FlowTex Milliardenbetrug beschäftigt Schweizer Gericht

Der Ex-Chef der Firma FlowTex muss sich bald auch vor dem Schweizer Gericht verantworten. Es geht um Veruntreuung, Geldwäscherei und Steuerbetrug in Millionenhöhe. Schmider hatte gerade erst eine Haftstrafe abgesessen.

Der Ex-Chef der Firma FlowTex, Manfred Schmider, muss sich bald vor dem Gericht in der Schweiz verantworten. Quelle: dpa/dpaweb

Einer der spektakulärsten Fälle von Wirtschaftskriminalität in der deutschen Geschichte bekommt in der Schweiz ein juristisches Nachspiel: Der vom Mannheimer Landgericht wegen Milliardenbetrugs zu elfeinhalb Jahren Haft verurteilte Ex-Chef der Firma Flowtex, Manfred Schmider, und vier weitere Angeklagte müssen sich vom 5. Oktober an vor dem Bezirksgericht Frauenfeld verantworten. Von den elfeinhalb Jahren Haft saß Schmider zwei Drittel ab, der Rest wurde 2007 zur Bewährung ausgesetzt.

In der Schweiz wird den Beschuldigten nun Veruntreuung, Geldwäscherei, Betrug und Steuerbetrug in Millionenhöhe vorgeworfen, wie eine Justizsprecherin erklärte. Sie bestätigte entsprechende Berichte der „Süddeutschen Zeitung“ sowie der Schweizer „Sonntagszeitung“.

Wenn aus Pleiten Kriminalfälle werden
TeldafaxDie Insolvenz von Flextrom weckt Erinnerungen an Teldafax. Das Unternehmen, ebenfalls Stromanabieter, das auf Vorkasse setzte, war Im Sommer 2011 pleite gegangen. Viele Kunden hatten für ihren Strom Vorauszahlungen an Teldafax geleistet, für die sie nach der Pleite keine Gegenleistung mehr erhielten. Nun müssen sich drei frühere Vorstände des Stromdiscounters wegen Insolvenzverschleppung und Betrugs vor Gericht verantworten. Nach 18 Monate dauernden Ermittlungen hat die Staatsanwaltschaft Bonn im Februar Anklage erhoben. Quelle: dpa
Jürgen SchneiderZu den wohl bekanntesten deutschen Kriminalinsolvenzen zählt der Fall des Baulöwen Jürgen Schneider. Er besaß Dutzende teils historische Immobilien, darunter die Mädlerpassage in Leipzig, die Zeilgalerie in Frankfurt oder das Bernheimer-Palais in München. Doch er hatte sein Imperium auf einem gigantischen Schuldenberg errichtet. 5,4 Milliarden Mark hatten im Banken geliehen. Erst als sein Firmenkonglomerat 1994 kollabierte, wurde offenbar, dass sich Schneider die Kredite teils mit falschen Angaben erschwindelt hatte. Die Banken hatten seine Aussagen oft ungeprüft geglaubt. Nach spektakulärer Flucht und Ergreifung wurde der ehemalige zu knapp sieben Jahren Haft verurteilt. Quelle: AP
BelugaAuch der Schiffbruch der Beluga-Reederei im Jahr 2011 hat ein juristisches Nachspiel. Die Staatsanwaltschaft Bremen erhob im Februar Anklage gegen Niels Stolberg wegen Kreditbetruges in mehreren Fällen. Dem Reederei-Gründer wird vorgeworfen, zwischen 2006 und 2010 bei Schiffsneubaufinanzierungen die kreditgebenden Banken belogen zu haben. Stolbergs Sprecher verwies in der Vergangenheit darauf, dass es fraglich sei, ob den Banken ein Schaden entstanden sei, Stolberg habe sich nicht persönlich bereichert. Quelle: dpa
FlowtexÜber die skandalumwitterte Ettlinger Bohrtechnik-Firma Flow-Tex wurde beim Amtsgericht Karlsruhe das Insolvenzverfahren geführt. Flowtex hatte im großen Stil Erd-Bohrgeräte vermietet, die gar nicht existierten. Die Geschäftsführer des Unternehmens, Manfred Schmider und Klaus Kleiser, wurden daher im Februar wegen des Verdachts auf Betrug, Kapitalanlagebetrugs und Steuerhinterziehung verhaftet. Die Gläubiger der Schwindelfirma, bei der sogar die Zahl der Beschäftigten gefälscht war, wurden angeblich um 2,5 Milliarden DM geprellt. Quelle: AP
HessDie börsennotierte Leuchtenfirma meldete Mitte Januar Insolvenz an und schnell geriet die Pleite zum Bilanzskandal. Die Staatsanwaltschaft Mannheim ermittelt wegen des Verdachts auf Betrug und Bilanzmanipulation gegen 15 Personen, darunter auch Geschäftspartner, die mutmaßliche Scheinrechnungen geschrieben haben sollen. Bislang weisen die beiden Hauptbeschuldigten, darunter der entlassene Vorstandschef und der Ex-Finanzvorstand, die Vorwürfe zurück. Quelle: dpa
Phoenix KapitaldienstVon 1992 an hatte der Finanzvertrieb Phoenix Kapitaldienst seinen Kunden Spekulationen auf den Terminmärkten angeboten. Das so eingesammelte Geld sollte in einem speziellen Produkt, dem „Phoenix Managed Account", angelegt werden. Das Geld der Kunden wurde angeblich bei dem Londoner Broker Man Financial verbucht. Doch das angebliche Konto dort gab es nie. Dennoch wies das Unternehmen phantastische Renditen teilweise von mehr als 20 Prozent pro Jahr aus. Spätestens ab 1994 sollen die Angaben reine Illusion gewesen sein. Im März 2005 brach das System zusammen, die Gesellschaft meldete Insolvenz an. Die Geschäftsführerin kam im Juni 2005 in Untersuchungshaft und wurde später wegen Untreue zu einer Haftstrafe von zwei Jahren und drei Monaten verurteilt. Quelle: dpa/dpaweb
SchleckerAuch die Schlecker-Pleite hat ein juristisches Nachspiel. Die Staatsanwaltschaft Stuttgart hat ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts auf Untreue, Insolvenzverschleppung und Bankrott gegen den früheren Drogeriepatriarchen Anton Schlecker und 13 weitere Beschuldigte eingeleitet. Ermittler durchsuchten im vergangen Jahr Wohnungen und Büros und stellten umfangreiche Unterlagen und Dateien sicher. Ob das für eine Anklage reicht, bleibt abzuwarten. Quelle: dapd
Bremer VulkanDie einstmals größte Werftengruppe der Republik meldet 1996 Konkurs an. Die Veruntreuung von 850 Millionen Mark EU-Fördergeld war Gegenstand anschließender Strafrechtsprozesse gegen die Vorstände der Vulkan AG. Die Subventionen, die eigentlich für die ostdeutschen Tochterwerfen vorgesehen waren, waren in die Zentrale nach Bremen umgeleitet worden, um damit andere Löcher zu stopfen. Im Januar 2010 wurde das Kernverfahren, das bis zum Bundesgerichtshof ging, ohne Urteil eingestellt. Quelle: AP

Schmider, der sich einst als „Big Manni“ in Baden-Württemberg guter Beziehungen zur Politik erfreute, soll laut Staatsanwaltschaft des Kantons Thurgau mit Hilfe Schweizer Finanzinstitute Vermögenswerte veruntreut und so der Flowtex-Insolvenzmasse in Deutschland entzogen haben. Werte in zweistelliger Millionenhöhe wurden beschlagnahmt.

Flowtex hatte sich im Jahr 2000 als gigantische Betrugsmaschine entpuppt. Über die Firma „verkaufte“ Schmider Spezialbohrgeräte, von denen die meisten gar nicht existierten. Der Schaden belief sich auf 2,6 Milliarden Euro.

Große Teile des erschwindelten Vermögens hatte „Big Manni“ laut Anklage in der Schweiz angelegt. Dazu gehörten unter anderem eine Villa in St. Moritz, vier Bilder von Marc Chagall, ein hochkarätiger Diamant und weitere Edelsteine. Die Vermögenswerte seien mit Geld aus Milliardenbetrügereien in Deutschland angeschafft worden.

Mit Hilfe von Komplizen habe Schmider die Schweizer Besitztümer mehrere Jahre nachdem der Flowtex-Betrug in Deutschland aufgeflogen war flüssig gemacht, wie aus den Gerichtsunterlagen hervorgeht. Die Erlöse seien veruntreut und versteckt worden. Zumindest einen Teil dieser Flowtex-Vermögenswerte haben Schweizer Ermittler jedoch sicherstellen können. „Im Rahmen des Strafverfahrens wurden Vermögenswerte in zweistelligem Millionenbetrag beschlagnahmt“, wie es in einer Mitteilung des Gerichts heißt.

Nach Recherchen der „Süddeutschen Zeitung“ und der „Sonntagszeitung“ hatte ein Rechtshilfeersuchen aus Deutschland die Ermittlungen in der Eidgenossenschaft ausgelöst. Dabei seien die Schweizer Behörden darauf gestoßen, dass die Ex-Frau von Schmider inzwischen in der Schweiz lebt und „dort mit viel Geld hantiert“. Sie gehört jetzt neben zwei weiteren Familienmitgliedern und einem Anwalt zu den Angeklagten.

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