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Heizkosten mit CO2-Aufschlag Mietern drohen ab 2021 Mehrkosten fürs Heizen

Heizkosten: Ab 2021 kommt der Preis für das ausgestoßene CO2 noch oben drauf. Nach jetziger Regelung können Vermieter die Mehrkosten komplett auf die Mieter abwälzen. Quelle: imago images

Ab 2021 gelten die neuen CO2-Abgaben auch für das Beheizen privaten Wohnraums. Wenn die Bundesregierung nicht handelt, müssen Mieter mit deutlich höheren Nebenkosten rechnen. Vermieter müssten sich nicht beteiligen.

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Im Mai 2020 verkündeten Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier und Bundesumweltministerin Svenja Schulze mit einer gewissen Genugtuung, dass sich die Regierung im Rahmen ihres Klimaschutzprogramms 2030 auf einen höheren Preis für den Ausstoß von Kohlendioxid geeinigt habe, Stromverbraucher und Fernpendler aber im Gegenzug mit den Einnahmen aus der CO2-Abgabe bei der EEG-Umlage entlastet würden. Schulze sagte dazu: „Die Beschlüsse zeigen: Es ist möglich, Klimaschutz und soziale Gerechtigkeit zusammenzubringen.“ Die zusätzlichen Einnahmen aus dem CO2-Emissionshandel würden „in voller Höhe für die Entlastung von Haushalten und Unternehmen über die Stromrechnung verwendet.“ Damit werde auch ein finanzieller Anreiz geschaffen, beim Autokauf oder Heizungstausch eine klimafreundlichere Variante zu wählen.

Bislang haben die getroffenen Regelungen aber einen gewaltigen Schönheitsfehler: Wer zur Miete wohnt, hat keinerlei Einfluss auf die im Gebäude zum Einsatz kommende Heiztechnik. Und nach bestehender Heizkosten- und Betriebskostenverordnung können Vermieter die ab 2021 zu zahlenden CO2-Abgaben komplett über die Nebenkostenabrechnung an die Mieter weitergeben. Da der Energieaufwand für die Beheizung einer Wohnung den durchschnittlichen Stromverbrauch um ein Vielfaches übersteigt, hat die Regierung lediglich den kleineren Kostenblock sozialverträglich gestaltet.

Womit in anderen Ländern geheizt wird
In Deutschlands Privathaushalten entstehen nach jüngsten Berechnungen 17 Prozent des klimaschädlichen Kohlendioxids, das hierzulande in die Umwelt entlassen wird. Die Heizung in privaten Haushalten ist dabei für rund ein Drittel dieses Anteils verantwortlich. Dabei wäre der CO2-Ausstoß von Heizungsanlagen deutlich niedriger, wenn statt Öl, Gas oder Kohle andere Energieträger für die Wärmeerzeugung genutzt würden. Unser Vergleich zeigt: Das Potenzial zur CO2-Einsparung ist nicht nur in Deutschland enorm. Einige Länder könnten hier weit mehr erreichen, andere sind schon bedeutend weiter. Ein Blick in die Heizgewohnheiten unserer europäischen Nachbarn und der großen Volkswirtschaften. Quelle: imago images
EUEiner Analyse der EU-Statistikbehörde Eurostat zufolge entfallen 64,1 Prozent des Energieverbrauchs in den privaten Haushalten der 28 EU-Länder auf die Raumheizung, weitere 14,8 Prozent auf die Warmwasser-Erzeugung. Somit verwenden EU-Haushalte fast vier Fünftel ihres Gesamtenergiebedarfs für die Wärmeerzeugung. Für die Vermeidung klimaschädlicher Abgase hat die Energiepolitik hier also einen großen Hebel.
DeutschlandIn Deutschland wird in den Häusern und Wohnungen weit überwiegend mit Gas geheizt. Fast die Hälfte des Energiebedarfs für Heizung und Warmwasser entfällt auf den fossilen Brennstoff. Nach Eurostat-Daten von 2017 wird der Heizenergiebedarf zu 46,2 Prozent mit Gas gedeckt. 25,9 Prozent der Heizenergie stammen noch aus der Verbrennung von Öl. Fernwärme steuert 10,9 Prozent bei, 13,9 Prozent kommen aus erneuerbaren Energieträgern und der Müllverbrennung. Der Anteil von Strom und Festbrennstoffen wie Kohle fürs Heizen liegt jeweils unter zwei Prozent. Quelle: imago images
Großbritannien, Slowakei, ItalienAbgesehen von den Niederlanden ist in der EU der Gasanteil beim Heizen vor allem in Großbritannien (74,5 Prozent), Slowakei (64,5 Prozent) und Italien (59,8 Prozent) hoch. Die Slowakei ist auch in der Abwärmenutzung relativ stark (26 Prozent), in Italien ergänzen die erneuerbaren Energieträger inklusive Müllverbrennung (29 Prozent) die Gasheizung. Quelle: imago images
NiederlandeBesonders spannend ist die Entwicklung in den Niederlanden. Dort erzeugt Gas 86,7 Prozent der benötigten Heizenergie im Wohnbereich. Bei der Warmwassererzeugung liegt der Anteil noch etwas höher. 95 Prozent der holländischen Haushalte sind an das Gasnetz angeschlossen. Aber schon seit Sommer 2018 ist in den Niederlanden der Einbau einer Gasheizung in Neubauten verboten. Wärmepumpen, Abwärme – etwa von Industrieanlagen über das Fernwärmenetz – sowie Geothermie sollen als Alternative dienen, die Wärmepumpen sollen möglichst mit Solarstrom vom Hausdach betrieben werden. Erneuerbare Energien steuerten 2017 erst 7,5 Prozent zur Heizenergie bei. Proteste nach einem Erdbeben im Raum Groningen hatten die Energiewende beschleunigt. Das Beben der Stärke 3,4 wurde auf die intensive Gasförderung in der Region zurückgeführt. (Im Bild Proteste gegen die Gasförderung 2018.) Quelle: imago images
PolenDas andere Extrem ist in Polen zu beobachten. Bei unserem östlichen Nachbarn spielt die Kohleheizung nach wie vor die zentrale Rolle. 44,6 Prozent der benötigten Heizenergie kommt aus Kohle und anderen Festbrennstoffen. Der übrige Wärmebedarf wird von Abwärme, Gas und erneuerbaren Energieträgern sowie der Müllverbrennung beigesteuert. Im Winter kämpfen viele polnische Städte mit Smog und Feinstaub. Quelle: imago images
Portugal, Kroatien und SlowenienIn elf der 28 EU-Staaten heizen die Bürger ihre Wohnungen überwiegend mit erneuerbaren Energien. Den höchsten Anteil im EU-Vergleich erreicht Portugal mit 73,3 Prozent, gefolgt von Kroatien (64,5 Prozent) und Slowenien (59,1 Prozent). Allen drei Ländern gelingt dies vor allem durch Nutzung von Wasserkraft aus Stauseen und Talsperren, der restliche Heizenergiebedarf wird mit Strom (Portugal: 18 Prozent), Gas (Kroatien: 21 Prozent) oder Öl (Slowenien: 15 Prozent) gedeckt. Die Länder setzen aber auch zunehmend auf Windenergie und Solarkraft. Quelle: imago images

Auf diese Fehlentwicklung weisen Deutscher Mieterbund und Deutsche Umwelthilfe hin. Ihre Befürchtung: Einkommensschwache Haushalte würden ab 2021 noch stärker belastet. „Die Mehrkosten können bereits im kommenden Jahr bei einer durchschnittlichen Wohnung zwischen 25 und 125 Euro betragen. Gerade in den Städten und Ballungszentren sind die Belastungsgrenzen der Mieterinnen und Mieter erreicht, beziehungsweise in den unteren Einkommensgruppen bereits deutlich überschritten“, sagt Melanie Weber-Moritz, Bundesdirektorin beim Deutschen Mieterbund.

Wenn es bei der aktuellen Regelung bleibt, werden die Mehrkosten durch die CO2-Abgabe mit den Jahren weiter steigen. Für den Ausstoß einer Tonne CO2 werden ab 2021 zunächst 25 Euro fällig, dann steigt der Preis dafür bis 2025 in jährlichen Schritten bis auf 55 Euro je Tonne – also auf mehr als das Doppelte. Die Idee, dass der steigende CO2-Preis immer mehr Immobilieneigentümer dazu bringt, alte Heizungsanlagen gegen moderne, klimafreundliche Heiztechnik zu ersetzen, funktioniert grundsätzlich. Laut einem Bericht des Handelsblatts haben die Anträge auf Fördermittel für den Heizungstausch massiv zugenommen. Auch Vermieter profitieren von der staatlichen Förderung, müssen die laufenden CO2-Mehrkosten allerdings nicht selbst tragen.

Die Verbände fordern die Bundesregierung nun dazu auf, insbesondere im Zusammenhang mit der Coronapandemie jegliche Kostensteigerung für einkommensschwache Mieterhaushalte zu vermeiden und die Mieterinnen und Mieter vollständig von der CO2-Bepreisung zu entlasten. Das ließe sich durch eine einfache Änderung der Heizkosten- und Betriebskostenverordnung problemlos erreichen. Bislang läge lediglich ein Vorschlag vor, die CO2-Mehrkosten hälftig auf Mieter und Vermieter zu verteilen.


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Die stellvertretende Bundesgeschäftsführerin der Deutschen Umwelthilfe wies darauf hin, dass Mieterhaushalte keinen Einfluss auf den energetischen Zustand des Gebäudes hätten. „Wenn sie den CO2-Preis zahlen müssen, wird im Gebäudesektor keine Lenkungswirkung erzielt“, betonte sie. Das konterkariere die Klimaziele im Gebäudesektor. Mieter hätten, so Weber-Moritz, kaum Spielraum, um durch Verhaltensänderungen den CO2-Preis auszugleichen. Schon jetzt sind nach Angaben des Mieterbunds die Heizkosten in einem energetischen schlechteren Haus im Schnitt mehr als doppelt so hoch wie in einem sanierten Haus.

Mehr zum Thema: Ab 2026 dürfen keine neuen Ölheizungen eingebaut werden. Welche Alternativen sind ökologisch und trotzdem ökonomisch?

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