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Julius Reiter im Interview "Stets eine Vielzahl geschädigter Anleger"

Julius Reiter über falsch beratene Lehman-Investoren, unseriöse Methoden von Kollegen und mangelhaften Anlegerschutz.

Julius Reiter, Anwalt für Anlegerschutz und Partner der Kanzlei Baum Reiter & Collegen

WirtschaftsWoche: Herr Reiter, in der Finanzkrise haben zahlreiche Anleger einen Großteil ihres Vermögens verloren. Rennen Ihnen klagewillige Sparer derzeit die Türen ein?

Reiter: Der Bedarf an anwaltlicher Beratung ist derzeit hoch, ganz klar. Allerdings muss ich sagen, dass es auch in den Jahren vor der Finanzkrise stets eine Vielzahl geschädigter Anleger gab. Denken Sie an die Schrottimmobilien-Fälle, das Desaster um deutsche Filmfonds oder an die hochriskanten Unternehmensbeteiligungen der Göttinger Gruppe.

Was ist die größte Herausforderung, wenn Sie zum ersten Mal mit einem Anleger sprechen?

Häufig sind Geschädigte in eine existenzbedrohende finanzielle Schieflage geraten und setzen riesige Hoffnungen in mich und meine Mitarbeiter. Die Schwierigkeit besteht darin, einerseits keine unberechtigten Hoffnungen zu wecken, sondern die juristischen Möglichkeiten realistisch zu schildern. Andererseits müssen wir ihnen Mut machen, ihre Kräfte zu sammeln, um sich mit unserer Hilfe gegen die Finanzdienstleister zu wehren.

In den vergangenen Monaten hat sich gezeigt, dass die Chancen von Anlegern vor Gericht oft keineswegs rosig sind. Die ersten Schadensersatzklagen von Bankkunden, die in Zertifikate der US-Investmentbank Lehman Brothers investiert hatten, gingen verloren.

Das waren meines Erachtens Schnellschüsse. Schadensersatzklagen von Anlegern müssen sorgfältig vorbereitet werden – und das kann dauern. Als Anwalt gilt es intensiv zu prüfen, ob der Prospekt zu dem Zertifikat juristisch korrekt und betriebswirtschaftlich plausibel ist, wie das Beratungsgespräch mit dem Mandanten ablief und welche internen Anweisungen es an die Kundenberater gab. Um all das zu untersuchen, arbeiten wir in einem Team von spezialisierten Mitarbeitern – als Einzelkämpfer stünde ich auf verlorenem Posten. Zudem holen wir immer wieder externes Know-how dazu.

Was heißt das?

Wir arbeiten eng mit Gutachtern, Wirtschaftsprüfern und -detekteien zusammen. Bisweilen suchen wir auch den Kontakt zu ehemaligen Mitarbeitern von Banken, um zu erfahren, wie der Vertrieb von Fonds oder Zertifikaten tatsächlich abgelaufen ist. Denn nur wenn wir den Sachverhalt intensiv geprüft haben, können wir seriös entscheiden, ob eine Schadensersatzklage realistische Erfolgsaussichten hat. Die Lehman-Fälle zeigen, wie schwierig es ist, die Gerichte von einem Schadensersatzanspruch wegen Falschberatung zu überzeugen.

Eines der großen Probleme dabei ist ja: Wenn Anwälte auf Teufel komm raus klagen, macht sich das bezahlt. Denn ihr Honorar bekommen sie in jedem Fall – egal, ob sie einen Prozess gewinnen oder verlieren.

Genau. Einige Anwälte neigen leider dazu, die juristischen Scheuklappen aufzusetzen und nach Schema F vorzugehen: Rechtslage prüfen, Klageschrift einreichen, abrechnen. Diese Vorgehensweise bringt jedoch meist keinen Erfolg für den Mandanten, weil im Kapitalanlagerecht aufwendige Hintergrundrecherchen notwendig sind. Außerdem gibt es leider einige schwarze Schafe in unserer Branche, die Geschädigten auch bei schlechten Erfolgsaussichten das Blaue vom Himmel versprechen und sofort vor Gericht ziehen. Solche unseriösen Methoden haben in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Es geht einigen Anwälten häufig hauptsächlich darum, hohe Umsätze zu generieren.

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