Kalte Progression Wann Sie die Gehaltserhöhung besser ablehnen sollten

Kalte Progression: Für wen sich eine Gehaltserhöhung nicht lohnt Quelle: Getty Images

Gehaltserhöhungen sind meist ein Grund zur Freude. Doch es gibt Situationen, in denen Sie auf das Lohnplus verzichten sollten, weil es Ihnen nicht mehr Geld bringt, sondern Sie im Extremfall sogar zusätzlich belastet.

Es ist ein Phänomen, das jeder kennt, der schon einmal eine Gehaltserhöhung bekommen hat: Die auf dem (Brutto-)Papier so stolze Zahl sieht netto auf dem Konto plötzlich gar nicht mehr so beeindruckend aus. Grund ist die sogenannte kalte Progression, also das Zusammenspiel von Steuer- und Abgabenlast sowie wegfallende Sozialleistungen. Dabei werden unterschiedliche Einkommen unterschiedlich stark belastet – im Extremfall so stark, dass die Gehaltserhöhung sogar Mehrkosten verursacht.

Wann jeder einzelne wie viel von einer Gehaltserhöhung abgeben muss, hat das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) im Auftrag der Bertelsmann Stiftung berechnet. Da der Grenzsteuersatz gerade bei niedrigen Einkommen besonders steil ansteigt, lohnen sich Gehaltserhöhungen demnach ausgerechnet im Niedriglohnsektor besonders wenig. Gutverdiener hingegen leiden kaum unter der kalten Progression. "Das ist jedoch geradezu absurd, denn so wird Leistung dort bestraft, wo sie sich am meisten lohnt", sagt Andreas Peichl, Hauptautor der Studie, "nämlich bei kleinen und mittleren Einkommen." In ihrer Studie unterscheiden die ZEW-Experten zwischen sechs exemplarischen Lebenssituationen:

1. Single
2. Alleinerziehender mit Kind
3. Alleinverdiener-Paar mit Kind
4. Alleinverdiener-Paar mit zwei Kindern
5. Doppelverdiener-Paar ohne Kinder
6. Doppelverdiener-Paar mit zwei Kindern.

Für unsere Übersicht wurde nun ausgewertet, wann sich eine Gehaltserhöhung lohnt. Dabei wurde "lohnen" so definiert, dass mindestens 21 Cent von jedem zusätzlich verdienten Euro tatsächlich im Portemonnaie ankommen. Die Ergebnisse im Detail:

1. Single

Wenn ein Single Hartz IV bezieht, werden mögliche Einkünfte bis zu einer Höhe von 1200 Euro im Jahr nicht auf seine Sozialleistung angerechnet. Für jeden Euro, der darüberliegt, reduziert sich der Hartz-IV-Satz jedoch um 80 Cent und das bis zu einem Jahreseinkommen von 12.000 Euro. Wer oberhalb der Hartz-IV-Grenze im Niedriglohnbereich zwischen 12.000 und 14.400 Euro im Jahr arbeitet, leidet durch den Wegfall der Sozialleistung unter einer Grenzbelastung von 90 Prozent, bei Einkommen zwischen 14.400 und 17.000 Euro sogar unter einer 100-prozentigen Belastung. Jeder zusätzlich verdiente Euro wird also durch eine Senkung der Hartz-IV-Bezüge exakt ausgeglichen. Im Klartext: Es lohnt sich nicht, mehr zu verdienen.

Bei allen darüberliegenden Gehältern liegt die Grenzbelastung bei zwischen 43 und 53 Prozent, von einer Gehaltserhöhung bleibt also ungefähr die Hälfte übrig. Am meisten lohnen sich Gehaltserhöhungen für Einkommen ab der Grenze von 74.400 Euro im Jahr, der Beitragsbemessungsgrenze der Rentenversicherung. Ab hier liegt die Grenzbelastung konstant bei 44 Prozent, von jedem hinzuverdienten Euro können also netto 56 Cent behalten werden.

Zwischenfazit: Für Singles lohnen sich Gehaltssteigerungen bei Gehältern zwischen 1200 und 14.400 Euro kaum und zwischen 14.400 und 17.000 Euro gar nicht.

2. Alleinerziehender mit Kind

Ähnlich wie Singles leiden auch Alleinerziehende mit einem Kind ab einem Einkommen von 1200 Euro im Jahr unter einer Grenzbelastung von 80 Prozent und ab 12.000 Euro von 90 Prozent. Ab etwa 14.100 Euro muss Lohnsteuer gezahlt werden, sodass es hier zu einer Grenzbelastung von mehr als 100 Prozent kommen kann – der Alleinerziehende zahlt also für jeden verdienten Euro drauf. Gleichzeitig übersteigen Wohnungsgeld und Kinderzuschläge ab hier Hartz IV, sodass die Grenzbelastung direkt nach der Schwelle abrupt auf 66 Prozent sinkt. Doch schon bei einem Einkommen von 16.100 Euro springt die Grenzbelastung wieder auf über 90 Prozent, bei 18.000 Euro gar auf 100 Prozent, da der Kinderzuschlag überproportional stark sinkt.

Bei 19.600 Euro fällt der Kinderzuschlag ganz weg, was dazu führt, dass die Grenzbelastung auf 120 Prozent explodiert – der Alleinerziehende muss also für jeden zusätzlich verdienten Euro 1,20 Euro abgeben. Bis zu einem Einkommen von 21.400 Euro liegt die Grenzbelastung wieder bei 100 Prozent, weil jeder verdiente Euro mit nun wieder beantragbaren Sozialleistungen verrechnet wird. Ab 21.400 liegt die Belastung dann bei 80 Prozent, bis sie bei 23.800 Euro wieder auf weit über 100 Prozent schnellt, weil an dieser Grenze das Wohngeld wegfällt. Danach sinkt die Grenzbelastung dauerhaft auf einen Bereich zwischen 42 und 53 Prozent.

Zwischenfazit: Für Alleinerziehende mit Kind lohnen sich Gehaltshöhungen erst bei vergleichsweise hohen Gehältern: Bis zu einem Jahreseinkommen von 23.801 Euro kommt von Lohnzuwächsen fast nichts bis nichts bei dem Alleinerziehenden an. An den Gehaltsschwellen von 14.100 Euro, 19.600 Euro und 23.800 Euro bedeutet eine Gehaltserhöhung sogar kurzzeitig einen Verlust. Ausgenommen ist der schmale Bereich zwischen 14.101 und 16.099 Euro, in dem von jedem zusätzlichen Euro immerhin 34 Cent übrigbleiben.

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