Hoeneß-Prozess Der FC Bayern hat sich vom Übervater Hoeneß emanzipiert

Weniger Bayernfans als erwartet waren dabei, als Uli Hoeneß das Gericht verließ. Was das Urteil für den Verein bedeutet und warum der Erfolgsclub auch ohne seinen langjährigen Frontmann Hoeneß funktioniert.

So reagieren die Deutschen auf das Hoeneß-Urteil
Der FC Bayern München wird sich zum Urteil gegen Präsident Uli Hoeneß nicht äußern. Laut Mediendirektor Markus Hörwick vom Donnerstag ist dagegen eine kurze schriftliche Erklärung des Aufsichtsrates im Laufe des Tages zu erwarten. Präsident und Aufsichtsratschef Hoeneß wurde zu einer Haftstrafe von drei Jahren und sechs Monaten verurteilt. Das Landgericht München sprach den 62-Jährigen am Donnerstag wegen Steuerhinterziehung schuldig. Quelle: dpa
Ligapräsident Reinhard Rauball hat sich zurückhaltend zum Urteil gegen Uli Hoeneß geäußert, aber an dessen Verdienste für den deutschen Fußball erinnert. „Das Gericht hat das Urteil nach einem gründlichen rechtsstaatlichen Verfahren gefällt. Angesichts des Strafrahmens des Gesetzes war eine derart harte Sanktion nicht ausgeschlossen“, sagte der Präsident von Borussia Dortmund in einer von der Deutschen Fußball Liga (DFL) übermittelten Stellungnahme. „Die Verdienste von Uli Hoeneß um den deutschen Fußball bleiben trotz seines von ihm selbst eingestandenen Fehlverhaltens unberührt.“ Der Rechtsweg erlaube es, dass das Urteil mit der Revision zum Bundesgerichtshof angegriffen werden kann. „Im Übrigen liegt es ausschließlich bei den Verantwortlichen des FC Bayern München, die Thematik mit Blick auf den Club zu bewerten und damit umzugehen“, so Rauball weiter. Quelle: REUTERS
Der Deutsche Fußball-Bund hält sich mit einer öffentlichen Bewertung des Urteils im Steuerprozess gegen Uli Hoeneß zurück. „Die Dimension des gesamten Vorgangs, wie er in den letzten Tagen publik wurde, hat auch uns als DFB überrascht“, sagte DFB-Präsident Wolfgang Niersbach am Donnerstag und betonte: „Die großen Verdienste von Uli Hoeneß für Bayern München und den gesamten deutschen Fußball bleiben unabhängig von diesem Prozess bestehen. Die juristische Beurteilung können in einem solchen Fall aber ausschließlich die Gerichte vornehmen, und da muss für Uli Hoeneß das gleiche Recht wie für jeden anderen gelten.“ Quelle: dpa
"Mir tut es unendlich leid für Uli. Ich bin sehr erschrocken über die Vorstellung, dass Uli für seinen Fehler so heftig büßen muss. Ich bin sehr traurig", sagte Heribert Bruchhagen, Vorstandsboss des Fußball-Bundesligisten Eintracht Frankfurt (rechts im Bild). Quelle: dpa
Der Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV), Clemens Prokop (Mitte), kann als Jurist und Direktor des Amtsgerichts Regensburg das Urteil gegen Uli Hoeneß nachvollziehen: „Angesichts der im Raum stehenden Höhe der hinterzogenen Steuern ist das Urteil nicht überraschend. Eine Haftstrafe, die auf Bewährung ausgesetzt wird, war von Tag zu Tag unwahrscheinlicher geworden“, sagte Prokop der Nachrichtenagentur dpa. Der Präsident des FC Bayern München Hoeneß war zuvor vom Münchner Landgericht wegen Steuerhinterziehung zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren und sechs Monaten verurteilt worden. Quelle: dpa
Ex-Nationalspieler Christoph Metzelder twitterte: „Jetzt, da Justitia gesprochen hat, könnte die Häme aufhören!“ Quelle: AP
Der dreimalige Wimbledonsieger und Bayern-Fan Boris Becker schrieb in dem Kurznachrichtendienst: „Ich bin einfach nur traurig für den Mensch Uli #Hoeness !“ Quelle: AP
Carl-Edgar Jarchow, Vorstandschef des Hamburger SV, sagte: „Ich bin kein Jurist und kann das alles nicht beurteilen. Aber ich könnte mir schon vorstellen, dass bei ihm Erleichterung aufkommen wird, das alles überstanden zu haben.“ Schadenfreude komme bei ihm ganz und gar nicht auf, so der FDP-Politiker. Quelle: dpa
Nach der Verurteilung von Uli Hoeneß wegen Steuerhinterziehung fordern Aktionärsschützer den sofortigen Rücktritt des Fußballmanagers als Präsident des FC Bayern. „Das Urteil zeigt, wie überfällig die Entscheidung bereits ist“, sagte der Sprecher der Deutschen Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz (DSW), Jürgen Kurz. „Für die im Aufsichtsrat des FC Bayern engagierten Unternehmen kann es jetzt eigentlich kein ,Weiter so' mehr geben.“ Bereits mit der Zulassung des Strafverfahrens durch das Gericht wäre eigentlich ein Rücktritt angesagt gewesen, sagte der Aktionärsschützer. Der frühere Postchef Klaus Zumwinkel sei bereits vier Tage nach den bloßen Medienberichten über ein Steuer-Ermittlungsverfahren gegen ihn zurückgetreten. Quelle: dpa
Michael Weber-Blank Quelle: Presse
Nach Einschätzung des Parlamentarischen Staatssekretärs im Bundesfinanzministerium, Michael Meister (CDU), wird sich der Richterspruch positiv auf die Steuermoral in Deutschland auswirken. „Das Urteil gegen Hoeneß wird die Steuermoral der Bürger stärken. Es zeigt, dass es sich nicht lohnt, Steuern zu hinterziehen“, sagte er der „Rheinischen Post“. Quelle: dapd
Niedersachsens Finanzminister Peter-Jürgen Schneider (SPD) bezeichnete die Haftstrafe für Hoeneß als angemessen. „Der Rechtsstaat hat gezeigt, dass er sich nicht vom Promistatus beeinflussen lässt, sondern der Schwere des Falles entsprechend entschieden worden ist“, sagte Schneider der dpa in Hannover. Quelle: dpa
Sein nordrhein-westfälischer Ressortkollege Norbert Walter-Borjans (SPD) nannte das Urteil „ein unüberhörbares Signal an alle, die meinen, dass die Mitfinanzierung unseres Gemeinwesens in ihrem eigen Belieben steht“. Für Schadenfreude gebe es aber keinen Anlass. Quelle: dpa
Die Vorsitzende des Bundestags-Rechtsausschusses, Renate Künast, hält das Urteil im Steuerprozess gegen Uli Hoeneß für richtig. „Die Haftstrafe ohne Bewährung war unausweichlich. Angesichts der riesigen Summen konnte das Gericht nicht anders entscheiden“, sagte die Grünen-Politikerin am Donnerstag. Der Präsident des FC Bayern München war zuvor vom Münchner Landgericht wegen Steuerhinterziehung zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren und sechs Monaten verurteilt worden. „Vor dem Gesetz sind alle gleich. Trotz des ungeheuren Rummels, das Gericht hat seine Aufgabe im Rechtsstaat erfüllt“, sagte Künast Quelle: dpa
Auch der Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag, Toni Hofreiter, hat das Urteil gegen Uli Hoeneß begrüßt. "Ich halte es für absolut richtig, dass das Urteil so gefallen ist. Es gab weder einen Promi-Bonus noch einen Promi-Malus für Hoeneß", sagte Hofreiter der in Düsseldorf erscheinenden "Rheinischen Post". "27 Millionen Euro zu hinterziehen ist kein Kavaliersdelikt", sagte Hofreiter. "Hoeneß wird als Bayern-Präsident jetzt zurücktreten müssen", sagte der Grünen-Politiker. Es sei zudem richtig gewesen, dass SPD und Grüne in den Ländern das Steuerabkommen mit der Schweiz verhindert hätten. "Mit dem Steuerabkommen wäre der Fall Hoeneß nie aufgeflogen", sagte Hofreiter. Quelle: dpa
Der schleswig-holsteinische SPD-Fraktions- und Parteivorsitzende Ralf Stegner äußert sich über den Richterspruch zufrieden. "Das Urteil aus München wirkt gerecht, weil es um erhebliche Kriminalität gegen das Gemeinwesen geht und Tat nicht strittig ist", erklärt er auf Twitter. Quelle: dpa
"Das ist ein guter Tag für den Rechtsstaat. Uli Hoeneß' Mannschaft sitzt aber nicht in der Allianz-Arena, sondern auf der Regierungsbank", erklärt Sahra Wagenknecht anlässlich der Haftstrafe für den Präsidenten des FC Bayern München und Aufsichtsratsvorsitzenden der FC Bayern München AG wegen Steuerhinterziehung. Die Erste stellvertretende Vorsitzende der Fraktion DIE LINKE weiter: "Hoeneß hat mit der Hinterziehung von über 27 Millionen Euro Steuern und einer fehlerhaften Selbstanzeige kriminelle Energie gezeigt. Es hätte das Rechtsempfinden der Bevölkerung erheblich verletzt, wenn die großen Fische immer davon kommen, während kleinen Selbständigen wegen einer verspäteten Umsatzsteuerklärung saftige Strafen drohen." Quelle: dpa
SPD-Finanz- und Steuerexperte Joachim Poß hat die Strafe gegen den Bayern-Präsidenten Uli Hoeneß als ein „Urteil mit Augenmaß“ beurteilt. „Das Urteil nimmt, glaube ich, das Rechtsempfinden der Menschen ernst“, sagte Poß im Fernsehsender Phoenix in einer ersten Reaktion auf das Urteil gegen Aufsichtsratschef des FC Bayern München. Poß plädierte zugleich dafür, weiterhin Steuer-CDs anzukaufen. Quelle: dpa/dpaweb
Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) verwies auf die menschliche Dimension der Verurteilung. „Ich bin zuallererst menschlich betroffen, weil eine Freiheitsstrafe natürlich für jeden Menschen, und damit auch für Uli Hoeneß, ein gravierender Eingriff ist“, sagte Seehofer am Rande der Ministerpräsidentenkonferenz in Berlin. Als Politiker und Ministerpräsident habe er das Ergebnis eines rechtsstaatlichen Prozesses zu respektieren. Quelle: dpa

Uli Hoeneß schüttelte sauer den hochroten Kopf. „Steht auf, wenn ihr Steuern zahlt!“, brüllten die Anhänger von Borussia Mönchengladbach in die ausverkaufte Allianz-Arena beim Spiel gegen den amtierenden deutschen Fußballmeister. Kapitän Philipp Lahm und seine Mitspieler nahmen's gelassen und schickten die Gegner samt angereister Spötter mit 3:1 zurück an den Niederrhein.

Unter ähnlichen Vorzeichen wie der Saisonstart vor gut einem halben Jahr begann am 10. März das Strafverfahren vor der Wirtschaftskammer des Münchner Landgerichts gegen den Bayern-Präsidenten wegen Steuerhinterziehung. Jetzt ist das Urteil da: Drei Jahre und sechs Monate Haft für den Bayern-Chef. Sein Anwalt ging in Revision, demnächst muss also der Bundesgerichtshof (BGH) über das Schicksal von Uli Hoeneß entscheiden. Doch wie auch immer das Urteil des BGH ausfallen wird: Der Medienlärm wird dem erfolgreichsten deutschen Fußballverein vermutlich so wenig anhaben wie der damalige Hohn von den Rängen.

„Hoeneß ist zwar eine zentrale Figur für den FC Bayern“, sagt Philipp Kupfer, Marketingexperte beim Kölner Sportberatungsunternehmen Repucom, „aber Fans und Vertragspartner unterscheiden sehr klar zwischen Privatperson und Verein.“ So habe die positive Entwicklung der Imagewerte dank der sportlichen Erfolge nicht unter der Affäre gelitten. Tatsächlich ist dem Club im Windschatten der Steueraffäre in den vergangenen Monaten etwas gelungen, was die breite Öffentlichkeit kaum gemerkt hat: ein glatter Generationswechsel an der Spitze. Damit hat der Club auch einer Verurteilung vorgebaut, durch die sein Präsident möglicherweise nicht mehr haltbar wäre. „Der FC Bayern hat sich so professionell aufgestellt, dass der Verein mittlerweile auch unabhängiger von Hoeneß funktioniert“, sagt Berater Kupfer.

Büro in New York

Kümmerten sich bis vor Kurzem mit Karl-Heinz Rummenigge, Finanzchef Karl Hopfner und Hoeneß gerade drei Mann um die Geschicke des Vereins, steuert heute ein fünfköpfiger Vorstand aus Experten und Ex-Profis den Kickerkonzern, der nach dem Gewinn der Champions League Mitte vergangenen Jahres erstmals mehr als 400 Millionen Euro Umsatz erzielt hatte.

Am längsten arbeitet Ex-Nationalspieler Rummenigge für den Club, seit 2002 als Vorstandschef der AG, die zu gut 75 Prozent dem Verein und je zu 8,3 Prozent Audi, der Allianz sowie Adidas gehört. Die AG führt die Geschäfte rund um den Profifußball und wird kontrolliert von Wirtschaftsgrößen, die sich im Zuge der Hoeneß-Affäre fragen lassen mussten, wie sie es denn mit guter Unternehmensführung halten: von VW-Chef Martin Winterkorn, seinem Deutsche-Telekom-Kollegen Timotheus Höttges und Audi-Boss Rupert Stadler.

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Gleichzeitig ist das Management der AG stärker besetzt als noch vor einem Jahr. Seit Juli 2013 gehört dem Vorstand Jörg Wacker an, zuvor Deutschland-Chef des Wettanbieters bwin. Der 46-Jährige ist zuständig für Internationalisierung und Strategie. Mit Wacker rückte Andreas Jung ins Top-‧Management. Der 52-Jährige verantwortet die Vermarktung des Clubs. Finanzchef Jan-Christian Dreesen, zuvor im Vorstand der HypoVereinsbank, ist seit einem Jahr dabei. Zudem kümmert sich Ex-Profifußballer Matthias Sammer seit Juli 2012 als Sportchef um die Profis. Offenbar haben sich die neuen Bayern-Macher ein gutes Stück vom bisherigen Übervater emanzipiert. Hieß es anfangs noch in der Branche, Marketingfachmann Jung „laufe durch die Türen, die Hoeneß ihm bei Geschäftspartnern öffnet“, hat der längst eigenes Profil entwickelt und genießt einen guten Ruf.

Den wollen die Bayern jetzt auch in Übersee nutzen: Sie werden bereits im April ein Büro in New York eröffnen. „Wir wollen die Marke FC Bayern in den USA stärker positionieren“, sagt Strategie-Vorstand Wacker. Vorbild dürfte Rivale Manchester United sein, der als wertvollster Club der Welt gilt und auf dessen Trikots bald die US-Automarke Chevrolet prangt. Um sich in die Herzen der Amerikaner zu spielen, treten die Bayern auch am 6. August gegen eine Auswahl der US-Profiliga an. Gekickt wird in Portland im US-Bundesstaat Oregon. Bayern-Aktionär Adidas hat hier seine Amerika-Zentrale.

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