericht hatte die Infinus-Gläubiger Mitte Mai zur Wahl eines gemeinsamen Vertreters für alle Infinus-Anleger in die Dresdner Messe geladen.  Dort stoppten Anleger-Anwälte das Verfahren mit Befangenheitsanträgen. Sie hatten ein Einladungsschreiben des Insolvenzverwalters Bruno Kübler an die Anleger als „manipulativ und missverständlich“ kritisiert, da darin nur ein Kandidat für den Vertreter-Posten aufgeführt worden war. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich auch nur ein Kandidat gemeldet, sagt ein Sprecher des Verwalters dazu.

Die größten Anlegerskandale
InfinusAnlagebetrug im großen Stil wird der Dresdener Finanzgruppe Infinus vorgeworfen. Das Unternehmen soll 25.000 Anleger um ihr Geld gebracht haben. Summe: 400 Millionen Euro. Acht Infinus-Mitarbeiter sollen so genannten Orderschuldverschreibungen mit falschen Angaben zum Vermögen und Erträgen von Emittenten ausgegeben haben, gegen sie ermittelt nun die Staatsanwaltschaft. Bild: Infinus Hauptsitz. Quelle: dpa
Ordnerschuldverschreibungen sind Wertpapiere, bei denen sich ein Schuldner verpflichtet, an einen namentlich genannten Gläubiger zu zahlen. Die Forderung ist übertragbar. Die Anlageform gilt als riskant, weil es kein Einlagesicherungssystem vorsieht, das die Anleger vor Totalverlust schützt. Nun prüft die Staatsanwaltschaft, ob es sich um ein Schneeballsystem gehandelt habe. Dabei werden Zahlungen an Anleger durch die Einlagen von Neukunden finanziert. Quelle: dpa
Infinus wurde 2002 in Dresden gegründet und wuchs seitdem rasant. Nach eigenen Angaben hat der Finanzdienstleister im vergangenen Jahr einen Umsatz von knapp 22 Millionen Euro erzielt - das entspricht einem Plus von 20 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Das verwaltete Vermögen stieg sogar um 47 Prozent auf 820 Millionen Euro, wie das Unternehmen mitteilte. Es ist nicht der einzige Finanzdienstleister, dem die Anleger misstrauen können… Bild: Firmensitz in Dresden. Quelle: dpa
S&KSaga und schreibe 85 Verdächtige und eine 20.000 Seiten dicke Verfahrensakte kann der durch eine bundesweite Großrazzia Februar 2013 bekannt gewordene Skandal um die S&K-Gruppe vorweisen. Die Frankfurter Immobiliengruppe könnte – ähnlich wie der Verdacht bei Infinus – die Anleger mittels eines Schneeball-Systems geprellt haben. Das Geld der Neuanleger sollen S&K-Mitarbeiter nicht investiert, sondern an alte Gläubiger ausgeschüttet haben. Der Schaden bewege sich in dreistelliger Millionenhöhe, schätzen Ermittler. Ob für die Investoren noch etwas zu holen ist, ist fraglich. Allerdings hat das zuständige Frankfurter Amtsgericht zumindest im Fall eines Privatanlegers entschieden, dass dieser mittels eines „Dinglichen Arrest“ in das von der Staatsanwaltschaft sichergestellte Vermögen hineinvollstrecken könne. Quelle: dpa
Eine Liste der beschlagnahmten Dinge ist im Bundesanzeiger veröffentlicht: Drei Rolex, Goldbaren, Motorräder – Die S&K-Chefs Jonas Köller und Stephan Schäfer waren nicht gerade für ihren bescheidenen Lebensstil bekannt. Für eine seiner Veranstaltungen mietete Köller gar einen Elefanten. Die Gelder der Anleger sollen die Firmenchefs laut Staatsanwaltschaft veruntreut haben, um ihren exzessiven Lebensstil zu finanzieren. Weniger glamourös ergeht es den beiden nun: Im September stürzte Stephan Schäfer mit Handschellen gefesselt aus dem ersten Stock im Gebäude des Frankfurter Landgerichts. Der 34-Jährige zog sich schwere Verletzungen zu. Foto: Stephan Schäfer und Jonas Köller mit Partygästen.
Wölbern InvestNoch vor wenigen Monaten galt Wölbern Invest vielen Anlegern noch als eine gute Adresse: Auf seiner Homepage verkaufte sich die Hamburger Gesellschaft als ein „traditionelles Emissionshaus“, das „konservativ kalkulierte geschlossene Fonds“ für Private Equity und Immobilien initiiere. 30 geschlossene Fonds verwaltet das Haus. Gegen den Geschäftsführer Heinrich Maria Schulte ermittelt nun die Hamburger Staatsanwaltschaft – wegen Untreue in mehr als 300 Fällen. Schulte soll 137 Millionen Euro an Anlegergeldern aus den Fonds abgezweigt haben. Bereits im April dieses Jahres wurde Schulte deswegen verhaftet. Zu den Vorwürfen wollte er sich nicht äußern. Foto: Heinrich Maria Schulte Inhaber und Geschäftsführer von Wölbern Quelle: Presse
WGF71 Millionen Euro Bilanzverlust zwangen die Düsseldorfer Immobilienfirma WGF 2012 in die Insolvenz. Ihre Immobilienkäufe und Projekte finanzierte das Unternehmen über Hypothekenanleihen. Zinsen: 6,35 Prozent Zinsen. Zwischen Dezember 2012 und Juli 2017 hätte die WGF Anleihen im Volumen von 194,9 Millionen Euro zurückzahlen müssen. Die spannende Frage vieler Anleger lautet nun, ob die Firma auch insolvent ihre Schulden bedienen kann. Die Insolvenz betreibt die Immobilienfirma in Eigenregie: Anders als bei der Regelinsolvenz bleibt der Vorstand im Amt. Zwischen ihm und den Anwälten der Gläubiger fliegen derzeit die Fetzen. Tritt ein Insolvenzplan in Kraft, können Anleger damit rechnen, zwischen 44 und 60 Prozent ihres Geldes zurückzubekommen. Wird dieser abgelehnt und die Gesellschaft zerschlagen, wären das rund 19 Prozent. Für Unmut sorgte auch die Erfolgsbeteiligung im Falle eines Insolvenzplans der des WGF-Vorstandschefs Bernd Deppin sowie des Beraters der Firma, Arno Hasenhorst. Bild: WGF-Vorstand Pino Sergio. Quelle: Presse
Windreich125 Millionen Euro hat der Stuttgarter Windpark-Entwickler Windreich über Mittelstandsanleihen von Privatanlegern eingesammelt. Als im September dieses Jahres das Insolvenzverfahren eröffnet wurde, schauten die Anleger in die Röhre. Das kam allerdings nicht ganz überraschend: Bereits einige Monate zuvor fuhr die Windreich-Anleihe einen turbulenten Kurs. Windreich ist nun ein Fall für Anlegeranwälte. Anleihezeichner haben vor dem Landgericht Regensburg eine Klage gegen die Bank J. Safra Sarasin eingereicht, weil sie sich schlecht über die Geschäftsaussichten informiert fühlten. Bild: Der Geschäftsführer der Windreich GmbH, Willi Balz. Quelle: dpa
Phoenix2005 erregte der Fall Phoenix großes Aufsehen in der deutschen Anlegerlandschaft. Der Frankfurter Hedge-Fonds soll 30 000 Anleger betrogen haben. Die Schadenssumme liegt bei weit mehr als 600 Millionen Euro. Gut zehn Jahre lang lockten die Phoenix-Manager ihre Kunden mit zweistelligen Renditen aus Börsenwetten auf Rohöl, Kaffee oder Aktienindizes. Was viele der Kunden nicht wussten: Auch Phoenix bediente sich eines Schneeballsystems, bei dem Neueinlagen den Altkunden als vermeintliche Gewinne präsentiert wurden. Die Opfer kämpfen nun seit Jahren um die Rückzahlung ihrer Gelder. Quelle: dpa
Göttinger GruppeBerühmt für ihre Betrug-Tricks wurde die Göttinger Gruppe. Sie hat stille Beteiligungen an Kleinsparer verkauft, Produkte des grauen Kapitalmarktes für die weder Banken- noch Börsenaufsicht zuständig sind. Mehr als eine Milliarde Euro flossen in das Schneeballsystem, schätzen Anlegeranwälte. 2007 reichten die Neueinlagen nicht mehr aus, um die Ausschüttungen an Altanleger zu bedienen. Seit Jahren versuchen Anlegeranwälte nun, wenigstens einen Teil ihres Geldes wieder zu bekommen. Meist ohne Erfolg: 90 Prozent des Geldes sollen laut dem Insolvenzverwalter der Gruppe weg sein. Quelle: dpa
Jürgen HarksenTraumhafte Renditen hatte Jürgen Harksen zwischen 1990 und 1992 seinen Anlegern versprochen: 1300 Prozent. Viele hat das zur Zahlung von Millionensummen an ihn veranlasst. Mit dem Geld finanzierte der 1960 in Flensburg geborene Harksen seinen aufwändigen Lebensstil. Zu den Opfern, die ihm in der Hoffnung auf Riesengewinn ihr Geld anvertrauten, gehörten mehrere Prominente und Unternehmer. Auch Pop-Produzent Dieter Bohlen investierte bei Harksen, allerdings kam es in dem Fall nicht zur Anklage. 2003 wurde Harksen verhaftet. Quelle: AP

Ob es bei dem Gezerre wirklich noch um die Interessen der Anleger geht, ist indes fraglich. Tatsächlich dürften eher die Angst um Honorare und Vergütungen die Posten-Schlacht befeuern. So gestaltet sich die Mandantengewinnung für Anleger-Anwälte deutlich zäher, sobald es einen gemeinsamen Vertreter gibt, der qua Amt die Interessen der Anleger vertreten soll.

Zugleich haben zuletzt etliche Anwälte und Berater den Job des Gemeinsamen Vertreters als lukratives Tätigkeitsfeld entdeckt. „Bei der Höhe der Vergütung bleibt das Schuldverschreibungsgesetz vage und spricht nur allgemein von einer angemessenen Vergütung“, sagt der Rechtsanwalt und Sanierungsexperte Andreas Ziegenhagen, European Head der Praxisgruppe Restrukturierung von Dentons. „Das Interesse vieler Kandidaten für den Posten zeigt aber, dass es sich bei größeren Anlagesummen und einer Vielzahl von Anlegern um eine durchaus lukrative Tätigkeit für den gemeinsamen Vertreter handeln kann, wobei sich der Aufwand im Rahmen eines Abwicklungsverfahrens eher in Grenzen hält."

Die Folge des Hickhacks: Es droht ein Mammutverfahren. Weil die Infinus-Orderschuldverschreibungen in diversen Tranchen aufgelegt wurden, könnten bis zu 4.852 Einzelversammlungen nötig sein, bei denen die jeweiligen Anleger separat einen gemeinsamen Vertreter bestimmen.

„Besonders praktisch ist die Aufspaltung in fast 5.000 Einzelversammlungen sicherlich für niemanden“, so Ziegenhagen.  „Das Gericht will offenbar auf Nummer sicher gehen und keine Anfechtungen oder Klagen riskieren", vermutet der Experte. Die Frage sei, ob in dem Verfahren überhaupt ein gemeinsamer Vertreter gebraucht werde. Sinnvoll sei dessen Wahl  vor allem in Fällen, bei denen die Interessen von Anlegern gebündelt werden sollten, um bei Verhandlungen mit anderen Gläubigergruppen über einen Insolvenzplan nicht ausgebootet zu werden. „Bei Infinus gehe ich eher von einer Vollabwicklung im Rahmen eines Regelinsolvenzverfahrens aus", argumentiert Ziegenhagen.

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Kernaufgabe des gemeinsamen Vertreters dürfte bei Infinus demnach lediglich das Forderungsmanagement sein. Vor allem für den Verwalter bedeutet das in der Regel eine erhebliche Entlastung. Statt Tausende Einzelforderungen von Kleininvestoren zu bearbeiten und zu prüfen, werden ihm die Forderungen gebündelt präsentiert. „Durch die Splittung in Hunderte Tranchen wird dieser Vorteil zumindest abgeschwächt", sagt Ziegenhagen. Insgesamt sind von dem Finanzskandal um Infinus/Fubus rund 40.000 Anleger mit einem Gesamtschaden von über einer Milliarde Euro betroffen.

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