Kapital-Rücktransporte Die obskuren Geldtransfers deutscher Rentner

Schweizer Banken und deutsche Zollbeamte registrieren derzeit eine ganz spezielle Art von  Kapital-Transfer. Die einen, weil deutsche Kunden ihr Geld wieder abholen und die anderen, weil sie es über die Grenze bringen wollen – auf abenteuerliche Weise.

Immer mehr Deutsche versuchen ihr Geld am Zoll vorbei zu schmuggeln Quelle: dpa

Dort, wo die Gemeinde Hüntwangen an die Gemeinde Dettighofen grenzt, schlängelt sich die Bergstraße den kleinen Mittelgebirgsrücken hoch. Die Zollstation Bühl muss man nicht unbedingt nehmen, man kann sich auch schon vorher bequem in die Büsche schlagen. Einige machen das in diesen Tagen so, wenn sie zum Brombeerpflücken unterwegs sind. Durch Mischwald in den Holenweg, und dann, via Langgass Richtung Kreisstraße 6577. Die Kreisstraße ist bereits in Deutschland, Landkreis Waldshut-Tiengen, die Langgass in der Schweiz.

Diese Route nimmt beispielsweise ein südpfälzisches Ehepaar. Er 78, sie 75 Jahre alt. Man kommt aus Zürich von der Bank und ist mit dem Auto unterwegs nach Hause. Die  Zollbeamten, die plötzlich wie aus dem Nichts vor den Winzerleuten stehen, stellen ihre Standardfrage. Nachdem die Reisenden geantwortet haben, sie haben nichts anzumelden, schaut das Auge des Gesetzes genauer nach – und wird fündig: 27.500 Euro in den Schuhen der beiden sowie 30.000 Euro in der Handtasche der Frau und in der Brieftasche des Mannes. Die beiden erzählen daraufhin den Zöllnern, sie seien schon zweimal im Ausland beraubt worden und würden nun das Geld etwas sicherer bei sich tragen.

Epochaler Kurswechsel

Da will es der 75-Jährige aus dem Großraum Frankfurt am Main etwas geschickter anstellen, der in einer Plastiktüte, die er neben dem Innenraumfilter am Motor deponiert, 70.000 Euro in 500er Scheinen transportiert. Zivilfahndern ist er auf der Rastanlage Breisgau an der A5 nahe Freiburg aufgefallen. Der Mann kommt aus der Schweiz und hat in Weil am Rhein die Deklarierung vergessen. Jetzt droht nicht nur ein Bußgeld, es kommt auch noch zu einer Anzeige wegen Steuerhinterziehung. Und 18.000 Euro muss er als Sicherheit schon einmal da lassen, weil er einen ausländischen Pass besitzt.

Fragen und Antworten zum deutschen Vermögen in der Schweiz

"Schweizer Banken ordnen Geld deutscher Kunden" berichtete Anfang September die "Frankfurter Allgemeine", und zitierte dabei den Präsidenten der Schweizer Bankiersvereinigung, Patrick Odier: "Sofern die deutschen Schwarzgeldbesitzer nicht eine strafbefreiende Selbstanzeige wählen, bleibt ihnen nur noch der unsichere Weg der Kontoauflösung."

Bereits im April hatte UBS-Verwaltungsratspräsident Axel Weber den epochalen Kurswechsel verkündet. Seine Bank stellt Kunden, die sich der Legalisierung ihres Vermögens widersetzen, "ein Ende der Geschäftsbeziehung" in Aussicht. Mittlerweile registrieren in  den Geldhäusern zwischen Genf und St. Gallen die mit Auslandskunden Betrauten einen außergewöhnlich regen Abfluss. Dabei geht längst nicht alles nach Singapur. Über die Kunden, sofern es sich um Deutsche handelt, heißt es, dass deren Namen auf keiner der vielen ominösen CDs zu finden sind, die gegenwärtig in deutschen Amtsstuben ausgewertet werden, sondern dass es sich um Anleger handelt, die  einfach nur Glück hatten. Jetzt wollen sie das Geld in Sicherheit bringen, denn sie wissen: In der Schweiz  kann es – zumindest unter den veränderten Voraussetzungen  – nicht mehr bleiben; die Schweizer Banken machen rigoros klar Schiff.

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