Insolventer Stromanbieter Flexstrom-Kunden können auf Teilerstattung hoffen

835.000 Flexstrom-Kunden haben nach der Pleite offene Forderungen an den Stromanbieter, durchschnittlich 140 Euro. Die Gläubigerversammlung weckt zumindest die Hoffnung auf eine Teilerstattung.

Seit Monaten fragen sich die Kunden des insolventen Stromanbieters, ob sie von ihren Vorauszahlungen jemals etwas wiedersehen. Quelle: dapd

In einem der größten Insolvenzverfahren der deutschen Geschichte sind am Mittwoch die Gläubiger zu einer ersten Versammlung zusammengekommen. Allerdings folgten nur etwa 100 Kunden der Flexstrom AG der Einladung des Insolvenzverwalters Christoph Schulte-Kaubrügger. 835.000 Kunden haben noch Forderungen gegenüber dem insolventen Unternehmen, da sie per Vorauszahlung an Flexstrom überwiesen hatten, um im Gegenzug einen günstigen Stromtarif zu bekommen.

Wenn aus Pleiten Kriminalfälle werden
TeldafaxDie Insolvenz von Flextrom weckt Erinnerungen an Teldafax. Das Unternehmen, ebenfalls Stromanabieter, das auf Vorkasse setzte, war Im Sommer 2011 pleite gegangen. Viele Kunden hatten für ihren Strom Vorauszahlungen an Teldafax geleistet, für die sie nach der Pleite keine Gegenleistung mehr erhielten. Nun müssen sich drei frühere Vorstände des Stromdiscounters wegen Insolvenzverschleppung und Betrugs vor Gericht verantworten. Nach 18 Monate dauernden Ermittlungen hat die Staatsanwaltschaft Bonn im Februar Anklage erhoben. Quelle: dpa
Jürgen SchneiderZu den wohl bekanntesten deutschen Kriminalinsolvenzen zählt der Fall des Baulöwen Jürgen Schneider. Er besaß Dutzende teils historische Immobilien, darunter die Mädlerpassage in Leipzig, die Zeilgalerie in Frankfurt oder das Bernheimer-Palais in München. Doch er hatte sein Imperium auf einem gigantischen Schuldenberg errichtet. 5,4 Milliarden Mark hatten im Banken geliehen. Erst als sein Firmenkonglomerat 1994 kollabierte, wurde offenbar, dass sich Schneider die Kredite teils mit falschen Angaben erschwindelt hatte. Die Banken hatten seine Aussagen oft ungeprüft geglaubt. Nach spektakulärer Flucht und Ergreifung wurde der ehemalige zu knapp sieben Jahren Haft verurteilt. Quelle: AP
BelugaAuch der Schiffbruch der Beluga-Reederei im Jahr 2011 hat ein juristisches Nachspiel. Die Staatsanwaltschaft Bremen erhob im Februar Anklage gegen Niels Stolberg wegen Kreditbetruges in mehreren Fällen. Dem Reederei-Gründer wird vorgeworfen, zwischen 2006 und 2010 bei Schiffsneubaufinanzierungen die kreditgebenden Banken belogen zu haben. Stolbergs Sprecher verwies in der Vergangenheit darauf, dass es fraglich sei, ob den Banken ein Schaden entstanden sei, Stolberg habe sich nicht persönlich bereichert. Quelle: dpa
FlowtexÜber die skandalumwitterte Ettlinger Bohrtechnik-Firma Flow-Tex wurde beim Amtsgericht Karlsruhe das Insolvenzverfahren geführt. Flowtex hatte im großen Stil Erd-Bohrgeräte vermietet, die gar nicht existierten. Die Geschäftsführer des Unternehmens, Manfred Schmider und Klaus Kleiser, wurden daher im Februar wegen des Verdachts auf Betrug, Kapitalanlagebetrugs und Steuerhinterziehung verhaftet. Die Gläubiger der Schwindelfirma, bei der sogar die Zahl der Beschäftigten gefälscht war, wurden angeblich um 2,5 Milliarden DM geprellt. Quelle: AP
HessDie börsennotierte Leuchtenfirma meldete Mitte Januar Insolvenz an und schnell geriet die Pleite zum Bilanzskandal. Die Staatsanwaltschaft Mannheim ermittelt wegen des Verdachts auf Betrug und Bilanzmanipulation gegen 15 Personen, darunter auch Geschäftspartner, die mutmaßliche Scheinrechnungen geschrieben haben sollen. Bislang weisen die beiden Hauptbeschuldigten, darunter der entlassene Vorstandschef und der Ex-Finanzvorstand, die Vorwürfe zurück. Quelle: dpa
Phoenix KapitaldienstVon 1992 an hatte der Finanzvertrieb Phoenix Kapitaldienst seinen Kunden Spekulationen auf den Terminmärkten angeboten. Das so eingesammelte Geld sollte in einem speziellen Produkt, dem „Phoenix Managed Account", angelegt werden. Das Geld der Kunden wurde angeblich bei dem Londoner Broker Man Financial verbucht. Doch das angebliche Konto dort gab es nie. Dennoch wies das Unternehmen phantastische Renditen teilweise von mehr als 20 Prozent pro Jahr aus. Spätestens ab 1994 sollen die Angaben reine Illusion gewesen sein. Im März 2005 brach das System zusammen, die Gesellschaft meldete Insolvenz an. Die Geschäftsführerin kam im Juni 2005 in Untersuchungshaft und wurde später wegen Untreue zu einer Haftstrafe von zwei Jahren und drei Monaten verurteilt. Quelle: dpa/dpaweb
SchleckerAuch die Schlecker-Pleite hat ein juristisches Nachspiel. Die Staatsanwaltschaft Stuttgart hat ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts auf Untreue, Insolvenzverschleppung und Bankrott gegen den früheren Drogeriepatriarchen Anton Schlecker und 13 weitere Beschuldigte eingeleitet. Ermittler durchsuchten im vergangen Jahr Wohnungen und Büros und stellten umfangreiche Unterlagen und Dateien sicher. Ob das für eine Anklage reicht, bleibt abzuwarten. Quelle: dapd

Der Energiehändler Flexstrom hatte wegen Zahlungsunfähigkeit im April Insolvenz angemeldet. Das Verfahren wurde Anfang Juli eröffnet. Jetzt hat der Insolvenzverwalter für die Gläubiger eine Zwischenbilanz gezogen. Demnach besteht Hoffnung, dass sie wenigstens einen Teil ihrer Vorauszahlungen wiedersehen. Noch sei nicht klar, wie groß die Insolvenzmasse sein werde, sagte Insolvenzverwalter Christoph Schulte-Kaubrügger im Anschluss an die Gläubigerversammlung in Berlin. Er sei aber zuversichtlich, am Ende den Gläubigern anteilig etwas auszahlen zu können. Zur Insolvenzmasse gehörten vor allem Forderungen an ehemalige Flexstrom-Kunden, die Teile ihrer Rechnungen nicht bezahlt hatten.

Die Unternehmensgruppe, zu der außer Flexstrom auch die Gesellschaften Optimalgrün, Löwenzahn Energie und Flexgas zählen, dürfte gemessen an der Zahl der Gläubiger das größte Insolvenzverfahren in der deutschen Geschichte sein. Die durchschnittliche Forderung dürfte aber lediglich bei etwa 140 Euro pro Gläubiger liegen, sagte Schulte-Kaubrügger.

Der Berliner Anbieter hatte Kunden mit Stromtarifen gelockt, die die Kosten vielfach erst im zweiten oder dritten Jahr nach Vertragsschluss deckten. Ein großer Teil der Kunden kündigte aber schon nach einem Jahr. Viele von ihnen warten noch immer darauf, dass das Unternehmen zugesagte Prämien und andere Vorauszahlungen erstattet.

Flexstrom hatte wegen Zahlungsunfähigkeit im April Insolvenz angemeldet. Das Verfahren wurde Anfang Juli eröffnet. Bislang hätten 130.000 Flexstrom-Kunden ihre Forderungen mit einer Summe von etwa 70 Millionen Euro geltend gemacht, sagte Schulte-Kaubrügger. Der Insolvenzverwalter hatte sie aufgefordert, bis zum 30. Dezember 2013 zu melden, wie viel ihnen zustehe. Die Kunden müssen dazu das inzwischen verschickte Anmeldeformular der Kanzlei  ausfüllen und zurückschicken. Auf eigene Schreiben sollen Kunden verzichten - nur das Formular würde sicherstellen, dass die Ansprüche auch ordnungsgemäß bearbeitet werden. Ein Prüftermin ist für März geplant.

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Inzwischen haben die Flexstrom-Kunden auch ihre Abrechnungen erhalten. Daraus ergibt sich die Förderungshöhe für Gläubiger, die einen Flexstrom-Tarif mit Vorauskasse unterschrieben hatten.

Nach Einschätzung des Insolvenzverwalters von Anfang August gehen jedoch rund 600.000 Kunden nicht leer aus, berichtet der öffentliche-rechtliche Sender RBB auf seiner Homepage.

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